Die Sogkraft der Tiefflieger

Roman | Jochen Rack: Menschliches Versagen

Dem kurzen Traum von Glück folgt oft unweigerlich ein böses Erwachen. Ungewiss und rätselhaft ist das menschliche Schicksal, diese Lebensweisheit bestätigt Jochen Rack in seinem Debütroman Menschliches Versagen. Von HUBERT HOLZMANN

Die Geschichte spielt Anfang der 60er Jahre in der bayerischen Provinz. Mittelpunkt der Handlung ist die Liebesgeschichte des 24-jährigen Kampfpiloten und Soldaten der neu formierten Bundeswehr, Peter, und der ebenfalls noch jungen Büroangestellten Marie, die einem recht provinziellen Elternhaus entstammt und mit einem klaren Menschenverstand ausgestattet ist. Wie das Schicksal es will, lernen sich beide zufällig auf dem Münchner Hauptbahnhof kennen. Peter, blond, blauäugig, imponiert mit seinem direkten Auftreten und seiner Vorliebe für extravagante Automobile; kurzerhand chauffiert er Marie in seiner Borgward Isabella zurück ins heimatliche Erding, nicht ohne sie zuvor durch erste Küsse zu verzaubern.

Jochen Rack stellt im ersten Teil des Romans die beiden Gegenwelten der Protagonisten recht scherenschnittartig, plakativ gegenüber, der eher robuste Kasernenton – »Gelächter, man schiebt die Stühle weg. „So Kameraden, Abflug!“« – alterniert mit der Alltagslyrik von Maries Büroklängen: »Ra-ta-ta-tat. Plus, Minus, Summe. Aus Verdruss isst sie jeden Morgen drei Butterhörnchen, und das Ergebnis sind die peinlichen Speckröllchen an den Hüften… Ra-ta-ta-tat. Abschlussbuchungen. Vermögensbilanz. Erfolgsbilanz.«

Bereits der Beginn verrät die Techniken der Collage. Gegenstände, Geräusche, Plattitüden der Zeit (»Manchmal muss man verrückt sein, sonst wäre das Leben langweilig.«) sind lapidar und versatzstückartig von Rack aufgereiht. Klischees aus der Nachkriegszeit. Und immer wieder dazwischen eingeschoben: ein schockierender Bericht eines Pilotenabsturzes. Rack holt den Leser in die Realität zurück. Verrät indirekt den Anlass für sein Schreiben: 1962 kommt der eigene Vater bei einem Absturz mit seinem Kampfjet während eines Manövers ums Leben.

In dieser Unsicherheit des angedeuteten, vorgezeichneten Unglücks erlebt man in kurzen szenischen Momentaufnahmen das Leben der beiden Hauptfiguren. Rack stellt dem Leser hier das Gewöhnliche, Alltägliche vor Augen, tastet aus seiner Erzählperspektive bruchstückhaft das Leben der beiden ab, stellenweise wirkt das etwas stilistisch zu gewollt, wenn er zum Beispiel Maries Gedankenwelt offen legt: »Der Ausschnitt ist zwar gewagt, aber eine gute Portion Offenheit verfehlt nicht ihre Wirkung. Spieglein, Spieglein an der Wand. Brust raus. Schmollmund. Augenaufschlag. Und ihr Entschluss steht fest.« Ausschnittartig werden beide Welten also sehr berechenbar gegeneinander gestellt. Diesen etwas ermüdenden kompositorischen Ansatz – nach Kehlmanns kompositorischer Schlichtheit, die »Welt zu vermessen« – gibt Rack bald wieder auf. Ein Glück für das Buch.

Familienroman, Zeitroman, politischer Roman?

Es folgen wochenlanges Schweigen, Verwirrung, Rückzug. Eine Verabredung in München scheitert. Marie gibt ihren Peter auf. Erst als dieser zufällig an den Erdinger Fliegerhorst versetzt wird, gerät die Handlung in Schwung. Beide begegnen sich zufällig vor dem Kino der Kleinstadt und es entwickelt sich eine rasante Liebesgeschichte. Peter, selbstverliebt und ohne sich seiner Verantwortung bewusst zu sein, lädt zusammen mit seinem Kameraden Willi Marie und die Schwester auf eine Flasche Spumanti ein. Nach anfänglichem Zögern folgt ein erstes „Date“ im Auto. Beide fahren an die Isar-Auen und man ahnt bereits; es kommt, wie es kommen muss: »Bald reden sie nicht mehr. Küsse sagen mehr als tausend Worte. Kiesel klickern leise im Wasser. … Peter klappt die Sitze um und küsst sie zärtlich.«

Männlichkeit beweist sich eben auch schon in den 60ern im grundlegenden technischen Geschick; und dazu genügt natürlich nicht nur das Wissen um Sitzmechanismen! Etwas klischeehaft auch der Ausflug mit Zelt an den Chiemsee oder der Skiurlaub zu viert auf einer Berghütte. In den Jahren der Nachkriegszeit legt dies wohl unweigerlich den Grundstock für die Verehelichung. Doch so einfach ist es dann auch bei Rack wieder nicht.

