Noch einmal Grubinger

Musik | Friedrich Cerha: Konzert für Schlagzeug und Orchester/Impulse für Orchester/Kontinent Varèse: col legno

Stimmt es denn wirklich, dass zeitgenössische Musik »schwierig« sein muss? Für die zwei Kompositionen von Friedrich Cerha, Jahrgang 1926, die die Wiener Philharmoniker unter der Leitung der beiden dafür prädestinierten Dirigenten Pierre Boulez und Peter Eötvös aufgenommen haben, trifft es jedenfalls nicht zu. Sie sind ausgesprochen süffig und hochdramatisch, unmittelbar »verständlich« und in einem ganz traditionellen Sinne schön. Von THOMAS ROTHSCHILD

Friedrich CerhaDie Impulse für Orchester von 1992/93 wurden 1996 bei den Salzburger Festspielen aufgenommen, das Konzert für Schlagzeug und Orchester von 2007/08, das 2011 ebenfalls in Salzburg zu hören war, kurz danach mit demselben Solisten, aber einem anderen Orchester und einem anderen Dirigenten, im Wiener Konzerthaus.

Cerhas Kompositionen zeichnen sich durch scharfe, aber stets der musikalischen Logik verpflichtete Kontraste, durch eine differenzierte Nutzung des dynamischen Spektrums und durch ihre raffinierte Instrumentation aus, die zu reizvollen Klangeffekten beiträgt. Dabei holt der Komponist das Erbe der romantischen, spätromantischen und neoklassizistischen Tradition in die Moderne. Bisweilen scheint es, als wolle er Mahler und Strauss mit der Zweiten Wiener Schule versöhnen. Cerhas Musik strömt, ergreift auch emotional, und ist zugleich im besten Sinne »konstruiert«, streng in ihrer formalen Durchdachtheit, vergleichbar einigen Dichtungen des Freundes Gerhard Rühm.

Das Konzert für Schlagzeug und Orchester hat Friedrich Cerha für Martin Grubinger geschrieben. Ein Glücksfall für beide: Der Komponist hatte einen idealen Interpreten gefunden, und der Schlagzeuger der Extraklasse bekam eine zeitgenössische Komposition, die ihm alle Möglichkeiten der Entfaltung eröffnet. Es handelt sich tatsächlich um ein »klassisches« Konzert, das aus drei in einander übergehenden Sätzen besteht, in denen der Solist an je unterschiedlichen Instrumentengruppen operiert.

Martin Grubinger begegnet man auch auf einer vor einem Jahr erschienenen CD, die 2009, ebenfalls bei den Salzburger Festspielen, aufgenommen wurde. Damals programmierte Markus Hinterhäuser in seiner Kontinente-Reihe einen Varèse-Schwerpunkt. Die CD bietet eine Auswahl von sieben Stücken. Die wohl bekannteste Komposition für ein reines Perkussionsensemble, Ionisation von 1929-31, kann man gleich in zwei Versionen hören: einmal mit Martin Grubinger und dem Percussive Planet Ensemble, und einmal mit dem Ensemble Modern Orchestra aus Frankfurt.

Dabei erweist es sich, dass es durchaus Unterschiede in der Interpretation, vor allem in der Dynamik und der Akzentuierung, gibt. An seiner Faszination hat diese knapp sieben Minuten dauernde Komposition, so oder so, bis heute nichts verloren. Daneben enthält die CD Offrandes für Sopran und Kammerorchester, Hyperprism für 9 Bläser und Schlagzeuger, Intégrales für 11 Bläser und 8 Schlagzeuger, Ecuatorial für Bassstimme, 8 Blechbläser, Klavier, Orgel, 2 Ondes Martenot und 6 Schlagzeuger“ und, als einziges längeres Stück und als einziges Stück in größerer Besetzung, Amériques für Orchester.

Es lohnt sich, die beiden CDs hintereinander oder auch im Wechsel zu hören. Sie werden nicht nur durch den Solisten Grubinger zusammengehalten, sondern lassen auch erkennen, dass der große Erneuerer Edgar Varèse für den 43 Jahre jüngeren Cerha (und nicht nur für ihn) ein wichtiger Einfluss war.

| THOMAS ROTHSCHILD

Titelangaben
Friedrich Cerha: Konzert für Schlagzeug und Orchester/Impulse für Orchester/Kontinent Varèse: col legno (Kairos/WWE)

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der Count und sein Arrangeur

Nächster Artikel

Klimmzug

Weitere Artikel der Kategorie »Platte«

Sommerschattierungen

Musik | Folkdays…Pastellfarbenes Schmetterlingsgeflatter von Fjarill und Snowpoet Das Duo Aino Löwenmark und Hanmari Spiegel trägt den hübschen Namen Fjarill. Das ist das schwedische Wort für Schmetterling. Für die Schwedin und die Afrikanerin scheinen musikalisches Flattern nach Hause genauso bewegt fantastisch wie unterwegs zu sein mit wechselvollen Folksongs. Fjarills Musik ist wie die Verbindung von Lebensgefühlen des Nordens und des Südens. Von TINA KAROLINA STAUNER

Family Horrors And Hidden Paradises: New Album Reviews

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world There are so many excellent new albums around right now that, this week, I hardly know where to begin. We have house magnificence from Demuja and Kann, gorgeously deep ambiance from Gas, the leftfield techno brilliance of Jon Hopkins, Forest Swords, Max Cooper and Aïsha Devi and lots more. By JOHN BITTLES

Folkdays… Maria Solheim – die schöne Leichtigkeit

Musik | Maria Solheim: Stories Of New Mornings Nicht in ein Märchenschloss der Fantasie spazierte Maria Solheim mit ihren Liedern, sondern in ein Königsschloss der Realität. Eingeladen war sie dort zu Besuch für ein Konzert zur Taufe von Prinzessin Ingrid Alexandra. Die Herkunft der Musikerin ist ein kleines Fischerdorf im Nordland Norwegens. Von TINA KAROLINA STAUNER

Post-Truths And Skylax House Explosions: New Album Reviews

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world With a bumper package of great new albums by DJ Sprinkles, The Black Dog, Peshay, The Advisory Circle and more to review this week, we’ll skip the introductory bullshit and dive right in. By JOHN BITTLES

Soul Tales … funky Neville Brothers

Musik | The Neville Brothers Charakter Martin Luther King Jr. träumte nicht nur davon, dass Menschen nicht nach der Hautfarbe beurteilt werden, sondern nach dem Charakter. Er hielt dafür Reden. Von TINA KAROLINA STAUNER