Faster, Ghetto-Kid! Kill, kill!

Film | Im Kino: Attack the Block

»Würde der Dritte Weltkrieg dort draußen toben, würde man keinen Unterschied merken.« Tatsächlich hat der Dritte Weltkrieg in der heruntergekommenen Hochhaussiedlung, die das labyrinthische Herz von Attack the Block ist, schon begonnen. Ein Zweifrontenkrieg zwischen engagierter Bürgerklasse und krimineller Ghetto-Jugend, zwischen Erdbevölkerung und Aliens: Menschen gegen »beschissene Monster«. So nennt Sam (Jodie Whittaker) die Gang um den jugendlichen Moses (John Boyega), von der die Krankenschwester auf dem Heimweg von der Überschicht ausgeraubt wird. Was die irdischen und außerirdischen Invasoren der innerstädtischen Arena verdienen, ist das Dogma von Joe Cornishs aggressiver Mischung aus Kampfspektakel und Science-Fiction-Komödie: »Kill ´em, kill all of them things!« Von LIDA BACH

Attack the BlockBefriedigt wird der xenophobe Gewalttrieb schon an der ersten Kreatur, deren Auftauchen Sam unmittelbar nach dem von Moses Clique erschreckt. Der Einschlag der Raumkapsel kanalisiert die jugendliche Aggression auf deren Insassen. »Wir jagen diesen Hund! Ich bring ihn um!«, verkündet Moses, bevor er seinen Worten Taten folgen lässt: »Welcome to London, motherfucker!«.

Regisseur und Drehbuchautor Cornish sind Außerirdische auf der Erde so verhasst wie Unbekannte in ihrem Viertel den mitleidlosen Jugendlichen. Deren Aktionsspektrum beschränkt sich auf Kriminalität, Hasch rauchen und Play Station zocken, sie gehören mit Ausnahme des gebildeten Bürgersohns (Luke Treadway) ethnischen Minderheiten an, werden von finsterem Rap begleitet und sind bewaffnet mit Schwertern, Klappmessern und Baseballschlägern.

Blutige Block-Party

Indem er die als Negativverkörperung des bürgerlichen Störfaktors inszenierte Gang und die als politisch akzeptables Synonym für ausländische Angreifer fungierenden Kreaturen aufeinander loslässt, lädt die reaktionäre Science-Fiction-Hatz dazu ein, dem Töten auf beiden Seiten gleichermaßen zu applaudieren, ohne von Empathie oder Mitgefühl beeinträchtigt zu werden. Dass die Verfolgung der Kinder durch die Kreaturen auf einem Missverständnis beruht und die Wesen Liebe statt Krieg machen wollen mindert den fundamentalistischen Hass von Moses und seinen Freunden Dennis (Franz Drameh), Biggz (Simon Boyega) und Pest (Alex Esmail) auf die das Fremde symbolisierenden Feindbilder nicht: »Es muss aus dem Weltraum gekommen sein, um die Erde zu erobern. Machen wir sie fertig! Töten wir sie!«

»Wir töten einander nicht schnell genug, darum haben die entschieden, den Prozess zu beschleunigen«, sagt Moses einmal. Während seine als absurde Verschwörungstheorie inszenierten Worte jeglichen filmischen Subtext jenseits purer Unterhaltungsabsichten nivellieren sollen, hat der Plot das dialogisch verleugnete längst bestätigt. Die textuelle Gleichsetzung der Unterschichtkinder mit Aliens definiert die faschistoide Sozialparanoia, die der Plot durch die Ausweitung der Invasionsparanoia auf beide Antagonisten potenziert.

Die an Stofftiere erinnernden Kreaturen und die mit Kapuzen und Halstüchern vermummten Kinder spiegeln einander in ihrer Nondeskription. Ihr gegenseitiges Abschlachten und Abfackeln ist nur ein weiteres lustiges Feuerwerk der die Handlung umfassenden Guy-Fawkes-Nacht, deren historischer Hintergrund den Militarismus indirekt zum Nationalpatriotismus erhebt.

Gangs & Ghetto-Guerilla

Einen Wert haben Moses und seine Freunde in diesem Kontext nur als durch ihr verrohtes Sozialumfeld zum Kampf prädestinierte Verteidiger der von Sam repräsentierten bürgerlichen Mittelschicht. Aus deren deutlich abgegrenzter Perspektive betrachtet Attack the Block die Jugendlichen als soziokulturelle Schauobjekte, deren unartikulierte Ausdrucksweise und übertriebener Slang amüsieren sollen. Ein biografischer Hintergrund fehlt ihnen im Gegensatz zu Sam, deren Partner in Ghana für das Rote Kreuz volontiert. »Warum hilft er nicht britischen Kindern?«, fragt Pest. Sams indirekte Antwort ist, dass die Unterschicht Hilfe nur verdient, wenn sie ihr behauptetes Schmarotzertum für jene Gesellschaft opfert, die sie ablehnt.

Während er die jugendlichen Figuren degradiert, heroisiert Cornish deren Brutalisierung und somit indirekt die soziale Marginalisierung, deren Resultat die Verrohung ist. Mit Sozialbauten als Bootcamp, in dem jugendliche Delinquenten zu Kindersoldaten ausgebildet werden, lösen sich gesellschaftliche und globale Konflikte als Kriegsspiel zur Unterhaltung des Bürgertums, vor der Leinwand oder darauf, wo Attack the Block versichert: »Selbst wenn es eine Alien-Invasion gibt: Sie sind pelzig, sie sind blind und sie sind von ein paar Kindern erledigt worden. Es gibt nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssen.«

| LIDA BACH

Titelangaben
Attack the Block (Großbritannien 2011)
R: Joe Cornish
B: Joe Cornish
K: Thomas Townend
S: Nina Gold
M: Basement Jaxx, Steven Price
P: Nira Park, James Wilson
D: John Boyega, Jodie Whittaker, Luke Treadway, Joey Ansah, Tierry Notary, Alex Esmail, Flaminia Cinque, Nick Frost
88 Min.
Wild Bunch/ Capelight/ Central
Kinostart: 22. September 2011

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