… bis sie dann gestorben sind

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter Trondheims Ralph Azham, bleibt Ironie nicht aus. Mit ihrem traurigen Märchen Das Zeichen des Mondes haben die beiden Spanier Bonet und Munuera einmal ganz andere Töne angeschlagen. BORIS KUNZ hat sich verzaubern lassen.

Das Zeichen des Mondes
Die Geschichte erinnert an moderne, literarische Kunstmärchen, beispielsweise an jene von Hans Christian Andersen. Sie spielt in einer schwer bestimmbaren Zeit – irgendwo in einem kleinen Dorf inmitten geheimnisvoller Wälder, in der durchaus noch Raum für Magie und Zauberei ist, in der manche Menschen mit Tieren sprechen können und man sich vor Flüchen und Wünschen in Acht nehmen muss. Doch weder stehen diese Elemente im Vordergrund, noch kann man sich darauf verlassen, dass im rechten Moment ein guter Zauber das Happy End herbeiführen wird. Das Zeichen des Mondes hat zutiefst menschliche Protagonisten und ist durchzogen von jener tiefen Melancholie, die mit der Erkenntnis einhergeht, dass es Narben gibt, die nie wieder verschwinden, Wunden, die niemals ganz heilen, und dass die Toten für immer unter den Toten bleiben.

Drama in zwei Akten

Der Kern der Geschichte ist ein klassisches Drama. Da ist das schöne junge Mädchen Artemis, um die zwei ungleiche Jungen buhlen: Reisig, der scheue Außenseiter, der mit Tieren spricht, und Rufo, der Anführer jener Bande, die unter den Heranwachsenden des Dorfes das Sagen hat. Die Jagd nach einem geheimnisvollen Mond-Amulett, das beide für den Schlüssel zum Herzen der Artemis halten, führt in der Mitte des Albums zu einem tragischen Unfall.

An dieser Stelle macht die Geschichte einen großen Sprung und lässt die Protagonisten erst einmal erwachsen werden. Doch auch als Erwachsene entkommen sie den unglücklichen Verstrickungen nicht, die sie seit diesem Unfall aneinander binden. Rufo ist inzwischen zum tyrannischen Fürsten des Landstriches geworden, Reisig noch immer die Zielscheibe seiner Intrigen, und Artemis hat sich seit Jahren schon nicht mehr aus ihrem Zimmer gewagt, weil sie sich dem Leben nicht mehr stellen will, das ihr soviel Grausames angetan hat. Die Ankunft eines merkwürdigen Spielmanns im Ort setzt Ereignisse in Gang, die das nun ändern könnten.

Die fehlenden Farben des Mondlichts

Erzählerisch ist diese Geschichte um Liebe, Schuld und Eifersucht gut gelungen – sie oszilliert zwischen Märchen und Figurendrama, ihre Protagonisten zwischen Archetypen und echten Charakteren mit psychologischer Tiefe. Spirou und Fantasio-Zeichner Munuera bleibt seinem lebendigen, modernen Funny-Stil treu und erweist sich als großer Könner, wenn es darum geht, seinen Figuren Ausdrucksstärke und Lebendigkeit zu verleihen. Die eher großformatigen Bilder zeigen ganz leichte Manga-Einflüsse und erinnern an Alben von Marini (Gipsy, Der Skorpion). Zu keinem Zeitpunkt ergibt sich zwischen der Leichtigkeit der Zeichnungen und der Schwermut der Geschichte eine irgendwie unpassende Diskrepanz.

Das gesamte Album ist in Grautönen gehalten, was gerade bei Munueras Zeichenstil schon sehr ungewöhnlich, ja geradezu gewöhnungsbedürftig wirkt. Auf Dauer, wenn man sich einmal im Lesefluss der Geschichte befindet, trägt diese Entscheidung tatsächlich viel zu der eigentümlichen Stimmung dieses düsteren Märchens bei. Immer wenn man innehält, um die gelungenen Zeichnungen genauer zu betrachten, kommt es einem aber so vor, als hielte man die schwarz-weiß Kopie von etwas in Händen, was eigentlich andere Farben haben sollte.

