Im Kopf eines anderen

in Jugendbuch

Jugendbuch | Neal Shusterman: Kompass ohne Norden

Gedankenlesen, das wäre was! Wort für Wort verfolgen können, was ein anderer Mensch denkt, klingt äußerst verlockend. Was macht uns so sicher, dass wir tatsächlich verstehen, was andere denken? Neal Shusterman schickt sein Publikum in den Kopf eines anderen und damit auf eine Reise ins mehr als Ungewisse. Von MAGALI HEIẞLER

Kompass ohne NordenCaden versteht die Welt nicht mehr. Besser gesagt, er versteht sie genauer als vorher. Alles, was ist, hat mit einem Mal besondere Bedeutung. Da ist der Junge, dem er in den Gängen der Schule hin und wieder begegnet und der ihn umbringen will. Caden zweifelt nicht daran. Oder doch?

Seine Freunde fangen an, eine unverständliche Sprache zu sprechen. Selten zunächst, dann immer häufiger. Noch wilder wird es, als sie behaupten, dass sie ihn nicht mehr verstehen. Caden versteht sich zuweilen auch nicht, wenn er ehrlich ist oder einen klaren Moment hat. Aber was ist eigentlich klar, was ehrlich? Welche Welt gibt es, welche nicht? Die, in der Caden in die Tiefe fällt, immer weiter hinunter oder die seiner Eltern?

Verständlich machen kann er sich nicht, selbst seine Zeichnungen versteht niemand. Vielleicht will einfach niemand verstehen, was Caden versteht. Oder es liegt daran, dass sein Blatt plötzlich leer ist, obwohl er sicher ist, dass er stundenlang verbissen gezeichnet hat. Dann taucht der Kapitän auf mitsamt dem Papagei. Die Schiffsreise beginnt, zum tiefsten Punkt der Welt, im Marianengraben. Nur in welcher Welt?

Gespenstisch

Neal Shusterman erzählt eine Geschichte über einen psychisch kranken Teenager, aber sein Buch gehört nicht in die Reihe der Jugendbücher, in denen möglichst schwere Erkrankungen eine nach der anderen abgehandelt werden, wie ein ICD mit Herz-Schmerz-Häkelmuster und Zuckerröschen. Er gehört auch nicht die weit kürzere Reihe der Romane, die die Krankheit eines jungen Menschen nutzen, um ernste Fragen nach der Bedeutung des Lebens aufzuwerfen und sich ernsthaft bemühen, seinen Sinn zu deuten. Bei Shusterman steht nicht der Kranke, sondern die Auswirkungen seiner Krankheit im Mittelpunkt. Caden, seine eindrucksvolle Hauptfigur, ist tatsächlich nur das Sprachrohr der Wirrnisse seiner Psyche.

Damit setzt der Autor Leserinnen und Leser vom ersten Satz an der Krankheit aus. Er verweigert klare Orientierungspunkte. Er versteckt sie in mehr als der Hälfte der über hundert Kurzkapitel wie Hinweise eines großen Rätsels. Dabei gibt er nicht einmal die Sicherheit, dass das Rätsel lösbar ist. Dieser grundlegenden Verwirrung muss man sich aussetzen beim Lesen. Die Lektüre wird rasch beunruhigend. Die Leserin kann die gezeigte Welt kaum besser einschätzen als Caden. Man kann Anker werfen bei den kurzen Auftritten der Eltern, der kleinen Schwester, den Schulfreunden. Schließlich kennt man diese Begriffe bestens, man kann sie mit eindeutigem Inhalt füllen.

Unmöglich ist das zunächst beim Kapitän, den Pastellen, der ganzen Schiffsbesatzung samt der Galionsfigur. Lässt man sich hineinziehen, so wie Caden in die Tiefe des Ozeans gezogen wird, gibt es Augenblicke, in denen man selbst den vertrauten Begriffen misstraut. Shusterman ist beunruhigend gut darin, Unsicherheiten zu schaffen.

Vor allem ist er beunruhigend gut, die Welt ins Wanken zu bringen und jeder Handlung, jedem Vorgang etwas Gespenstisches zu verleihen. Sieht man bei der Lektüre hin und wieder vom Buch auf, sieht man keine Geister. Es ist keine Hallowe’engeschichte. Sie ist schlimmer. Sie nimmt für einen Augenblick die Normalität aus dem Vertrauten. Das ist Entsetzen.