Er schreibt keineswegs nur einen Liebes- oder Fliegerroman. Er verarbeitet – durchaus distanziert – die eigene Familiengeschichte: Seinen Vater lernt er, wie er in einem Interview erzählt, zunächst nur durch eine Fotografie kennen. Für den Roman recherchiert er lange, führt Gespräche mit einem Onkel, erhält Einblick in das Tagebuch, das eine entfernte Tante in diesen Jahren führt, und sichtet die Akten zum Unfall, die im Archiv der Bundswehr liegen, und liest natürlich viel in Zeitschriften von 1962. Das Resultat überzeugt mit exakten technischen Details zu Abläufen in der Kaserne, zu Militärjets, dem mangelnden Know-how der Konstrukteure und dem Vabanque-Spiel der Piloten bei Testflügen.

Hier beginnt der Roman zu leben. Denn wie nahe Peter immer wieder dem Tod ist, machen die Flugübungen, die technische Studien, der Flugbetrieb deutlich. Beim Lesen fiebert man mit, hat ebenso die Unwägbarkeiten des Starts im Hinterkopf, erlebt detailgenau die Flugvorbereitungen und zieht den Kampfjet mit den Piloten in die Höhe – und hofft, dass die Technik hält, was sie verspricht. Peter sammelt hier Erfahrungen, die er mit Marie nicht teilen kann. Er liebt das Fliegen, die unglaubliche Schnelligkeit und die waghalsigen Flug- und Wendemanöver und Loopings – und das Risiko. Denn mit dem Schleudersitz retten sich nicht alle Kampfflieger.

Doch das darf Peter nicht zu nahe gehen, er darf es vor allem nicht zeigen, keinesfalls auch Marie. Schon die Trauerfeier für seinen abgestürzten Kameraden, der aus Pflicht und Verantwortung seinen Dienst für die Verteidigung der Freiheit geleistet hat, läuft für ihn eher wie ein Film ab: Der Kommodore macht eine Pause, und Peter kann seinen Blick nicht von der Schrift an der Wand abwenden. Rauchen verboten!

Wahlplakate, Mauerbau und UFO-Wahn

Diese Passagen, so sehr sie natürlich militärische Details verraten, erhalten nicht allein ein natürliches Gegengewicht durch die Motive des Liebesromans, sondern sind bestückt mit Einblendungen kurzer Zeitdokumente: Es ist die Bombardierung von Dresden, die Peters Familie traumatisiert hat und die spätere Flucht aus der Ost-Zone. Die Wahlen in Bayern mit den kämpferischen Warnungen, die Stammtischparolen, die politische Diskussion, aktuell auch der Mauerbau. Es sind jedoch auch harmlose Gedanken, die modische Vorlieben, die Tipps für Frisur und Accessoirs. Dies gibt dem Plot eine bestechende Farbe.

Schon während der Lektüre begibt man sich immer wieder auf die Suche nach eigenen Erinnerungen an diese Zeit und ist versucht, auf Bilder schöner Autos (die Borgward Isabella), Kampfjets mit den Bezeichnungen Fiat G-91, T-33 oder Fouga Magister zu zappen und die Schwarz-Weiß-Schnappschüsse aus Italien der 60er-Jahre im eigenen Familienalbum aufzublättern. Verführerisch ist dieses Italien durchaus, nicht nur in Flitterwochen. Man wird neugierig auf die eigene Familiengeschichte, neugierig auch, ob auch die Eltern in den Feldern und Wiesen nahe dem Gardasee, dem Traumziel der Nachkriegsdeutschen, das Liebesnest in der Botanik hatten und vor dem Bauer, der »schimpft, sie hätten ihm seine Wiese ruiniert,« flüchteten.

Die Blumen und das Gras der Minne sind natürlich schon lange gebrochen. Den heutigen Leser im Zeitalter von Facebook, Twitter und globalen Netzwerken berührt es vermutlich mehr, wenn er sich bei einem seiner zufälligen, und keineswegs revanchistisch geleiteten Klicks als Spiel neben der Lektüre auf der Memorialseite der Gefallenen und im Dienst Verstorbenen wiederfindet und die Schwarz-Weiß-Aufnahme des Bundeswehrpiloten mit Fliegerhelm und im Kampfanzug sieht; die Erinnerung an den Vater des Autors. Eine bewegende Lektüre.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben:
Jochen Rack: Menschliches Versagen
Cadolzburg: Ars Vivendi 2010
240 Seiten. 16,90 Euro
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