Ein prägendes Strukturprinzip

in Krimi/Kulturbuch/Tatort

Hendrik Buhl, Tatort. Gesellschaftspolitische Themen in der Krimireihe

TATORT ist und bleibt im Gespräch. Er prägt den Anfang oder, wem das besser gefällt, das Ende der Woche, jedenfalls den Sonntagabend, ist eine der letzten Familienbastionen auf unseren Flachbildschirmen, und es gibt seit Längerem die Tradition, sich in Cafés oder Bars zu versammeln, um den TATORT gemeinsam zu genießen. Mitunter ergattert man den letzten Platz in einem Café, in dem sich studentisches Publikum sammelt. Spießbürgertum bei der nachwachsenden Generation? Wer weiß das schon, die Welt ist bunt. Seit einiger Zeit gibt es sogar das eigenständige satirische Format Tatortreiniger. Von WOLF SENFF
tatort
Schon 2005 hieß es, TATORT sei »der wahre deutsche Gesellschaftsroman«. Dieser These geht Hendrik Buhl in seiner Untersuchung nach, sein Material bilden die vierunddreißig TATORT-Erstausstrahlungen des Jahres 2009. Es ist ein groß angelegtes Unterfangen, zumal in dieser Dissertation der Anspruch erhoben wird, herauszufinden, wann die »sozialweltlichen Verankerungen der Krimis nur als Kulisse zur Ausbreitung spannender Geschichten« dienen. Das ist eine schwierige Differenzierung.

Unser Sonntagabend-Krimi als »soziale Autorität«

Buhl geht, anknüpfend an den Hegemonie-Begriff Antonio Gramscis, davon aus, dass »hegemoniale Großprojekte« wie die TATORT-Reihe als »soziale Autoritäten« gelten müssen, die »den Rahmen dessen abstecken, was im Alltagsverständnis der Leute gerade als sag- und wissbar, zustimmungsfähig und zustimmungspflichtig, wünschens- und verachtenswert, lobens- und tadelnswert gilt«, TATORT liefere »Orientierung bietende Wirklichkeitsdefinitionen«.

Er untersucht das exemplarisch und sehr detailliert an einigen TATORT-Filmen, die in der Arbeitswelt spielen, beispielsweise an Kassensturz (WDR 2009) von Stephan Falk (Drehbuch) und Lars Montag (Regie). Der Mord in diesem TATORT ereignet sich in der Belegschaft eines Discounters und ist verursacht durch die drückenden Arbeitsbedingungen und das einschüchternde Betriebsklima. Man mag das kaum glauben – Sicherheitsfirmen wurden beauftragt, Warendiebstähle durchzuführen, um die Aufmerksamkeit der Kassiererinnen zu kontrollieren. Nein, das ist keine Erfindung des Drehbuchs.

Alles nur Einzelfälle, alles nur Einzelfälle

Die Belastungen durch die Mehrarbeit reichen im Film wie in der Wirklichkeit bis tief in die Privatsphäre der Angestellten. Dass für Kassensturz sorgfältig, intensiv und treffend recherchiert wurde, wird deutlich, als parallel zum Drehbeginn unversehens der Bespitzelungsskandal beim Discounter Lidl öffentlich wurde (Stern, März 2008, und: Schwarzbuch Lidl: Erniedrigung gehört zum Alltag, Hamann/Giese 2004, ver.di).

Schwierigkeiten, die der Gründung eines Betriebsrats in den Weg gelegt werden, sind in Kassensturz realistisch dargestellt, die sich organisierenden Frauen werden durch die Betriebsleitung wie Verbrecher behandelt, die Überwachung der Privatsphäre durch einen Privatdetektiv hat ihr Vorbild in der Realität. Vermittels eines fiktiven Einzelfalls weist also Kassensturz auf die Zustände in einer ganzen Branche hin und zeigt auf diese Weise, dass TATORT gesellschaftliche Realität, sprich: Konfliktfelder, abbildet.

Am Tag nach der Erstausstrahlung sah sich denn auch der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels veranlasst zu erklären, dass es sich bei den dargestellten Sachverhalten um »Einzelfälle« handle, deren Verallgemeinerung »der großen Mehrheit der Unternehmen, ihrer Führungskräfte und Mitarbeiter Unrecht tun« würde. Das sind die allseits bekannten politischen Rituale, mit denen man das zerschlagene Porzellan vergessen machen möchte.

Sensible politische Themen, professionell recherchiert

Diese thematische Verwurzelung von TATORT in gesellschaftspolitischen Themen kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Hendrik Buhl weist diesen Sachverhalt sorgfältig und überzeugend an mehreren Beispielen nach. So basiert etwa der TATORT Schweinegeld (RBB) darauf, dass in ganz Europa Schlachthöfe dichtgemacht und nach Deutschland verlagert werden, denn Deutschland lockt mit Rahmenbedingungen, mit denen der Rest Europas nicht mithalten kann: tausende Billigarbeiter aus Osteuropa schuften zu Löhnen von teilweise unter fünf Euro bis zu zwölf Stunden täglich. Auch der seinerzeit brandaktuelle Gammelfleisch-Skandal ist in diese politischen Zusammenhänge eingebracht.

Buhl, der den gesamten TATORT-»Jahrgang« untersucht, zeigt immer wieder, wie die Reihe ihre Fälle höchst professionell auf politisch sensiblen Themen aufbaut, in Rabenherz (WDR) etwa auf dem Personal- und Zeitmangel in der Krankenhauspflege, in Neuland (HR) auf den für Familienbetriebe oft katastrophalen Mechanismen globaler Ökonomie, in Mauerblümchen (MDR) u.a. auf den Themen Prostitution und Organhandel, in Oben und unten (RBB) auf dem Beispiel farbiger Putzkräfte und dem sozialen Gefälle in der Hauptstadt.

Beliebigkeit – ja, die gibts schon

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele. Der Autor lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ein dramaturgisches Prinzip, das für die Reihe TATORT prägend ist und zweifellos eine gewichtige Orientierung für Drehbuchautoren bildet.

Das ist um so wichtiger in einer Zeit, in der sich die Reihe dem Vorwurf der Beliebigkeit ausgesetzt sieht, weil es starke Bestrebungen gibt, diese gesellschaftspolitische Orientierung aufzulösen und durch eine actionbetonte Dramaturgie zu ersetzen, wie es etwa beim NDR Hamburg mit der Besetzung durch den unbedarften Teenie-Star Schweiger und dessen Freundeskreis geschieht. Andere Versuche, diese Tradition aufzulösen, waren bereits Murot, der Kommissar mit Hirntumor (Ulrich Tukur), oder der nach einer ebenfalls delirierenden Geisterwelt-Folge immer noch seine Rolle suchende »Doppelkonsonanten«-Kommissar der Reihe Polizeiruf 110, Hanns von Meuffels (Matthias Brandt).

Umso wichtiger, dass wir kompetent an ein prägendes Strukturprinzip des TATORT bzw. des Sonntagabend-Krimi erinnert werden.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Hendrik Buhl, Tatort. Gesellschaftspolitische Themen in der Krimireihe
Konstanz und München: UVK 2013
358 S., 34 Euro

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