Sprachbilder, Bildersprache

Caden ist eine der spannendsten Hauptfiguren, die Jugendbücher derzeit zu bieten haben. Als Ich-Erzähler teilt er seine Eindrücke direkt mit, man lebt in seinem Denken. Trotzdem kann man sich mit ihm nicht völlig identifizieren, weil er in Rätseln spricht. Was für Caden klar ist und was er genauestens beschreiben kann, ergibt für die Leserin nicht unbedingt Sinn. Das schafft Distanz zur Hauptfigur, was ebenso beunruhigt wie die Handlung. Caden ist kein Bad Boy zum Verlieben, keiner, den man spontan retten will. Man ist nicht einmal sicher, ob er sympathisch ist. Sicher ist, dass er Mitgefühl weckt. Caden ist ein kranker Mensch, eine eigenständige Persönlichkeit, die große gesundheitliche Probleme hat. Ein Mensch, um den man sich aufs Beste kümmern muss. Hier wird weder die Liebe als Allheilmittel gepriesen, noch die Freude am Leben noch die ärztliche und pflegerische Hilfe. Die moderne Medizin ist keine Magie, ihre Mittel sind oft blinde Versuche. Im besten Fall ist sie ehrlich, im besten Fall gibt sie wesentliche Unterstützung beim Heilungsprozess. Darum geht es Shusterman und so zeichnet er die Figuren wie ihr Umfeld.

Das Bild, das Caden für seinen endlichen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik findet, ist das der Reise auf dem geheimnisvollen Schiff. Wer immer ihm begegnet, wird zu einem Teil der Mannschaft. Ab einem gewissen Moment der Lektüre kann man Teile des Schiffs und der Besatzung endlich als Räumlichkeiten der Klinik identifizieren und als Pflegepersonal oder Patientinnen und Patienten. Das Krähennest, die Kanonen, die Weiße Küche, die Pastelle, alles hat einen Sinn. Man darf sich aber nicht täuschen lassen, einige Rätsel bleiben ungelöst. Die Welt, gleich ob normal oder aus einem schizoaffektiv gestörten Blick gesehen, ist nicht grundsätzlich sicher.

Shusterman schwelgt in Sprachbildern aus der Welt der Schifffahrt, sein Caden ist sehr beredt für einen Fünfzehnjährigen. Seine Sprache ist aber nicht aufgesetzt, nie affektiert. Einige Bilder kehren wieder, die der endlosen Wege, des Fallens, des Außer-Sich-Seins. Unter Cadens Beschreibungen entgleitet auch der Leserin Realität wie Wasser, das durch die Finger rinnt. Spürbar werden die immense Angst, die das Entgleiten der Realität auslöst und der Verlust des Körpergefühls.
Einen eigenen unheimlichen Beitrag dazu leisten die Zeichnungen, die den Kapiteln beigefügt sind, große, kleine, unten an den Seiten. Seltsame Schlangenlinien, angedeutete Münder, verworrenen Fäden. Und Augen, immer wieder Augen. Undeutbar, abschreckend und anziehend gleichermaßen.

Die Zeichnungen sind echt, Shusterman erzählt keine ganz fiktive Geschichte. Sein ältester Sohn leidet an der Krankheit, die auch Caden beherrscht. Er hat ihm offenbar gut zugehört.
Die Geschichte endet mit einer positiven Note. Der Albtraum ist fürs erste vorüber. Ob er wiederkehrt und wann, weiß niemand.

Geblieben ist ein im besten Sinn anspruchsvoller, fordernder Roman auf hohem sprachlichem Niveau, der ein junges Lesepublikum auf eine der seltsamsten Reisen schickt, die es erleben kann. Darauf einlassen muss man sich schon. Im Unterschied zu Caden, der diese Wahl nicht hatte.
Als Fazit kann durchaus herauskommen: Gedankenlesen, nein, danke.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Neal Shusterman: Kompass ohne Norden
(Challenger Deep, 2015). Übers. von Ingo Herzke
Mit Illustrationen von Brendan Shusterman
München: Hanser 2018
320 Seiten, 19 Euro
Jugendbuch ab 15 Jahren
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