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»Wer ins Wespennest sticht, wird gestochen«

Film | Im TV: TATORT 902 Abgründe (ORF), 2. März

Die beiden dürfen das. »Wir arbeiten in einem unfassbaren Saustall.« Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) klären auf. Abgründe bildet Strukturen eines von Betrug, Lügen und Fälschungen durchsetzten Polizeiapparats ab, von Schmiergeldzahlungen und Verflechtungen mit lokalen Wohnungsbauunternehmen, der Film Noir erlebt seit einiger Zeit sein zaghaftes Revival im TATORT. Von WOLF SENFF

Tatort - Abgründe.  Foto: ORF/Petro Domenigg
Tatort – Abgründe Foto: ORF/Petro Domenigg
Es ist Winter, es ist kalt, der Schnee an den Rändern matschig, wer hielte sich unter diesen Umständen im Freien auf. Abgründe ist düster und morbide in allerschönster Wiener Tradition, die ersten Sequenzen lassen da nicht die geringsten Missverständnisse aufkommen. Das Opfer wird (erstens) im maroden Keller eines Abbruchhauses gefunden, das (zweitens) ein Jahr lang versiegelt gewesen war, weil (drittens) hier Melanie Pölzl fünf Jahre lang eingesperrt war, bevor sie floh. Der angebliche Täter hatte danach keinen Ausweg gesehen und sich vor einen Zug geworfen, der Fall ist offiziell abgeschlossen. Bei dem Opfer handelt es sich (viertens) um Franziska Kohl, die seinerzeit die Soko Melanie leitete; trotz Suspendierung war sie dem Fall weiter nachgegangen. »Sie hat unter Verfolgungswahn gelitten« lautet (fünftens) die amtliche Version der Vorgesetzten, und ihr Tod sei ein Unfall. Klar, dass Eisner davon nicht überzeugt ist.

Eine verworrene, desorganisierte Alltagswelt

Er setzt sich gegen interne Widerstände und gegen den Einfluss höchster Kreise durch. Da werden Akten frisiert, Beweise verschwinden, Betrüger sind befördert, das Geschehen ist dramatisch inszeniert, es geht selbstverständlich nicht ohne Blessuren ab. Der erfahrene und abgeklärte Eisner überzeugt, die standhafte Kollegin hält zu ihm – »Außerm Brief gehm wia nix auf« –, der ORF bringt’s.

Harald Krassnitzer spielt seine Figur nicht als triumphalistischen Helden, sondern versteht sich zurückzunehmen hinter eine verworrene, desorganisierte Alltagswelt, die weitsichtig vom Verfall staatlicher Strukturen kündet und von den drahtziehenden paramilitärischen Gestalten im Hintergrund. Das kommt uns alles vertraut vor, »Und jetzt sagen Sie mir: Wie kann jemand wie Sie noch auf freiem Fuß sein?« – »Weil … wir in einem Rechtsstaat leben«, und so gesehen ist es vermutlich treffender, von realistischem TV zu reden als vom Film Noir. Doch wer möchte schon darüber streiten.

Mehr ORF bitte oder bitte nicht

Und letztlich gilt: Keiner geht hier unbeschadet heraus, auch Eisner kommt nicht ohne Blessuren davon. »Da steht einer öffentlich für Recht und Ordnung ein, und privat ist er genau so ein Oaschloch wie all die andern.« Ein dicht sortierter, verwickelter Fall, der noch im Zickenkrieg zwischen Bibi Fellner und der Eisner-addikten Assistentin einen gefälligen Höhepunkt zu setzen versteht (Drehbuch: Uli Brée).

Die Handlung wird flott und zügig abgearbeitet (Regie: Harald Sicheritz), sie erfährt nach der Hälfte der Zeit eine rasante Zuspitzung, der Fall öffnet sich, weitet sich aus. Auch der Verzicht auf Sentimentalität, Kitsch, Rührseligkeit scheint allmählich zum Markenzeichen zu werden, das gestaltet sich angenehm, man ist beinahe geneigt zu sagen, wir wünschen uns mehr TATORT auf dem künstlerisch anspruchsvollen Niveau des Österreichischen Rundfunks.

Vorbild USA

Man soll aber bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend loben, und es gibt zum Schluss hin gute Gründe, zu sagen, dass Abgründe überdreht ist und überhäuft wird mit Versatzstücken von Kriminalfilm, die allzu beliebig eingehängt sind. Nicht nur, dass auf einmal das Thema Kinderprostitution breit aufbereitet wird, sondern nun wird auch mit unkonventionellen Methoden privat ermittelt, das Genre tritt sonderbar crossover auf und kippt aus den Fugen, der wiederholte Gag mit dem PKW tötet den letzten Nerv. Abgründe verlässt die Bahnen des TATORT-Formats, wird ungewöhnlich alarmistisch, und der Schluss, schade drum, ist rumpelig aufgestellt.

Es ist eine denkwürdige, vielleicht auch interessante Wende dieses TATORT-Films, man wird sehen, mit den Nordlicht-TATORTen des NDR Hamburg stehen weitere nach den Mustern von Serienformaten der USA gestrickte Sonntagabende ins Haus.

Abscheulich, abstoßend, wir haben’s kapiert

Überhaupt fragt man sich eh, ob den verantwortlichen Redakteuren und Drehbuchautoren die Fantasie ausgeht. Man zählt ja schon nicht mehr mit. Zum wievielten Mal wird Kinderprostitution, Kinderpornographie im TATORT serviert? Schrecklich, schrecklich, abscheulich, abstoßend…, kein Zweifel, überhaupt niemand widerspricht – die Botschaft ist seit Jahren angekommen.

Und gibt’s nicht thematisch anderes? Börsenmanipulation? Steuerhinterziehung? Pressekampagnen? Wirtschaftskriminalität? Korruption? Anlagebetrug? Internetrufmord? Ach ja, den hatten wir kürzlich, war rangehängt, na, an was wohl, an Kindesmissbrauch. Geheimdienste, weiß man in Zeiten von Snowden, wären ebenfalls kein Thema von gestern. Doping. Wettbetrug. Die Welt ist groß und voller Leben überall. Netzkriminalität. TATORT wirkt da in letzter Zeit verschnarcht, originell buchstabieren wir anders. Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändert.

| WOLF SENFF

Titelangaben
TATORT: Abgründe (ORF)
Regie: Harald Sicheritz
Ermittler: Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser
So., 2. März, ARD, 20:15 Uhr

Reinschauen
Alle Sendetermine und Online-Abruf auf DasErste.de
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