/

Sieben Storys über ein Gefühl

Eine Frau wartet auf den Killer, den sie selbst bezahlt hat. Ein Osloer Müllmann stößt auf die Spuren eines Mordes, den er begangen hat, an den er sich aber nicht erinnern kann. Ein bekannter Schriftsteller erfindet sich ein alternatives Leben. Ein Kommissar aus Athen versucht auf der griechischen Insel Kalymnos, hinter das Geheimnis zweier Brüder zu kommen. Die sieben Geschichten des norwegischen Bestseller-Autors Jo Nesbø drehen sich samt und sonders um das Gefühl, welches der für Nesbø untypisch schmale Band im Titel trägt: Eifersucht. Von DIETMAR JACOBSEN

Kommissar Nikos Balli aus Athen ist Eifersuchtsexperte. Er weiß, dass 80 Prozent aller Verbrechen aus Leidenschaft begangen werden. Wenn dieses zerstörerische Gefühl bei einem Fall im Spiel zu sein scheint, dann hat Balli seine großen Auftritte als der »Mann mit der Wünschelrute, der dort auf den Boden zeigt, wo es Wasser gibt«. Als deshalb auf der von Klettersportlern stark frequentierten Insel Kalymnos ein amerikanischer Tourist verschwindet und die Polizei schnell ahnt, dass zwischen Franz Schmid, dem Vermissten, und seinem Zwillingsbruder Julian eine Frau gestanden haben könnte, lässt man den Athener Eifersuchtsexperten einfliegen. Natürlich löst der den Fall. Aber die Geschichte, die dahintersteht, erinnert ihn an Momente in seinem Leben, da er selbst zum ersten Mal den verzehrenden Hass auf einen anderen verspürte.

Der Kommissar und das Zwillingsproblem

Jo Nesbø kennen die Leser vor allem als Erfinder des Osloer Ermittlers Harry Hole. In bisher 12 Bänden ließ der heute 61-jährige Schriftsteller und Musiker diesen Mann immer dann antreten, wenn die zu lösenden Fälle von ausgesuchter Perfidität zeugten. Von Zeit zu Zeit lockerte Nesbø die international äußerst erfolgreiche Reihe mit einem Standalone auf, etwa mit dem auch erfolgreich verfilmten Thriller Headhunter (2011) oder 2018 mit seiner an den Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts verlegten Version des Macbeth-Stoffes. Dass der Norweger auch Kinderbücher geschrieben und gelegentlich für das Fernsehen gearbeitet hat, stellt eine weitere, hierzulande kaum bekannte Facette seines Schriftstellerlebens dar. Nun also eine Geschichtensammlung, die aus unterschiedlichen Perspektiven ein und dasselbe Thema beleuchtet: die Eifersucht.

Die Texte spielen – außer auf der eingangs erwähnten griechischen Insel – auf einem Flug von New York nach London, in der Warteschlange eines 7-Eleven-Ladens, unter Osloer Müllmännern, beim Verhör eines Mörders in dessen Haus durch einen Kriminalkommissar, wobei Ersterer das bessere Ende für sich verbuchen kann, im Kopf eines erfolgreichen Schriftstellers, der nur allzu gern ein anderer wäre, und auf der Rückbank eines Taxis, wo eine korpulente Frau plötzlich merkt, dass sie auf einem Ohrring sitzt, und damit die seltsamsten Gedankenspiele beim Fahrer auslöst.

Den besten Satz zum Leitthema des Bandes lässt übrigens jener Kommissar Nikos Balli, der sich wie kein Zweiter mit aus Eifersucht begangenen Taten auskennt, gleich zu Anfang fallen: »Eifersucht hat weder einen spezifischen Geruch noch eine besondere Farbe oder einen typischen Sound. Aber sie hat eine Geschichte. Und wenn ich dieser Geschichte lausche, und zwar sowohl dem, was gesagt wird, als auch dem bewusst verschwiegenen Text, erkenne ich, ob vor mir ein verzweifeltes, verletztes Tier sitzt.«

Eifersucht und Gewalt

Obwohl auch in Eifersucht gemordet wird, geht es doch alles in allem lange nicht so blutig und brutal zu wie in Nesbøs Thrillern. Nicht Action treibt die Geschichten an und macht sie spannend, sondern der Blick in die Innenwelten der Figuren, den uns der Autor eröffnet. Da stößt man dann sehr oft auf männliche Unsicherheit, die den Prozess des Beargwöhnens, aus dem sich später Hass entwickelt, erst in Gang setzt. In der Regel steht in den Geschichten dabei eine Frau zwischen zwei Männern. Dem umgekehrten Fall, also dem eines Mannes zwischen zwei Frauen, hat der Autor leider keinen Text gewidmet. Das ist umso bedauerlicher, als dadurch das Männerbild in den Erzählungen ein wenig stereotyp erscheint. Denn ob Müllmann oder Schriftsteller, Student oder Taxifahrer – sie alle reagieren auf erste Hinweise, dass sie von ihren Partnerinnen hintergangen worden sein könnten, in der Regel mit Gewalt.

