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Comic | Jesse Jacobs: Hieran sollst du ihn erkennen + Max Baitinger: Heimdall

Die großen Weltreligionen scheinen sich darüber einig zu sein, dass es keine gute Sache ist, wenn der Mensch sich Abbilder seines Gottes schafft. Dies führe, so heißt es, am Ende zu Bilderverehrung und Götzendienst. Zum Glück hat man sich bei Rotopolpress nicht an dieses Bilderverbot gehalten: mit Heimdall von Max Baitinger und Hieran sollst du ihn erkennen von Jesse Jacobs wurden gleich zwei Bände in das Verlagsprogramm genommen, die tatsächlich verehrungswürdige Bilder enthalten. Die abgebildeten Götter kommen in diesen allerdings nicht gerade gut weg. BORIS KUNZ hat ihnen gehuldigt.

Jesse Jacobs: Hieran sollst du ihn erkennen + Max Baitinger: Heimdall
Der kleine Verlag Rotopolpress in Kassel ist von Illustratoren und Ausstellungsmachern gegründet worden und hat neben seinem noch sehr übersichtlichen Comicprogramm auch Kunstdrucke und Illustrationsbücher im Angebot. Daher sollte es nicht verwundern, dass in den dort erschienenen Comicbänden der Schwerpunkt etwas mehr auf der Grafik und etwas weniger auf der Narration liegt. Sowohl Max Baitinger als auch der Kanadier Jesse Jacobs sind nicht nur Comiczeichner, sondern umtriebige Illustratoren und Grafiker. Als Autoren ihrer eigenwilligen Betrachtungen über Götter beweisen sie viel Humor und Einfallsreichtum, auch wenn gerade bei Jesse Jacobs der eine oder andere Einfall eher der Vorliebe für grafische Spielereien als einer schlüssigen Erzählung geschuldet sein mag. Trotzdem hat bei der Lektüre nicht nur das Auge seinen Spaß.

Reflexionen über den Anfang der Welt: ›Hieran sollst du ihn erkennen‹

Ablavar, Blorax und Zantek sind, so muss man das wohl nennen, Schöpfer. Sie schweben durch einen raum- und zeitlosen Kosmos und experimentieren dabei mit allerhand molekularem Material herum, geben ihm Form und Struktur, sehen zu, wie es sich weiterentwickelt, und präsentieren ihre Ergebnisse dann dem Berater, einem übergeordneten Gott, eine Mischung aus Buddha, Meister Yoda und dem Seminarleiter eines Kreativworkshops für Manager. Bei einer kohlenstoffbasierten Arbeit gelingt Ablavar schließlich ein Planetensystem, in dem auf einem Planeten Leben entsteht, dessen Ausprägungen er zunächst einmal den Namen »Dinosaurier« gibt. Später erschafft er eine neue Versuchsreihe, bei der sich die sog. »Tiere« dann viel weicher anfassen. Der Berater bewundert die Reduktion auf nur drei Dimensionen und die Weichheit der Texturen. Zantek, der sich eher für komplexe Muster aus Silikonmolekülen begeistern kann, neidet dem sanften Ablavar die Anerkennung des Meisters. Der immer freundliche Blorax kommentiert das Konzept der biologischen Fortpflanzung mit den Worten: »Ich mag es, dass aus deinen Sachen kleinere Sachen rauskommen.«

Je weiter der Kreislauf von Geburt und Tod auf der Erde fortschreitet, umso weniger kann Zantek diese ekelhaften Vorgänge ausstehen – und mischt Ablavars Schöpfung schließlich dadurch auf, dass er den Menschen erschafft und auf die Erde loslässt. Die Darstellung der Götter ist schon nicht sehr schmeichelhaft, aber beim Menschen wird Jesse Jacobs richtig schonungslos: Adam und Eva wirken in ihrer betont fleischlichen Nacktheit und mit ihren überdimensionierten Köpfen wie Karikaturen der alten Liebe ist…-Cartoons. Adam ist noch dazu ein tumber Klotz, der kein Wort herausbringt, meistens nur verschüchtert irgendwo hockt und sich mit dem Phänomen seiner eigenen Ausscheidungen beschäftigt, das ihn schon zu überfordern scheint. Eva erweist sich als Stimme der Vernunft, und dann kommen irgendwann noch Kain und Abel ins Spiel, und wie das ausgeht, wissen wir ja …

Hieran sollst du ihn erkennen bedient sich zwar biblischer Motive, ist aber glücklicherweise weit mehr als eine satirische Parodie des Schöpfungsmythos. Mit seinen Göttergestalten bringt Jacobs auch Erkenntnisse der modernen Physik ins Spiel, wenn Ablavar erklärt: »Ich habe einen Haufen nicht erforderlicher Dimensionen aufgefaltet und versteckt.« In aufgelockerter Chronologie und manchmal auch eher assoziativ wirkenden Handlungssträngen erzählt Jacobs den Schöpfungsprozess nicht nur als göttlichen Akt, sondern auch als eine von vielen möglichen Variationen kosmischer Bausteine, und dieses Gedankenspiel drückt sich bei ihm in immer neuen Variationen bestimmter grafischer Grundmuster aus. Da sind auf der einen Seite streng geometrische Formen wie Würfel oder Kugeln, die sich zu immer komplexeren Mustern zusammensetzen, zu labyrinthischen und von M.C. Escher inspirierten Gebilden – und auf der anderen Seite das biologische Leben, hervorquellend aus blauen, wuchernden Würmchen, die sich schließlich zu komplexen, verzweigten, organischen Adersystemen auswachsen und somit dem Leben eine neue Form geben. Seine Erde bevölkert Jacobs einerseits mit naturalistisch gestalteten Tieren, andererseits mit bizarren, etwas ekligen Eigenkreationen, bei denen vor allem der ästhetisch eher abstoßende Aspekt von Tod und Fortpflanzung betont wird. Immer wieder unterbricht er die Erzählung mit ganzseitigen Panels von verschiedenen Göttergestalten, die auf verschiedene Art aus diesen Elementen zusammengesetzt sind, und in denen ihm ungeheurere plastische Wirkungen gelingen. Farblich kommt Jacobs dabei mit einer Kombination aus zartem Violett und Blau aus, die ihm genügt, um ein ganzes Universum darzustellen.

