Winnie Puhs Erben im 21. Jahrhundert

Kinderbuch | Dave Shelton: Bär im Boot

Ein von sich selbst überzeugter Bär und ein praktisch denkender kleiner Junge sind die Protagonisten dieser Geschichte und das wird so mancher bekannt vorkommen. Die beiden aber durchleben Abenteuer in einer Welt, in der nichts mehr festgefügt ist und der Sinn ihrer Existenz alles andere als durchschaubar. Winnie Puhs Erben müssen im 21. Jahrhundert bestehen, in einer Zeit, in der das einzig Sichere die Unsicherheit ist. Dave Shelton hat mit Bär im Boot die beiden klassischen Helden in die Postmoderne versetzt, eine ganz besondere Setzung in einem Buch für Kinder, findet MAGALI HEISSLER

Dave Shelton: Bär im Boot
Die Helden sind namenlos, der Junge ist und bleibt der Junge, der Bär der Bär. Sie treffen sich, weil der Junge ein Boot braucht, um ans andere Ufer zu kommen. Der Bär, Besitzer und Fährmann eines Ruderboots in einem, übernimmt die Aufgabe ganz selbstverständlich. Er scheint zu wissen, wohin es geht, der Junge vertraut ihm unbesehen. Der Aufbruch ist ihr Weg in den großen Irrtum. Die Fahrt dauert lang und länger, auch am folgenden Morgen ist kein Land in Sicht. Der kleine Passagier wird misstrauisch. Vordringlich allerdings ist die Langeweile. Da es nur einen anderen noch an Bord gibt, lässt er sich vom Bären vorerst ablenken. Ebenso akzeptiert er die Regeln, die an Bord herrschen, und hält sich an das Wort des eifrigen Ruderers. Aber die Lage verschlimmert sich, das Nachfragen des Jungen führt zu Zwietracht und schließlich zu richtigem Streit. Aber da sind sie schon in der Bredouille. Das Essen geht zur Neige und auf der Landkarte, die der Bär eifrig konsultiert, ist kein Land verzeichnet. Aus den beiden an Bord wird eine grimmige Notgemeinschaft. Doch das Ende der Reise ist noch lange nicht in Sicht.

Versponnen, gruselig, lustig

Shelton erzählt eine seltsame, versponnene Geschichte. Er erzählt linear, ganz auf den winzigen Auschnitt der eigentliche immensen Welt konzentriert, der das Boot des Bären und seine Passagiere sind. Die Spannung ergibt sich aus der Wahrnehmung des Jungen, die sich allmählich verändert und mit ihr eben die Einsichten der Leserinnen und Leser. Die Wege von einer Einsicht zur nächsten sind kurz, aber oft schmerzlich. Der Bär kennt den Weg übers Meer. Der Bär kennt ihn nicht. Es gibt eine Seekarte. Das, was gesucht wird, ist nicht verzeichnet. Der Bär ist übertrieben vorsichtig. Der Bär hat recht. Der Junge muss lernen, sich an die Gegebenheiten anzupassen, etwas, das der Bär offenbar schon längst erfahren hat. Der Weg zu den Erkenntnisse ist aber mit Humor gepflastert, Shelton hält die Balance zwischen kindlichem und reiferem Humr so gut, dass auch Ältere dieses Buch gern lesen werden.

Die Abenteuer, die der Bär und sein Passagier erleben, stammen aus dem Repertoire der klassischen Seemanngeschichten: Sturm, Seeungeheuer, ein Piratenschiff tauchen auf und selbstverständlich fehlt auch die einsame Insel nicht, Floßbau inklusive. Dabei gibt Shelton aber nur vemeintlich dem am Mainstream geschulten Geschmack des jugendlichen Publikums nach. Tatsächlich wendet er diese Versatzstücke und ordnet sie seiner Geschichte unter. Etwa, wenn sich heraustellt, dass die Gefahr keineswegs nach Gefahr, sondern nach Orangenmarmelade riecht, oder das Floß unversehens verloren geht.

Freundschaften und Leidenschaften

Natürlich müssen sich unsere Helden zusammenraufen. Erkenntnisse gibt es auf beiden Seiten. Der Vertrauensvorschuss des Anfangs, der einer naiven Vorannahme geschuldet war, wird zu echtem Vertrauen auf beiden Seiten. Es wächst gemächlich, während die beiden Gefahren überwinden und ihren Weg tapfer weiter verfolgen, rudernd, schwimmend, immer auf dem oder im Wasser. Zusammengehalten wird das Ganze durch eine Reihe sehr gut durchdachter und geschickt eingesetzter Details, die zudem das einzige sind, die ein Weiniges an Hintergrundinformationen über unsere Helden liefern. Der Name des Boots, etwa, ein altes Comicheft, das der Junge hervorkramt, die seltsam belegten Sandwiches des Bären, eine Angel. Eine Kapitänsmütze und ein zerdrücktes Insekt auf der Seekarte. Und die Farbe Blau. Die findet sich nicht nur in der Geschichte, sondern auch auf dem Cover. Das ist höchst einfallsreich gestaltet, auch der braune Flüssigkeitsring hat seinen Sinn. Die Ausstattung insgesamt ist eine reine Freude, es gibt sogar ein Lesebändchen! (Blau, aber sicher doch.)

Aufgelockert ist der Text von Zeichnungen des Autors, der sich auch als witziger Illustrator erweist. Comics, so erzählt er auf seiner Website, sind schließlich seine Leidenschaft. Man merkt es nicht nur an den Zeichnungen.

Der Schluss ist offen. Unsere Helden haben zusammengefunden, ihre Lage allerdings hat sich verschlechtert. Sie treiben unverändert auf dem Meer, ohne Boot jetzt. Das kann für manches Kind beim Lesen verunsichernd sein. Zur Geschichte passt es, schließlich sind wir im 21. Jahrhundert.

Die Geschichte vom Jungen, dem Bären und dem Boot auf dem weiten, weiten blauen Meer ist eine Geschichte eigener Art, die Leserinnen und Leser ebenso eigener Art sucht, um aufgenommen zu werden, wie es eine so besondere Erzählung verdient.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben

Dave Shelton: Bär im Boot
(A Boy and a Bear in a Boat, 2012)
a.d. Eng. übers. von Ingo Herzke
Hamburg: Carlsen 2013
304 Seiten, 14,90 €
Kinderbuch ab 9 Jahren

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