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Ein TATORT möchte hoch hinaus

Film | Im TV: TATORT 904 – Frühstück für immer (MDR), 16. März

Übel & gefährlich. Schon wieder jemand tot in der Badewanne, denkt man während der ersten Bilder, und ob das wirklich sein muss. Nein, gar nicht wahr. Die Dame duscht ja noch, und es handelt sich auch nicht um Eva Saalfeld (Simone Thomalla). Ein hübsches Kind ist diese Tochter und der Mama wie aus dem Gesicht geschnitten. Man sagt das. Doch. Sprache kann ja so gemein sein. Sicher, es geht diesmal auch um Schönheitschirurgie. Von WOLF SENFF [Foto: ORF/ARD/Steffen Junghans.] 

Tatort "Frühstück für immer." Foto: ORF/ARD/Steffen Junghans.
Tatort „Frühstück für immer.“ Foto: ORF/ARD/Steffen Junghans.
»In zwei Wochen«, sagt Caro, das hübsche Kind, die Tochter (Helen Woigh), »werde ich einundzwanzig«, und hat sich mit Maik Sartorius (Franz Dinda) verlobt, doch zurzeit treten nur viel fröhliche Frauen auf. »Dicke Männer sollen unheimlich zärtlich und liebevoll sein.« Die Damen, wie spaßig, sie schwelgen im Vergangenen. »Das war in der dritten Klasse, er hat immer sein Sportzeug vergessen und dann in Unterhose geturnt.« Das macht ganz wuschig. Und sollte man nicht doch eine Männerquote einführen bei Damenkränzchen?

Im östlichen Mockau

Die launigen Damen begeben sich auf eine Ü40-Party ins örtliche Ballhaus, Übermut tut selten gut, und kaum dass der Morgen graut, liegt Julia Marschner (Oana Solomon) als Leiche am Ufer. »Die Frau ist erdrosselt worden«, so Eva Saalfeldt.

»Warum wurde die Ehe denn geschieden?« – »Jörg hat Julia gegen ne Jüngere eingetauscht. Aber Julia hat das Haus behalten.« Und noch? »Wenn man so in ein gewisses Alter kommt, dann verschwinden wir aus den Blicken der Männer. Julia wollte das verhindern, mit aller Macht.« Das Leben ist manchmal aus überschaubaren Bausteinen zusammengesetzt, und das östliche Mockau gehört nicht eben zu den wohlhabenden Regionen Leipzigs. Überhaupt ist Leipzig, wussten Sie das, einsame Spitze in Armut, fahrn Sie mal durch die Eisenbahnstraße, die neulich noch Ernst-Thälmann-Straße hieß, wer war doch gleich Ernst Thälmann.

Vom dünnen Firnis der Zivilisation

Oh, hier wird in die Mottenkiste gegriffen, nicht immer ist das ein Fehler, und Carmen Slowinsky (Inga Busch) ist prollig vom Feinsten und lässt keinen Zweifel, dass das Leben wirklich so sein kann. »Willstn Kaffee?« – »Haste auch ne Cola?«

Jedenfalls wirkt Frühstück für immer bis hierher nicht konstruiert, und man erinnert sich an gelehrte Schriften über den dünnen Firnis der Zivilisation. »Wenn man es als Frau bis fünfzig noch nicht geschafft hat, dann verfault man ganz langsam« – so charakterisiert die Tochter die Haltung der Mutter. Wenigstens hat die Tochter, scheint’s, daraus für ihr eigenes Leben die richtigen Konsequenzen gezogen.

Auf einmal wird alles ganz anders

So behutsam und überzeugend dieses Thema angelegt ist – wenn ein TATORT so nach knapp der Hälfte der Zeit auf Sozialdrama geeicht ist, hat der Zuschauer Schwierigkeiten, sich neu zu justieren. Denn es kommt unerwartet massiv. Es ist März, stimmt, im Märzen köchelt der Trieb. Eine Fährte führt zielstrebig in Sadomaso-Ekstasen, eine andere in eine pikante Menage a trois, man hat das vorher kaum geahnt, »sex sells« ist längst auch Leitfaden für TATORT, man muss das nicht mögen.

Frühstück für immer transportiert auf einmal schwergewichtige Themen. Gewiss, alles außerordentlich aufwühlend, die Leidenschaften werden mühsam gezügelt, und jedes Thema für sich allein wäre gut für einen Krimi, denn in neunzig Minuten kann letztlich keines davon abgearbeitet werden.

Tom Flirtcoach Venuskünstler

Einzelne Szenen verkommen zu Effekthascherei, so etwa die praktische Übung von Tom Flirtcoach Venuskünstler im Leipziger Hauptbahnhof – ja fein, ja lustig, urkomisch wie Boerne in Münster, ja, aber was soll das? Der eben noch hauptverdächtige »Hokus-Pokus-Koitus«-Flirtcoach ist dann mir nichts, dir nichts weg vom Fenster.

Oder das scheinbar so devote Peitsch- und Würgverlangen der Chirurgengattin (Victoria Trautmansdorff) – eine schöne, rührende, todtraurige Szene, die eher übergangslos in das Geschehen geschnitten ist. Es gibt weitere ergreifende Szenen, zum Beispiel den hochnotpeinlichen Aufenthalt von Gattin und Abenteurerin nebst Ermittlern in der Zweitdependance des Dominators (Filip Peters) oder das bewegende abschließende Gespräch zwischen den beiden verbliebenen Freundinnen.

Alte Liebe wachgekitzelt

Das liefert mehr als genug an menschlicher und kriminalistischer Dichte (Regie: Claudia Garde). Doch nein, eh man sich versieht, gibt’s zwei neue Verdächtige, die gar geständig sind, den Mord ausgeführt zu haben. Ein alter Fall wird aus den Aktenarchiven ausgegraben, die Fäden der Aufklärung werden neu zusammengelegt und, nur nebenbei, ist noch immer nicht die Lösung.

Hat jemand mehrere Filme im Kopf gehabt und wollte sie in einem unterbringen? Wir genießen schöne Szenen, gewiss, doch es ist zu viel, bei Frühstück für immer wird vielerlei auf den Markt geworfen, noch die alte Liebe zwischen den Ermittlern wird wachgekitzelt.

Nicht wirklich zuende sortiert

Wird denn die lederne Fußfessel in der Vagina der Leiche plausibel erklärt? Nein, kein besonders prickelndes Thema. Was mit dem Flügelteilchen, das an dieser Fußfessel fehlte und in der Zweitwohnung lag? Gut, manches wird nicht erklärt, und klar, dass sich alles erledigt hat, sobald der Täter ermittelt ist. Man hätt’s dennoch gern genauer gewusst.

Und was ist mit den anderen, die aus guten Gründen verdächtigt wurden? Waren interessante Figuren, vielschichtig angelegt, facettenreich, überzeugend gespielt, und dass sie nach und nach rausgekippt werden aus dem Geschehen, sang- und klanglos von der Bildfläche getilgt, das ist so schade wie ungewöhnlich (Buch: Kathrin Bühlig). Dieser TATORT setzt hohe Ansprüche, die er begrenzt einlöst, er ist anscheinend an manchen Nähten mit heißer Nadel gestrickt. Der Titel? Auch den erklärt uns niemand.

| WOLF SENFF

Titelangaben
TATORT: Frühstück für immer (Mitteldeutscher Rundfunk)
Regie: Claudia Garde
Ermittler: Martin Wuttke, Simone Thomalla
So., 16.03.14, ARD, 20:15 Uhr

Reinschauen
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Gregor Keuschnig zu Rüdiger Dingemann: »Tatort«-Lexikon
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