Ein mystisch funkelndes Farbgewoge

Kinderbuch | Dirk Steinhöfel: Nicht um die Ecke

Die Mutter guckt in ihr Handy, und Emma entdeckt eine bunte, aufregende, fantastische Welt der Freiheit. Mit Sternen, Pferden, einem Segelschiff. Dieser magische, geheimnisvolle Mikrokosmos hat es SUSANNE MARSCHALL sehr angetan.

Nicht um die Ecke -978-3-7373-5531-5Wie langweilig: Emma, geschniegelt und gespornt für ein Dreiradabenteuer, darf mal wieder nicht um die Ecke fahren. »Du fährst nicht um die Ecke. Hörst du?«, sagt die Mama drohend: »Da ist es gefährlich.« Wie ein Häuflein Elend sitzt Emma gelbbehelmt auf dem Boden neben ihrem knallroten Flitzer und versteht die Welt nicht mehr: »Warum?« Was kann denn schon hinter der Ecke passieren? Ihre Mutter ist unerbittlich: »Weil ich dich dann nicht mehr sehen kann.« Emma schaut sie mit ihrem »bösesten Blick« an, dann machen ihre Füße plötzlich, was sie wollen, »und ich trete in die Pedale.« Uiii, wie sie rast, schnell und immer schneller durch die lustig herumwirbelnden Herbstblätter – und schon ist sie um die Ecke, mit einem verklärten Lächeln im Gesicht.

Und auf einmal kommt Leben in den trostlosen Steinwüstenpark: Wind tobt ihr entgegen, lässt goldene Blätter um sie herumflattern, durch die Luft tanzen. Dann legen sie sich wie ein leuchtender Teppich auf den grauen Boden und Emma sitzt glückselig mittendrin: Hält ihr Gesicht ins Windesbrausen, genießt mit geschlossenen Augen die Freiheit. Güldener Staub rieselt, Sterne blitzen auf und schneeweiße Federn segeln vom Himmel. Sind sie von den Schattenenten, die auf einmal über die trostlosen Mauern gleiten?

Dann geht’s weiter um die nächste Ecke: Es ist wie ein Sog, dem sich Emma nicht entziehen kann – auch wenn sie es wöllte. Aber das fällt ihr natürlich nicht im Traum ein, wo sie es endlich geschafft hat, auf die lang ersehnte Entdeckungsreise zu gehen. Pferde galoppieren jetzt über die graue Steinwand, dann tollt eine Horde Affen durch ein Dschungelwirrwarr, und zuletzt kreuzt auch noch ein riesiges Segelschiff in sturmgepeitschtem Meer auf. Emma ist erstaunt und verzückt, dann flitzt sie weiter um die nächste Ecke – direkt in ein mystisch funkelndes Farbgewoge …

Dirk Steinhöfel lässt in »Nicht um die Ecke« seine kleine Protagonistin bildgewaltig fabulieren. Ihre Neugier und Entdeckerfreude in vollen Zügen ausleben. Zeigt ihre sprühende Fantasie in verschwenderisch schillernden, doppelseitigen Bildern, die wie stills aus einem fotorealistischen Animationsfilm anmuten. Lässt sie in eine magische, geheimnisvolle Welt fahren, in der die Schattenbilder aus den Mauern treten, wesenhaft werden: Sie staunt über die Kokosnuss zu ihren Füßen und die verschlungenen Lianen, über das Gischt spritzende Meer und die Pferdeäpfel.

Einen Wermutstropfen hat das bezaubernde Bilderbuch: Die Rahmenhandlung mit ihrer Mutter, die vor lauter Handy keine Zeit für Emma hat – welch ein Glück, sonst hätte sie das fantastische Abenteuer ja gar nicht erlebt – ist genauso überflüssig und moralinsauer wie der etwas platte Text, der glücklicherweise sehr sparsam ist. Aber der grandiose Mittelteil macht diese künstlich gewollte Up-to-date-Kritik mehr als wett.

| SUSANNE MARSCHALL

Titelangaben
Dirk Steinhöfel: Nicht um die Ecke
Frankfurt: Sauerländer Verlag
48 Seiten, 14,99 Euro
Kinderbuch ab 4 Jahren
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