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Geheime Mission im verbotenen Land

Roman | D. B. John: Stern des Nordens

Drei Personen stehen im Mittelpunkt von D. B. Johns Thrillerdebüt Stern des Nordens … Von DIETMAR JACOBSEN

Jenna Williams, Afroamerikanerin mit koreanischen Wurzeln, die dabei ist, in Washington D.C. Karriere als Hochschullehrerin zu machen, praktisch über Nacht aber bei der CIA landet. Song-ae Moon, eine nordkoreanische Bäuerin, die, einmal ins Visier von Polizei und Geheimdienst geraten, den Mut zum Widerstand gegen das menschenverachtende System von Kim Jong-Il findet. Und der hohe Parteifunktionär Cho Sang-ho, den seine Beförderung mit einer Vergangenheit konfrontiert, die ihn in tödliche Gefahr bringt. Ihre Schicksale verknüpft der in Wales geborene Autor, der lange Zeit in Südkorea lebte, zum spannungsvollen Bild eines Landes, das in letzter Zeit häufig die Schlagzeilen beherrschte, über das man aber dennoch nur wenig weiß.

Jenna Williams, US-Amerikanerin mit afro-koreanischen Wurzeln, ist dabei, eine beachtliche Hochschulkarriere in zu machen, als die CIA bei ihr anklopft. Ihre Kenntnisse über ein Land, von dem man in Nordamerika wenig weiß, dafür aber umso mehr vermutet, die perfekte Beherrschung der fremden Sprache und eine ganze Reihe anderer herausragender Fähigkeiten prädestinieren sie offenbar dazu, für den Geheimdienst an einer Mission in Nordkorea teilzunehmen. Es geht um das Raketenprogramm des Regimes von Kim Jong-Il (1942 – 2011) und die Frage, welche Gefahren für die Welt – und speziell die Vereinigten Staaten – aus dem Aufrüstungsprogramms des »Geliebten Führers« erwachsen könnten.

Indem Jenna nach langem Zögern schließlich einwilligt, hat sie aber noch etwas anderes als den uneigennützigen Dienst an ihrem Land im Sinn. Vielleicht nämlich wäre bei der sich bietenden Gelegenheit auch Licht in das zwölf Jahre zurückliegende Verschwinden ihrer Zwillingsschwester zu bringen. Denn an einen Badeunfall, wie es offiziell hieß, als die junge Frau zusammen mit ihrem Freund während eines Südkorea-Urlaubs von einem Strandausflug nicht zurückkehrte, glaubt Jenna nicht. Im Gegenteil: Sie spürt, dass Soo-min, zu der sie eine innige Beziehung hatte, noch lebt, und ist fest entschlossen, sich, in Korea angekommen, auf die Spuren der Vermissten zu begeben.

Die getrennten Zwillingsschwestern

Der Journalist D. B. John besuchte im Jahr 2012 als einer der wenigen westlichen Touristen Nordkorea. Nach seinen Recherchen im Reich von Kim Jong-un schrieb er gemeinsam mit der Nordkoreanerin Hyeonseo Lee deren Lebensbericht Schwarze Magnolie: Wie ich aus Nordkorea entkam (2015) und im Anschluss daran seinen Thriller Stern des Nordens, in den zahlreiche Fakten über das alltägliche Leben in der Diktatur, wie es Lee erlebt hatte, einflossen.

Das Bild des Korea der einfachen Leute, wie es im Roman von der Bäuerin Song-ae Moon verkörpert wird, ergänzte er durch die Geschichte des nach einer Beförderung in Ungnade fallenden und schließlich in einem Lager landenden Parteikaders Cho Sang-Ho. Mit dieser dritten zentralen Figur kommt die Nomenklatura um Kim Il-sung und seinen Sohn Kim Jong-un ins Spiel, eine Clique, in der absolute Unterordnung unter den Willen des Staatsführers Privilegien garantiert, der kleinste Schatten auf dem Leben – und sei es dem eines Vorfahren – aber zu folgenschweren Konsequenzen führen kann.

Geschickt verknüpft der Roman, immer wieder die Schauplätze wechselnd, die Schicksale seiner drei Protagonisten miteinander. Während sich Jenna und Cho Sang-ho aus Anlass von zwei diplomatischen Begegnungen zwischen einer amerikanischen und einer nordkoreanischen Delegation – das erste Treffen in New York, das zweite in Pjöngjang – begegnen und später zu Vertrauten werden, wird der Leser über die Rolle der Bäuerin aus dem koreanisch-chinesischen Grenzland zunächst im Dunkeln gelassen. Song-ae Moon bringt sich und ihren Mann als Betreiberin einer Garküche auf dem Markt der Kleinstadt Hyesan durch.

Die Erniedrigungen und Demütigungen, die sie und die anderen Händler durch die staatlichen Behörden hier zu ertragen haben, führen dazu, dass sich die ältere Frau immer stärker politisiert und schließlich sogar zur Anführerin eines regionalen Aufstands wird. Erst als sie daraufhin im berüchtigten Lager 22, in dem das Regime seine wehrlosen Gefangenen tödlichen Chemiewaffenexperimenten aussetzt, dem aus Amt und Würden gejagten Cho Sang-ho begegnet, wird ihre Verstrickung in dessen Leben deutlich.

Öffentliche Hinrichtungen und geheime Menschenexperimente

Stern des Nordens macht – oft auf außerordentlich drastische Weise – deutlich, wie man sich das Leben der Menschen im heutigen Nordkorea vorzustellen hat. Öffentliche Hinrichtungen, Hunger und die Überwachung jedes Einzelnen – was bis zu unangekündigten Wohnungsbesuchen geht, bei denen kontrolliert wird, ob der Staub auf dem Rahmen des für jeden Haushalt obligatorischen Führerbildes entfernt wurde – sind an der Tagesordnung. Widerstand wird hart bestraft. Die Lager sind voll, der beständig herrschende psychische und physische Druck auf jeden Einzelnen kaum aushaltbar.

Auf Menschenleben kommt es nicht an. Denunziationen machen auch vor denen nicht halt, die es in der Gesellschaft bis ganz nach oben, in die Nähe des kultisch verehrten ersten Mannes im Staat, geschafft haben. Jederzeit kann eine nicht genehme Episode aus der Vergangenheit seiner Familie dafür sorgen, dass ein scheinbar unangreifbarer Parteifunktionär über Nacht in den Folterkellern des staatlichen Geheimdienstes Bowibu verschwindet. Was das für die Familie des Betroffenen bedeutet, erlebt im Roman der erst für sein diplomatisches Geschick gefeierte, später dann, als der Geheimdienst seine wahre Herkunft ans Licht bringt, von allen schnell fallengelassene Regimegünstling Cho Sang-ho am eigenen Leib.

Nicht immer ganz realistisch sind im Übrigen die Action-Szenen des Romans. Und was die Rolle der Amerikaner betrifft, so wird diese kaum hinterfragt, sondern auf eher naive Weise idealisiert. Das ist auf Dauer ein wenig ärgerlich, nimmt dem Roman auch etwas von seiner Glaubwürdigkeit, sollte aber nicht dazu führen, die Lektüre abzubrechen. Denn ein Buch, das so dicht dran ist am Terror in einem Land, das zu den letzten in der Welt zählt, die sich »kommunistisch« nennen, wird es wohl so bald nicht wieder geben.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
D. B. John: Stern des Nordens
Aus dem Englischen von Karen Witthuhn und Sabine Längsfeld
Reinbek bei Hamburg: Wunderlich 2018
541 Seiten. 24,- Euro
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