Der Vollmond, das silberne Licht, in das er den nächtlichen Wald taucht, sein Spiegelbild am Grunde eines Brunnenschachtes – all das sind starke erzählerische und visuelle Elemente. Gerade hier hat man als Leser das Gefühl, den Bildern im Geiste immer etwas hinzufügen zu müssen, sie um die Farbe des Mondlichtes erweitern zu müssen, damit die Geschichte ihre ganze Magie entfaltet. Vielleicht entfaltet sich die Magie aber auch gerade erst dadurch.

Schade nur, dass Munuera nicht der Spielerei widerstehen konnte, ausgerechnet dem Kapuzenmantel von Artemis ein (wenn auch sehr verwaschenes) Rot zuzugestehen. Rein optisch verfehlt das natürlich seine Wirkung nicht, aber ein rotes Mäntelchen in schwarz-weißer Umgebung, das ist nun nicht gerade ein ganz neuer Einfall. Die Farbgebung könnte also die Gemüter etwas spalten, macht aber das, was sonst ein schönes, stimmungsvolles und solides Comicmärchen wäre, zu einem auch konzeptionell ungewöhnlichen Album. Lesenswert bleibt es allemal.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Enrique Bonet (Text) / José Luis Munuera (Zeichnungen): Das Zeichen des Mondes (Le Signe de la Lune).
Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock.
Hamburg: Carlsen Verlag 2012,
134 Seiten. 29,90 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Geschichte geht weiter

Nächster Artikel

Keine Rosen, nur Gestrüpp

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Dekonstruktion des Superhelden

Comic | Kevin Smith (Texte)/ Phil Hester (Zeichnungen): Green Arrow: Auferstehung Ein Superheld ist von den Toten auferstanden, und zwar in dualer Hinsicht: Green Arrow war zum einen lange Zeit ein Comic-Superheld, der in Relation zu anderen DC-Protagonisten tendenziell weniger präsent war im öffentlichen Bewusstsein. Spätestens seit der TV-Serie ›Arrow‹ hat sich dies geändert. Doch zum anderen erlebte er auch tatsächlich eine Auferstehung innerhalb des DC-Universums. Von PHILIP J. DINGELDEY. PDF erstellen

Auf den Spuren der Rattenbande

Comic | Die Ratten im Mäuseberg

Nach einem 1955 erstmals erschienenen Krimi des Schriftstellers Léo Malet haben der Zeichner François Ravard und der Szenarist Emmanuel Moynot den Comic ›Die Ratten im Mäuseberg‹ aus der Reihe um den Privatdetektiv Nestor Burma als Comic umgesetzt. Heraus kommt der neunte Fall des Schnüfflers Burma, der nun bei Schreiber & Leser in deutscher Übersetzung vorliegt – ein kurzweiliger und unterhaltsamer Band mit überaus überraschendem Ende. Von FLORIAN BIRNMEYER

Superantihelden

Comic | Batman: Der Weiße Ritter / Superman: Das erste Jahr, Bd. 1

Superman und Batman sind weiterhin old, but gold unter den Comic-Superhelden. Zig Mal wurden sie in ihrer langen Geschichte schon neu erfunden – häufig auch zum Schlechten. Doch zwei neue Comics gehen in eine erwähnenswerte Entwicklung und bereiten beide Helden auch für Neueinsteiger mit allerlei neuen Drehungen auf. PHILIP J. DINGELDEY hat sich durch diese Comics gearbeitet.

Gratis Comic Tag 2018

Comic | Gratis Comic Tag Einen Feiertag für Comic? Den gibt es! Mit dem »Gratis Comic Tag«! Er findet diesen Samstag statt, also am 12. Mai – bei allen teilnehmenden Händlern. Sein Name ist dabei Programm: Einschlägige Verlage drucken spezielle Verschenk-Exemplare ihrer Erzeugnisse. 18 Verlage sind in diesem Jahr beteiligt, insgesamt winken 35 Gratis-Comic-Hefte. PDF erstellen

Sich selbst finden im Angesicht der Homophobie

Comic | Julius Thesing: You don’t look gay

Julius Thesings Comic- und Jugend-Buch ›You don't look gay‹, das fast vollständig in einem auffälligen Rosaton gehalten ist, erinnert in leicht zugänglicher Art daran, dass Homosexuellenfeindlichkeit auch in westlichen und europäischen Ländern nach wie vor ein Problem ist – sei es im Alltag oder in der Politik. Außerdem zeigt Thesings Comic beispielhaft, wie ein Coming-out-Prozess abläuft, und macht anderen Mut. Von FLORIAN BIRNMEYER