Sarah Lund

in Film/Krimi

Krimi | TATORT – Aus der Tiefe der Zeit (BR), 27. Oktober & Komissarin Lund: DVD-Box

Wir sahen 2012 im ZDF die fünfteilige dänische Serie Die Brücke, im Kino Stieg Larssons Millenniumtrilogie Verblendung, Verdammnis, Vergebung (Schweden, 2009). Aus welchem Grund das nördliche Europa so hervorragend Krimi kann? Man weiß es nicht. Kommissarin Lund lief in Dänemark im Januar 2007 an und wurde in zwanzig Folgen zu je 55 Minuten gesendet, das ZDF sendete ab 14. September 2008 in zehn Folgen wöchentlich zu jeweils 105 bis 115 Minuten, das österreichische ORF sendete ebenfalls zehn Teile, beginnend am 3. Juli 2009. Von WOLF SENFF

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Lund war ein grandioser Erfolg, produziert wurden sogleich eine zweite (im ZDF 2010 gesendet) und eine dritte Staffel (im ZDF ab Februar 2013). Ein absolut spannendes Serienformat. Neu für den TV-mäßig mitunter behäbigen, merkelgefärbten Mitteleuropäer ist die feste Verankerung der aufzuklärenden Fälle in der politischen Szene, und es gilt nicht etwa ein Fall pro Folge, sondern die Staffel arbeitet einen einzigen Fall ab. Unmöglich! Für hiesige Verhältnisse ist das umstürzlerisch. Wie kann sich die Aufklärung eines Falles über beinahe zwanzig Stunden Film hinziehen? Wie machen sie das, unsere dänischen Nachbarn? Wahrscheinlich, sagt sich der Mitteleuropäer, werden die Ermittlungen schlampig geführt. Es wird schon, es wird schon, alles wird gut.

Der Erfolg von Serien

Gab es nicht Krimi-Serien im deutschen Fernsehen? Ja, doch. Wikipedia erinnert an Francis Durbridge (Der Andere, 1959; Das Halstuch, 1962), da wurde ein Fall mehrere Folgen lang aufgeklärt und war spannend. Nicht wie bei Schimanski pro Folge ein Fall. Aber das ist irgendwie aus der Agenda gerutscht. Nun zeigen die Dänen, wie man’s macht. Zurzeit läuft gerade Borgen – Seilschaften auf arte, dritte Staffel, donnerstags einundzwanzig Uhr, fünfmal hundertzehn Minuten wie bei Lund, im November wird’s nachts noch einmal aufgelegt. Ein Polit- und Medienkrimi, und überhaupt niemand kommt zu Tode. Wir dürfen uns diese Leckerbissen aus Nachbars Küche nicht entgehen lassen.
Kund1Den Erfolg von Kommissarin Lund erklären? Sicher, erzähltechnisch ist die Serie höchst professionell, sie hat schnelle Szenenwechsel, die den Zuschauer zum Denken zwingen, die Szenen greifen ineinander, sie überlagern einander, sind miteinander verzahnt, Audio-Ton wird zwischengespielt. Doch das ist es nicht, diffizile Erzähltechnik klappt überhaupt nur bei einem entsprechend komplexen, überzeugend gestalteten Inhalt – und genau das leistet Kommissarin Lund.

TATORT im Experimental-Modus

Letztens, wir erinnern uns, gab’s den Münsteraner TATORT Die chinesische Prinzessin (WDR, 20. Oktober), und nächsten Sonntag läuft Aus der Tiefe der Zeit (BR, 27. Oktober) – beide mit reichlich Schickimicki, große Oper, ohne dass eine klare Linie erkennbar wäre. Bei Münster ging es diesmal um eine politisch verfolgte chinesische Künstlerin, Professor Boerne verfiel ihr mit Haut und Haaren und wurde verdächtigt, weil sie in seinem Leichenkeller zu Tode kam. Welche Zufälle. In Münster. Die ganze Welt in neunzig Minuten. Zusätzlich leidet der Münsteraner TATORT darunter, dass sein Lustig längst zu Langweilig mutiert ist. Ob eine Auffrischung mit Trallala und großzügig Blutvergießen hilfreich ist, darf bezweifelt werden.

Der Münchner TATORT unter der Regie des preisgekrönten, erfahrenen Dominik Graf erweckt leider einen ähnlichen Eindruck. Womöglich erhebt er es sogar zum heimlichen Stilprinzip, so unübersichtlich zu bleiben wie die Fahrpreise der Bundesbahn.

