Auf der Suche nach dem Vater

Wenn man eine berühmte Mutter hat, ist vieles oft schwieriger. Manchmal aber kann es auch helfen. Zum Beispiel Eva bei der Suche nach ihrem Vater, der von Holland nach Suriname zurückgegangen ist. Das erzählt Simon van der Geest in einem nicht ganz gelungenen Roman. Von GEORG PATZER

Ein bisschen anders war sie immer schon. Nicht nur, dass Evas Mutter Silla Loks eine berühmte Sängerin ist – vor allem ist Evas Haut ein bisschen brauner als die der anderen Kinder. Und: Sie hat elf Zehen. Der elfte kribbelt jedes Mal, wenn sie eine Lüge sagt oder hört, jedes Mal. Wer ihr Vater ist, weiß sie nicht – und ihre Mutter spricht nicht über ihn, und wenn, dann schimpft sie, nennt ihn »diesen Kerl« oder den »Wurm«. Aber warum er nicht da ist, warum sie sich getrennt haben, sagt sie nicht.

Aber dann gibt es ein Schulprojekt in Biologie: Jeder Schüler soll sich ein Thema ausdenken und bearbeiten. Wesley will über Biotomaten schreiben, sein Vater hat einen Gartenbaubetrieb, da kann er ihn einfach immer fragen. Luuk, Evas bester Freund, will etwas über Drachen schreiben, aber Frau Gerling will das nicht: »Dabei ist biologisch gesehen sehr wenig über Drachen bekannt«, sagt er. Wahrscheinlich, weil es sie nicht gibt. Aber dann findet er im Internet die Komodowarane, die wurden zuerst auch als Drachen angesehen und heißen auch Komododrachen.

Eva kommt auf die Idee, über biologische Väter zu schreiben. Das ist weder der Mutter noch der Lehrerin recht. Aber sie sammelt Informationen, macht sich Gedanken, was für Väter es überhaupt gibt: »Man kann auch noch einen anderen Vater haben, weil es mehrere Sorten gibt, wie zum Beispiel den Stiefvater, den Adoptivvater und den Doktorvater. Es gibt sogar einen Darth Vader (sehr selten:)«. Und wenn man einen Nabel hat, hat man auch einen biologischen Vater.

Dann sieht sie im Fernsehen die Sendung »Verlorene Zeit«, in der sich Menschen auf die Suche nach Verwandten machen, zu denen sie den Kontakt verloren haben. So sieht sie einen Mann, der adoptiert wurde und nun seine richtige Mutter sucht. Und mit der Hilfe der Redaktion und der Moderatorin auch findet.

Der berühmte niederländische Autor Simon van der Geest hat einen Jugendroman geschrieben, in dem auch Eva ihren Vater sucht und findet. Denn, wie man wohl ahnt, ruft sie bei der Redaktion an und schildert ihren Fall, aber die Fernsehleute beißen erst an, als sie erfahren, dass Evas Mutter eine berühmte Frau ist: Damit kann man wunderbar Quote machen. Silla Loks ist erst entsetzt, dann spielt sie mit, widerstrebend, weil sie das Spiel durchschaut, aber nicht mehr zurück kann, weil sie vor der Öffentlichkeit auch die gute Mutter spielen muss. Und gibt genauso widerwillig ein paar Informationen preis: dass der biologische Vater Rico Vrede heißt und wahrscheinlich wieder in Suriname lebt, wo er herkam. Auch er hat elf Zehen, wie Eva. Die Crew fliegt mit Eva auch wirklich nach Suriname, findet erst eine Verwandte und filmt alles, auch mehrfach, ohne Rücksicht auf Evas Gefühle. Eva reißt dann aus und fährt allein einen Fluss hoch und findet schließlich nach einigen Abenteuern auch ihren Vater.

Zu viele Geschichten

Es ist eigentlich eine spannende Geschichte, die van der Geest erzählt: die Holländerin, die sich in einen Surinamesen verliebt, dann gibt es Missverständnisse und Eifersucht, Verletzungen und eine Trennung, eine langanhaltende Wut und das langanhaltende Schweigen der Tochter gegenüber. Dummerweise vermischt van der Geest diese Geschichte mit vielen anderen, und zwar zu vielen: Da ist die Geschichte mit der Fernsehcrew, in der Eva langsam erfährt, dass denen ihr Schicksal eigentlich gleichgültig ist, Hauptsache, sie haben tränenreiche Geschichten im Kasten. Die Geschichte mit der Karte und der Musikkassette, auf der ihr unbekannter Vater ihr ein Lied aus seiner Heimat vorsingt. Die Geschichte zwischen Eva und Luuk, ihrem besten Freund, der beleidigt ist, weil sie auf einmal nicht ihn, sondern David zu ihrem Opa mitnimmt, wo sie die Kassette findet: Sie hatte sich kurz und heftig in David verknallt, ebenso schnell ist es vorbei, und beinah auch mit Luuk. Die Geschichte der Flussfahrt, die Eva allein unternimmt, wo sie einen anderen Jungen trifft, Palu. Und die Geschichte, wie sie dann tatsächlich ihren Vater wiederfindet, mitten im Urwald.

Es sind einfach zu viele Geschichten, die nur einen losen Zusammenhang haben, und manchmal ziemlich abrupt enden, wie die Geschichte mit Palu. Van der Geest fügt diese vielen Fäden nicht in einen runden und glaubwürdigen Roman zusammen, manche hängen noch am Schluss lose herunter. Das ist schade, denn jede diese in das Buch hineingestopften Geschichten wäre bei all dem Witz, dem schrägen Humor, dem Einfallsreichtum, den vielen Gefühlen und den spannenden Abenteuern, die van der Geest sicher erzählt, bis zum Beinahertrinken im Dschungelfluss, einen Roman wert. Selbst das Wiedersehen mit ihrem Vater, der jetzt Gabian heißt, wird nur angerissen, aber nicht richtig ausgeführt, die Gefühle bleiben in der Luft hängen. Auch diese Geschichte hat kein rundes Ende. Nur mit ihrer Mutter hat Eva am Schluss eine bessere Beziehung, und auch mit Luuk. Aber das ist doch ein bisschen wenig für so einen dicken Roman.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Simon van der Geest: Der Urwald hat meinen Vater verschluckt
(Het werkstuk of hoe ik verdween in de jungle, 2019), übersetzt von Andrea Kluitmann
Stuttgart: Thienemann Verlag 2021
430 Seiten, 17 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren

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