Der Band ist eine sehr reizvolle, eigentümliche Mischung aus Reflexionen über die Entstehung der Welt, ätzendem Bibelkommentar und grafischen Spielereien, lustig zu lesen und großartig anzuschauen.

Das eintönige Leben des Allsehenden: ›Heimdall‹

HeimdallHeimdall ist in der nordischen Mythologie der Gott mit dem besten Gehör und vor allem den schärfsten Augen. Er hat deswegen vor allem eines zu tun: Dasitzen und aufpassen. Auch wenn dem Allsehenden eigentlich nichts entgeht, was auf der Welt geschieht, hat er ein recht eintöniges Leben. Zum einen haben die von ihm beobachteten Menschen sowieso kaum eine andere Beschäftigung, als sich auf Midgard in Waffenspielen zu üben oder in Wahlhall Met zu trinken und Fleisch zu essen. Zum anderen konzentriert sich Heimdalls Aufmerksamkeit auf die Sonne, denn an dem Tag, an dem der große Wolf – wie prophezeit – die Sonne verschlingt, schlägt Heimdalls große Stunde: Dann wird er in sein Horn blasen und Odin und seine Krieger zur großen Schlacht rufen. Schlimm wäre nur, wenn er ausgerechnet diesen Moment verpassen würde und sein Warnruf zu spät käme. Also bleibt Heimdall stur an einem Fleck sitzen, beobachtet die Sonne und hofft, dass es nicht ausgerechnet am Tag der Attacke des großen Wolfes übermäßig bewölkt sein wird.

Der Comic hat also streng genommen keine Handlung, sondern folgt den Gedankengängen Heimdalls, die sich in leichten Variationen immer wieder um das Gleiche drehen: um den möglichen Ablauf von Ragnarök – und wie es sein wird, wenn er alles richtig macht bzw. was passieren könnte, wenn er etwas falsch macht. Strukturiert wird das Album von der Erzählstimme Heimdalls, deren simpler, repetitiver Duktus etwas von einem Kinderbuch oder einer amerikanischen Schulfibel hat: »Ich bin Heimdall. Ich sehe alles. Ich sehe den Horizont vor mir. Ich sehe den Horizont hinter mir. Ich sehe den Horizont um mich herum.« Aus der variantenreichen Wiederholung von nur einer Handvoll Motive (die Sonne, der Ozean, die Waffenspiele der Menschen, der Wolf, die Schlange, Odin und Thor) schöpft der Comic mit viel Phantasie seinen Inhalt – und seinen ganz speziellen Humor.

Auch die Zeichnungen sind, der Gedankenwelt der etwas einseitig interessierten Titelfigur entsprechend, sehr einfach gehalten und meistens aus simplen Grundformen zusammengesetzt – irgendwo zwischen altnordischen Gestaltungselementen und Hägar der Schreckliche. Hier treibt Max Baitinger das Spiel weiter: Wie viele Varianten können aus einer relativ begrenzten Anzahl von Motiven und Symbolen gewonnen werden? Man ahnt schon, dass es eine ganze Menge sind, und dass diese sich gegen Ende sogar zu recht veritablen apokalyptischen Schreckensvisionen kombinieren lassen. Wobei man nur bedingt von Schreckensvisionen sprechen kann: Trotz der düsteren Thematik sind Heimdall, die nordischen Götter und die tapferen Bewohner Midgards eigentlich vor allem recht knuffige Gestalten.

Im Vergleich zum Album von Jesse Jacobs liegt die Kunstfertigkeit von Max Baitinger in der Reduzierung von Form, Sprache und Inhalt, in der Schaffung eines kleinen, übersichtlichen Kosmos, der sich um sich selbst dreht, anstatt auszuufern. Und Max Baitinger beweist in seinen lakonischen Sätzen und Gesten einen viel feineren und viel präsenteren Sinn für Humor.

Für kurzweilige und anspruchsvolle Unterhaltung sorgen beide Bände. Man darf daher hoffen, dass die Publikationen von Rotopolpress, die ja eher abseits des Comic-Mainstream angesiedelt sind, auch unter Comicfans ihre Leser finden werden.

| BORIS KUNZ

Titelangaben

Jesse Jacobs: Hieran sollst du ihn erkennen (By this shall you know him)
Aus dem Englischen von Thomas Wellmann
Kassel: Rotopolpress 2013
80 Seiten, 19 Euro

Max Baitinger: Heimdall
Originalausgabe
Kassel: Rotopolpress 2013
48 Seiten, 15 Euro

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