Geheimdienste in der Sinnkrise

Roman | John le Carré: Silverview

Am 12. Dezember 2020 verstarb mit John le Carré der Schriftsteller, dessen Name wohl am engsten mit der Geschichte des Spionagethrillers in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbunden ist. Ob Kalter Krieg, Globalisierung, internationaler Terrorismus oder Systemwandel nach 1989/90 – John le Carrés Romane suchten immer eine Antwort auf die Zeit, in der sie entstanden. Nun ist mit Silverview ein letztes Buch aus dem Nachlass des Mannes erschienen, dessen Werken nicht nur eine zeitpolitische, sondern auch eine literarische Bedeutung zukommt. Noch einmal wird darin über die Beschreibung einer verhängnisvollen Konfrontation die Aufmerksamkeit auf brisante Fragen unserer Gegenwart gelenkt. Von DIETMAR JACOBSEN

Julian Lawndsley hat das Leben in der Großstadt satt und beginnt noch einmal neu als Provinzbuchhändler. In einem kleinen Küstenstädtchen East Anglias übernimmt der 33-jährige Ex- Börsenmakler einen einschlägigen Laden, nennt ihn »Lawndsleys Bessere Bücher« und glaubt, sich mit der Zeit in das ihm bisher fremde Metier einarbeiten zu können.

Als ihm eines Tages der betagte Edward Avon begegnet, der mit seiner todkranken Frau, ihrer beider ein wenig exzentrischen Tochter Lily und deren kleinem Sohn Sam ganz in der Nähe wohnt, wächst Julian unvermutet Hilfe zu. Avon nämlich hat die Idee, aus dem bis dato ungenutzten Buchhandlungskeller einen Ort zu machen, in dem sich die anspruchsvollsten Denker aller Zeiten mit ihren unsterblichen Werken aufgereiht in friedlichem Nebeneinander wiederfinden. Einen Namen für diesen Ort – die »Literarische Republik« – hat er sofort parat, eine Liste mit mehreren Hundert einschlägigen Titeln liefert er kurze Zeit später nach.

Silverview ist John le Carrés sechsundzwanzigster und letzter Roman. Der am 12. Dezember 2020 verstorbene Autor hatte ihn noch zu seinen Lebzeiten fertiggestellt oder besser gesagt: sich mit ihm über mehr als ein Jahrzehnt herumgequält. Nun haben andere nach seinem Tod den letzten Schliff angelegt, was man freilich zum Glück – auch der gelungenen Übersetzung Peter Torbergs wegen – kaum merkt. Herausgekommen ist eine Geschichte von gealterten, teilweise sich bereits im Ruhestand befindlichen Spionen, in deren Ränkespiel ein unbedarft-naiver Zeitgenosse gerät, dem sich erst allmählich enthüllt, wozu er in Wahrheit benutzt wird – ein typischer später Le Carré also.

Spione im Ruhestand

Denn natürlich sind sowohl Edward Avon als auch seine Gattin Deborah Spione – hochrangige zumal. Er war als Topagent im Ostblock unterwegs, sie Nahostexpertin und glänzende Analystin. Bis eine Liebesgeschichte während der Balkankriege ihn vollkommen aus der Spur geworfen hat und den Verdacht aufkommen ließ, dass Edward, unter dem Decknamen »Florian« einst Hansdampf in allen geheimdienstlichen Gassen, nachdem er in seinem Leben schon einmal den Weg vom Kommunisten zum Anti-Kommunisten gegangen ist, inzwischen wieder linken Idealen zuneigen und damit zum Verräter geworden sein könnte.

Zwei Briefe – einer von Deborah an Stewart Proctor, den Leiter der nationalen Sicherheit, einer von Edward an seine heimliche Liebe – bringen die ganz große Maschine ins Rollen. Das alte Herrenhaus, in dem die Avons wohnen – »Silverview« hat es Edward getauft nach der Weimarer Villa »Silberblick«, in der Friedrich Nietzsche, gepflegt von seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, seine letzten Lebensjahre verbrachte – wird rund um die Uhr observiert. Proctor findet kaum noch Schlaf, auch weil er wohl um die eigene Karriere fürchten muss. Aus Julian Lawndsleys Buchhandlung verschwinden über Nacht die beiden Laptops, an denen gelegentlich auch Edward Avon saß und literarische Recherchen zu machen vorgab. Und nach Deborah Avons Tod und einer Beerdigung, zu der Dutzende alte und junge Geheimdienst-Mitstreiter aus London anreisen, soll endlich Schluss sein mit den Samthandschuh-Methoden gegenüber einem Mann, der nicht nur das wertvolle chinesische Porzellan, dass man auf »Silberblick« gesammelt hat, verkauft, sondern offensichtlich auch Informationen, welche, wenn feindliche Mächte Zugriff auf sie hätten, die nationale Sicherheit Großbritanniens gefährden würden.

Geheimnistuerei als Lebenszweck?

Aber hat Edward Avon das wirklich getan? Oder sucht hier nur ein sich seiner Nutz- und Sinnlosigkeit zunehmend bewussterer Geheimdienst nach einer Begründung für seine weitere Existenz? »Wir haben nicht viel erreicht, um den Lauf der Geschichte zu verändern, oder? So von einem alten Spion zum anderen, würde ich schätzen, ich wäre als Leiter eines Jugendclubs nützlicher gewesen«, blickt einer der alten Haudegen an einer Stelle des Romans auf die vergangenen Jahrzehnte gemeinsamen Tuns zurück.

Es sind Spione in der Sinnkrise, die John le Carré in Silverview vorführt. Der Autor, der selbst einmal sowohl zum Inlandsgeheimdienst MI 5 als auch zum Auslandsdienst MI 6 gehörte und – noch bevor er 1964 den Dienst quittierte, um sich fortan nur noch der Literatur zu widmen – mit ersten Romanen rund um seine bekannteste Figur George Smiley hervortrat, hat sich in fast 60 Jahren anhaltender Produktivität von den Überzeugungen, die noch seine Bücher der 1960er und 1970 Jahre weitgehend prägten, nach und nach gelöst. Spätestens seit er thematisch den Kalten Krieg verabschiedete und der Internationalisierung aller gesellschaftlichen Sphären Rechnung trug, wuchsen auch seine Zweifel am Sinn der sich immer noch um nationale Sicherheitsfragen kümmernden Geheimdienste.

Mit seinen letzten beiden Romanen – Das Vermächtnis der Spione (2017) und Federball (2019) – schließlich stürzte er die Kalten Krieger, deren Chronist er war, vollends in die Krise. Sie mussten sich fortan mit der Frage auseinandersetzen, ob ihr Beitrag zur neuen Welt tatsächlich so bedeutend gewesen war, dass er all die Opfer – auch und vor allem die in den eigenen Reihen – legitimierte. Die Folge für sie in Le Carrés letzten Romanen: Götterdämmerung am Ufer der Themse. Die herrscht nun auch in Silverview. Allein das ist kein Grund zu verzweifeln, denn es gibt ja noch die Jungen. Und die tragen zwar noch Kassiber hin und her. Allein die ganze Geheimnistuerei als Lebenszweck kommt für sie nicht mehr in Frage.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
John le Carré: Silverview
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Berlin: Ullstein 2021
252 Seiten. 24 Euro
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