Die Geschichte geht weiter

Roman | Carlos Ruiz Zafón: Der Gefangene des Himmels

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman ›Der Gefangene des Himmels‹. Gelesen von PETER MOHR

Gefangene des HimmelsMit seinem 2003 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman ›Der Schatten des Windes‹ landete der heute 48-jährige katalanische Autor Carlos Ruiz Zafón einen Weltbestseller, der in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde. Mit dem Nachfolgeroman ›Das Spiel des Engels‹ (dt.: 2008), dessen pompöse Präsentation in Barcelona einen Hauch von Hollywood-Glamour versprühte, bewegte er sich auf ähnlichem Kurs. Innerhalb eines halben Jahres waren in der spanischsprachigen Welt mehr als eine Million Exemplare verkauft.

Nun legt der abwechselnd in seiner Geburtsstadt Barcelona und in Los Angeles lebende Romancier den dritten von vier geplanten Bänden über die spanische Historie, Bücher und eben Barcelona vor – diese eigenwillige, leicht exotisch anmutende Mischung aus Abenteuerroman, Krimi, historischer Milieustudie und reichlich Anleihen aus der Literaturgeschichte.

Wir begegnen (kein Wunder!) wieder dem »Friedhof der vergessenen Bücher«, jener geheimnisvoll-labyrinthischen Bibliothek, und auch dem aus den Vorgängerwerken bekannten Personenensemble: dem Buchhändler Sempere und seinem Sohn Daniel, deren Mitarbeiter Fermin, dem Schriftsteller David Martín (Hauptfigur im Spiel des Engels) und dem einstigen Gefängnisdirektor Mauricio Valls, der danach in der Politik Karriere machte.

Die auf diversen Zeitebenen alternierende Handlung beginnt im Advent des Jahres 1957. Selbst im mediterranen Barcelona ist es ungemütlich kalt geworden, die Dächer sind reifbedeckt, die katalanische Metropole wirkt seltsam fremd. Die Geschäfte in der Buchhandlung der Semperes gehen ziemlich schlecht, als plötzlich ein zwielichtiger Kunde auftaucht und eine sündhaft teure Ausgabe von Dumas’ Graf von Monte Christo kauft.

Carlos Ruiz Zafón belässt es nicht bei der schlichten Erwähnung des Buches, sondern bedient sich bei einem seiner zahlreichen Exkurse in die Vergangenheit auch eines Dumas-Motivs. Der Buchhandlungsgehilfe Fermin hat einst in der Franco-Haft in der berühmt-berüchtigten Festung auf dem Montjuic, die von Mauricio Valls mit unmenschlicher Brutalität kommandiert wurde, den Schriftsteller David Martin kennengelernt und mit ihm einen Fluchtplan ausgetüftelt, der ganz stark an Dumas’ Roman erinnert.

Derweil gibt es in der erzählerischen Gegenwart auch etliche mehr als spannende Handlungsbögen. Sempere-Sohn Daniel will wissen, wer der wenig vertrauenserweckende, aber zahlungskräftige Buchkäufer war; und sein Freund, der vehemente Franco-Gegner Fermin, schmiedet Heiratspläne, bekommt aber Probleme, weil er 1940 für tot erklärt worden ist und deshalb keine gültigen Papiere besitzt.

»Ich denke, dass es für jedes Land schwer ist, eine Tragödie vom Ausmaß des Spanischen Bürgerkrieges zu bewältigen. Ich glaube, das ist für deutsche Leser leicht zu verstehen. In Spanien blieben viele offene Wunden der Vergangenheit, weil es nach dem Bürgerkrieg keinen Frieden gab, sondern eine Diktatur, die viele Jahre dauerte«, meinte Ruiz Zafón kürzlich in einem Radiointerview.

Nach und nach erhärtet sich der Verdacht, dass der einstige Gefängnisdirektor und militante Falangist Valls am gewaltsamen Tod von Daniels Mutter beteiligt war. Doch es kommt nicht zum ultimativen Showdown zwischen Daniel und Valls. Offensichtlich hat sich der Autor dieses Sujet für den geplanten vierten Band aufgespart. Der Hinweis darauf wirkt am Romanende jedenfalls ziemlich plump. Daniel ist mit Frau und Söhnchen am Grab seiner Mutter. Dort zerbricht durch eine Unachtsamkeit ein Gipsengel, und aus dem Inneren fällt ein Zettel heraus – mit dem aktuellen Aufenthaltsort von Valls.

»Er weiß, dass die Geschichte, seine Geschichte, noch nicht zu Ende ist. Sie hat gerade erst angefangen.« Mit diesen Zeilen entlässt Carlos Ruiz Zafón den Leser aus der wieder einmal perfekt inszenierten, manchmal dennoch etwas langatmigen Handlung und weckt gleichzeitig schon eine gehörige Portion Neugier auf den Abschlussband seiner Tetralogie. Mehr Werbung in eigener Sache geht kaum. Auch in der Literatur heißt es offensichtlich schon: The show must go on.

| PETER MOHR

Titelangaben
Carlos Ruiz Zafón: Der Gefangene des Himmels
Aus dem Spanischen von Peter Schwaar
Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 2012
403 Seiten, 22,95 Euro

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