Die sieben Geschichten des Bandes zeigen Nesbø als einen Autor, der sich durchaus auch auf der Prosa-Kurzstrecke wohlfühlt. Außer bei der Titelstory, die sich durch ihren Umfang von über 100 Seiten etwas von den sechs anderen Stories abhebt, muss zügig auf den Punkt gekommen werden. Und das gelingt dem Autor in der Regel vorzüglich. Das die eine oder andere Story dabei auch ein Quäntchen schwarzen Humors enthält, trägt zusätzlich zum Lesevergnügen bei. Verschwiegen soll aber auch nicht werden, dass – Kurzgeschichten hin oder her – Nesbø-Leser wohl auch nichts gegen einen neuen Harry-Hole-Thriller einzuwenden hätten. Denn seit dem letzten, Messer, sind bereits wieder vier Jahre vergangen.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Jo Nesbø: Eifersucht
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
Berlin: Ullstein Verlag 2021
268 Seiten. 22,99 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Jo Nesbø in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Das Abenteuer der Malerei

Nächster Artikel

Wie geht’s dir?

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

Unprätentiös…

Film | Im TV: Kalter Engel (MDR), 4. November …kommt er uns auf den Bildschirm, und das ist ein denkbar guter Einstieg für Erfurt. Eine mitreißende Eröffnungsszene, dramatisch mit Musik unterlegt. Klar, dass diese Verfolgungsjagd erfolgreich endet. Von WOLF SENFF

Die Rache des Phantoms

Roman | Alex Beer: Felix Blom. Der Häftling aus Moabit

Berlin 1878. Als der Dieb und Betrüger Felix Blom nach drei Jahren Einzelhaft wieder freikommt, stehen zwei Dinge auf seiner Agenda: sich an dem Mann zu rächen, der ihn mit einem hinterhältigen Trick ins Gefängnis gebracht hat, und wieder in jene Kreise aufzusteigen, in die er es schon einmal geschafft hatte. Allein er hat mächtige Widersacher. Die Polizei sähe den raffinierten Burschen, der sie jahrelang an der Nase herumgeführt hat, am liebsten wieder sicher verwahrt. Und sein Konkurrent um die Gunst der schönen Auguste Reichenbach, Baron Albert von Mesar, beeilt sich, der begehrten Bürgerlichen einen Antrag zu machen, um nicht noch einmal ins Hintertreffen zu geraten. Und schließlich ist da auch noch ein Psychopath mit Todesankündigungen unterwegs, auf dessen Schwarzer Liste Blom ziemlich weit oben zu stehen scheint, ohne dass er weiß, womit er sich diese zweifelhafte Ehre verdient hat. Von DIETMAR JACOBSEN

Volltreffer

Comic | Matz (Text) / Luc Jacamon (Zeichnungen): Der Killer

Der »Killer« wird von Szenarist Matz und Zeichner Luc Jacamon seit 1998 von reichen Auftraggebern auf seine Opfer losgelassen. Als Leser folgt man seinem Blick auf die Welt entlang seines Gewehrlaufs. Das fesselt und packt – und lässt sich nun mit dem ersten abgeschlossenen Band einer dreibändigen Gesamtausgabe neu erleben. Von CHRISTIAN NEUBERT

Ein prägendes Strukturprinzip

Hendrik Buhl, Tatort. Gesellschaftspolitische Themen in der Krimireihe TATORT ist und bleibt im Gespräch. Er prägt den Anfang oder, wem das besser gefällt, das Ende der Woche, jedenfalls den Sonntagabend, ist eine der letzten Familienbastionen auf unseren Flachbildschirmen, und es gibt seit Längerem die Tradition, sich in Cafés oder Bars zu versammeln, um den TATORT gemeinsam zu genießen. Mitunter ergattert man den letzten Platz in einem Café, in dem sich studentisches Publikum sammelt. Spießbürgertum bei der nachwachsenden Generation? Wer weiß das schon, die Welt ist bunt. Seit einiger Zeit gibt es sogar das eigenständige satirische Format Tatortreiniger. Von WOLF SENFF

Du bist überall

Roman | Michael Kumpfmüller: Wir Gespenster

»Mein Glück besteht darin, dass ich immer schreiben wollte, spät damit angefangen habe, jetzt aber seit über Jahren schreibe – ich auch weiter schreiben kann, was ja immer eine ökonomische Frage ist«, bekannte Erfolgsautor Michael Kumpfmüller in einem Interview. Die Erfolgsgeschichte des inzwischen 63-jährigen Autors begann im Jahr 2000 mit seinem von der FAZ damals vorab gedruckten Romanerstling Hampels Fluchten. Mit Nachfolgewerken wie den verfilmten und in 27 Sprachen übersetzten Roman Die Herrlichkeit des Lebens (2011), Die Erziehung des Mannes (2016) und Tage mit Ora (2018) feierte er respektable Erfolge. Von PETER MOHR