Bitchitronics und der grüne Mann

Musik | Toms Plattencheck

Das Chicago-Duo Bitchin Bajas macht sich mit seinem vierten Album auf in kosmische Weiten.

Cooper Crain von Cave und Dan Quinlivan (Ex- Mahjongg) sahen Bitchin Bajas ursprünglich nur als Nebenprojekt an; das Lob für ihre Arbeit, die auch Split-Veröffentlichungen mit den hippen Bands Moon Duo und Peaking Lights mit einschließen, dürften die Schwerpunktsetzung verlagert haben. Platte #4 heißt Bitchitronics, die vier überlangen Drone-Stücke tragen die Titel Transcendence, Inclusion, Sun City und Turiya. Was uns das sagt? Nun, der Albumtitel verweist natürlich auf die legendären »Frippertronics« genannten Fingerfertigkeiten der Gitarrenlegende Robert Fripp. Dessen Zusammenarbeit mit Brian Eno etwa zu Pussyfooting Zeiten (1973) dürften für die Bajas ähnlich prägend sein wie die Überführung von John Coltranes Suche nach einem universellen Sound in stratosphärische Weiten durch Alice Coltrane. Turiya ist ein Name, den sie nach Johns Ableben annahm; er erscheint etwa auf dem ´74er Album Illuminations, dessen gegenständlich-kitschiges Cover nach dem Einschlag eines Meteoriten ungefähr so aussehen könnte wie das von Bitchitronics. Diesen Vorbildern entsprechend zeitlos und über den Dingen schwebend ist der kontemplative, aber zu keinerzeit belanglos plätschernde Bajas-Sound zwischen »ambient, post-organic, electronic and drone.« Sehr stark!

»Bass Music der neuesten Generation«, verspricht Heiner Kruse aka The Green Man auf seiner Doppel-CD Sound Power. Was er als neueste Generation wahrnimmt, deutet ein Titel wie Junglist Soldier oder der Info-Verweis auf (die zu keiner Zeit erreichten) Air bzw. Massive Attack an. Kruse ist Chef des gerne als führenden deutschen Drum and Bass Labels titulierten Hauses Basswerk. Wer damit vertraut ist und warm wird, kann bei Sound Power sicher blind zugreifen. Allen anderen sei der Hinweis gestattet, dass hier zwischen Drum and Bass, Jungle und Trip Hop nichts passiert, was man Mitte der 90er nicht schon ausgiebig um die Ohren bekommen hätte. Mit Sicherheit nicht als Retro-Gag gedacht, sondern ironiefreie, korrekte Tat aus Überzeugung. Zwischen soulig angehauchten Vocal-Tracks, flächigen Soundtrack-Anleihen und raueren Bass-. Tracks durchaus auch um Abwechslung bemüht. Für meinen Geschmack aber durchwegs zu clean und vorhersehbar..

| TOM ASAM

Titelangaben
Bitchin Bajas: Bitchitronics ( Drag City)
The Grenn Man (TGM): Sound Power (Basswerk/ Rough Trade)

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

A Brief Chat with Ikonika

Nächster Artikel

Ausflug zum Mars

Weitere Artikel der Kategorie »Platte«

Folkdays aren’t over … Daniel Kahn & The Painted Bird

Musik | Daniel Kahn & The Painted Bird: The Butcher’s Share Daniel Kahn & The Painted Bird mit ›Bad Old Songs‹: Jiddischlandgetönte Mitternachtsträume – »we grew to cross many borders, different roads, different homes« (Daniel Kahn). Von TINA KAROLINA STAUNER

Von The Fall bis Sonic Youth und zurück

Menschen | Don’t get him wrong…: Mark E. Smith wurde nur 60 Jahre alt Mark E. Smith sah schrecklich blass aus in den vergangenen Jahren. Dabei wirkte er früher immer sophisticated wie ein spießiger Student. Sehr hübsch sozusagen. War aber ganz anders. Und er zeigte seine Band The Fall vor. Die soll im Lauf der Zeit mehr als vier Dutzend Bandmembers gehabt haben. Von TINA KAROLINA STAUNER

High Heels und Weltschmerz

Musik | Toms Plattencheck Seit nunmehr zwölf Jahren schleicht sich der Name Boozoo Bajou in unzählige Gehörgänge. Das passiert wohl weniger durch ihre Alben als durch die schier unübersichtliche Anzahl von Compilations, in deren Beschreibung wohl stets folgende Worte vorkommen: entspannt, chillig, Sonnenuntergang, Lounge Pop… Von TOM ASAM.

Free Jazz & Free Space & Impro

Musik | Fire! Orchestra – Enter Vorwärtstreibende Strukturen aber auch träg-klagende bluesige Grundstimmung im Free Jazz sind kennzeichnend für ›Enter‹ des schwedischen Fire! Orchestra um den markanten Saxofonisten Mats Gustafsson. Von TINA KAROLINA STAUNER

Survival of the Cool

Musik | Chico Freeman & Fritz Pauer Trio: The Essence of Silence Fritz Pauer, Jahrgang 1943, ist ein Stiller. Seine Seriosität eignet sich nicht für Schlagzeilen. Was nur Insidern bekannt ist: Er muss als der neben Joe Zawinul bedeutendste österreichische Jazzpianist gelten. Und das schon seit einem halben Jahrhundert. Friedrich Gulda schätzte den jungen Fritz Pauer, er hat mit ihm gespielt und wohl auch von ihm Einiges über Jazzfeeling gelernt. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn der Saxophonist Chico Freeman, der im Lauf der Jahre mit zahlreichen internationalen Legenden des Jazz aufgetreten ist und Schallplatten aufgenommen hat, just mit