Jedenfalls ist immer derbe was los, der Vorspann tut sich durch rasante Zeitraffergrundierung hervor, zu den Namen werden die Akteure in Großaufnahme eingeblendet, die Musik ist mordsmäßig, bissel Zirkus-Sound, orchestral, pompös. Die Regie schreitet auf großem Fuß einher, man gibt den Untergang des Hauses Holzer.

Punktabzüge wg. Witz und knallbunt

Vier Tote, ordentlich Blutvergießen, großes Heulen und Zähneklappern, die aktuellen drei Opfer starben letzten Endes, so Leitmayr, »versehentlich«. Schnittfolgen sind verwirrend anstatt sinnstiftend, wiederholte Audio-Einblendungen irritieren. Die Haifischgriffe an der Kantinentür kommen nicht als liebevolles Detail an, sondern als ein Haschen nach Wind. Der anzügliche Witz – »Ich mach auch Intimrasur«, sagt der Stylist, »und nein, keine Angst, ich pass schon auf« – stammt aus dem unteren Regal wie die Dame der Spusi, als sie rektal die Temperatur der Leiche misst, und ist keinen Deut besser als der müde Wenn’s-der-Wahrheitsfindung-dient-Reflex.

Anspruch und Wirklichkeit dieser Produktion klaffen auseinander, die Gentrifizierungs-Handlung um das Bauvorhaben Wagnerstraße ist beliebig, eine laue Schickimicki-Attitüde neben anderen. Die Familie Holzer ist verwegen gezeichnet, knallbunt und letzten Endes langweilig. Toll trieben es die alten Römer. Das vergessen wir dann lieber. Aus der Tiefe der Zeit produziert Hektik, er bereitet Stress. Spannung buchstabieren wir anders.

Experimentiert wird halt normal nur in Chemie

Das macht den Unterschied, sagt Kommissarin Lund – wie schafft sie es, dass diese Serie stimmt? Die Schnitte sind kurz, man wird, bitte, nein bitte jetzt kein Popcorn, zu Aufmerksamkeit gezwungen, man wird nicht verwirrt, nichts irritiert. Die Handlungsführung hat innere Logik, sie ist straff, sehr spannend, atemlos. Bunte Welt ist nicht schnöde Absicht, sondern wenn nötig, ergibt sie sich zwangsläufig, quasi als ein Nebeneffekt, die Serie setzt in ihren einzelnen Teilen episodenähnliche Schwerpunkte, nichts ist geziert oder oberflächlich, gibt null selbstgefällige Effekthascherei. Die innenpolitischen Bezüge sind nicht beliebig gesetzt oder wären aufgeregter Tagesaktualität geschuldet, sie gehören einfach zum Film. Die politische Dimension der zweiten Staffel führt Lund gar nach Afghanistan, auch Dänemark hatte Soldaten dort stationiert.

Man hat durchaus Verständnis, dass TATORT zurzeit mal neue Ufer sucht. Was sagt man dazu? Viel Glück mit den nächsten Experimenten? Im Gedächtnis haften leider immer noch Tumor-Murots schauriges Dorf oder ein delirierender Hanns von Meuffels (Polizeiruf 110), der als sein eigener Geist im Gebirge umherirrt.

Man freut sich denn doch mehr über die im traditionellen TATORT-Gewand auftretenden neuen Produktionen des MDR aus Magdeburg (Der verlorene Sohn, am 13. Oktober), aus Erfurt (Kalter Engel, am 3. November), aus Weimar (Die Fette Hoppe, am 26. Dezember), sie platzen uns nicht lautstark und mit selbstgefälligem Hallodri in unsre gute Stube.

Man darf auch neugierig sein auf den Nächsten von Dortmund. Die auf Halbstark gebürsteten Fünfzigjährigen aus Hamburg sind zum Glück erst in 2014 angesagt, sie sind anstrengend, man darf sie gern auf 2015 schieben. Bei den Produktionen des MDR überzeugt der Humor, der beim TATORT immer schon ein starker Hinweis auf Qualität war. Kommissarin Lund, nebenbei, ist humorlos, das mag man ihr ankreiden, doch zu dieser Figur, im Ernst, passt kein Humor.

| WOLF SENFF

Titelangaben
TATORT: Aus der Tiefe der Zeit (BR)
Regie: Dominik Graf
Ermittler: Miroslov Nemec, Udo Wachtveitl
So., 27. 10., ARD, 20:15 Uhr

Kommissarin Lund
Regie: Birger Larsen (Staffel I)
Drehbuch: Søren Sveistrup
Sarah Lund: Sophie Gråbøl
4 DVD-Boxen, ca. 31 Std.
Staffel I-III
incl. Making-of, Interview, Casting-Szenen
Staffel I 33 Euro, Staffel II 25 Euro, Staffel III 39 Euro

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