Die Leere einer Welt und das Meer drumherum

Comic | Chabouté: Ganz allein

In filmischen Panelfolgen schildert Chabouté eine Geschichte von Einsamkeit und Hoffnung, von Aufbruch und Stillstand. Daneben ist sein Ganz allein eine Ode an die schöpferische Kraft der Phantasie. Von CHRISTIAN NEUBERT

Ganz alleinDas Meer – seine schier unendliche Weite und sein beständiges Rauschen lullen ein, geben Anlass zu einer versöhnlichen Weltvergessenheit. Oder das Meer bewirkt das Gegenteil – sein Anblick vereinzelt, wirft einen auf sich selbst zurück. Vielleicht ist das der Grund, warum der raubeinige Skipper, der in dieser Graphic Novel vor der Küste seinen Dienst tut, sich einen Kollegen an Bord geholt hat. Einen Kollegen, der wie er das Alleinsein kennt: einen ehemaligen Häftling.

Einmal in der Woche machen die beiden an einem Leuchtturm Halt, der aus den Wogen ragt. Seit Jahren macht der Seemann das schon – er stellt Kisten voller Lebensmittel ab, um damit einen Menschen zu versorgen, der allein in dem Leuchtturm wohnt. Ein durch Missbildungen Entstellter, dessen lange verstorbene Eltern aus ungeklärten Beweggründen ihrem Sohn nie die Welt jenseits des Leuchtturms gezeigt haben. Ein Alleingelassener, der seinen vertrauten, sehr begrenzten Lebensraum nie verlassen hat.

Allein gelassen, allein geblieben

Auch er hat sich, wie der Küstenschiffer, einen Gefährten geholt: In einem Glasgefäß hält er sich einen kleinen Fisch, den das Meer ihm geschenkt hat, als Gefährten. Mit diesem stummen Ansprechpartner verbringt er sein tristes Dasein, das er regelmäßig durch Phantasiereisen unterbricht (oder aufrechterhält?). Dazu dient ihm ein Lexikon, aus dem er wahllos Begriffe wählt, um sich nach deren Beschreibungen eine Welt außerhalb seines Exils zu entwerfen.

Zwar geht dies schon lange so, aber irgendwann kommt etwas in Gange: Einerseits beginnt der Ex-Häftling Interesse an dem mysteriösen Unbekannten zu hegen. Andererseits sind es im Lexikon aufgeführte Begriffe wie Gefängnis und Einsamkeit, die den Leuchtturmbewohners das Unmenschliche an seinem Dasein erkennen lassen.

Das Ganze klingt nach einem Märchen, und das ist es irgendwie auch. Wie im Märchen sind die Protagonisten zum Handeln gefordert. Wohin das führt, wird an dieser Stelle nicht verraten. Es sei nur soviel gesagt: Ganz allein ist eine rührende Geschichte, die ihre Stärke aus der gemächlichen Ruhe ihrer Inszenierung zieht. In Panelfolgen, die sich über mehrere Seiten erstrecken, wird die aufpeitschende Gischt dargestellt, der Flug der Möwen oder das sich langsame Annähern des Kutters. Die Panels zeigen die Zeitlosigkeit von Einsamkeit auf. Die kontemplative Kraft, die in ihr liegt. Aber auch den Schrecken, den sie bedeuten kann. Und dies alles bereits auf der ersten Seite: Das erste Panel des Comics zeigt nur das Meer, sonst nichts, das zweite nur den Himmel.

Expressiv und märchenhaft

Chabouté weiß, dass seine märchenhafte Geschichte auch wie ein Märchen erzählt werden muss – mit Schwarz-Weiß-Malerei, sowohl inhaltlich wie auch optisch. Entsprechend sind schönen Schwarz-Weiß-Zeichnungen ein anderer Trumpf, den Ganz allein ausspielen kann. Mit expressivem Tuschestrich erschafft Chabouté reduzierte, gleichzeitig sehr realistische Bilder. Sie fangen alle Tragik und Hoffnung der Erzählung ein und gewährleisten so ihr künstlerisches Gelingen.

»Dass ein Mann ganz allein auf einem Leuchtturm lebt, ist schon etwas Besonderes. Dass er dort geboren wurde, den kleinen Felsen noch nie verlassen hat und tatsächlich nicht weiß, wie die Welt aussieht, ist ein Drama.« Diese Informationen hält der Carlsen-Verlag als Klappentext für neugierig Gewordene bereit. Er verspricht etwas Besonderes. Und das ist nicht gelogen. Zwar ist Ganz allein nicht unbedingt der ganz große Wurf. Aber wenn man diesen nicht auf Teufel komm raus erwartet, wird man von dem Comic auf gar keinen Fall enttäuscht. Einen Blick in den schön gebundenen Band zu werfen, lohnt sich definitiv.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Chabouté (Text und Zeichnungen): Ganz allein (Tout seul)
Aus dem Französischen von Kai Wilksen
Hamburg: Carlsen Verlag 2011
376 Seiten. 29,90 Euro

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