»Unsere Absicht war die Entgrenzung der Künste«

Comic | Internationaler Comic Salon Erlangen 2014: 30 Jahre Internationaler Comic Salon

 
30 Jahre ist es her, dass sich die Comicszene erstmals in Erlangen traf. Ein unechtes Jubiläum, dem im Programm des 16. Internationalen Comic Salons nur wenig Rechnung getragen wurde. Schon weil das Festival so gut läuft (mehr als 25.000 Besucher in diesem Jahr) und mit der Gegenwart vollauf beschäftigt ist, geraten die Wurzeln allmählich in Vergessenheit. Auch für dieses Festival ist es aber wichtig, seine Herkunft zu kennen. ANDREAS ALT hat sich deshalb auf Spurensuche begeben.
 
comicsalon1984Siebeneinhalb Minuten lang ist das Youtube-Video zum 1. Internationalen Comic Salon Erlangen 1984. Der von Undergroundzeichner Werner Büsch gedrehte Super-8-Film, in dem unter anderem Benedikt Taschen, damals noch Comichändler, der inzwischen verstorbene Norbert Hethke, Raymond Martin, Gerhard Förster, Dr. Klaus Strzyz und die ICOM-Vertreter Gerd Zimmer und Burkhard Ihme auftauchen, atmet eine anarchische Atmosphäre. Handgemalte Plakate und Wandbilder, die freche Enten-Statue auf dem Platz vor dem Markgrafentheater und ein improvisiertes Konzert von Haindling beim Comicfrühstück werden abgefilmt. Die Salon-Besucher blödeln sich durch ihre Kurzauftritte. Sie scheinen unsicher zu sein, ob es von Vorteil ist, sich mit dieser Veranstaltung zu einem damals noch weithin verachteten Medium in Verbindung bringen zu lassen.
 
Drei Jahrzehnte später ist der Comic Salon fest etabliert, immer noch ein bisschen verrückt, aber herangewachsen zu einer Mammutveranstaltung und ohne Zweifel ein Medienereignis. Fragt man langjährige Salon-Besucher, wie sie sich an die Anfänge erinnern und was sich in den 30 Jahren verändert hat, lässt allerdings viele ihr Gedächtnis im Stich. Auch die Stadt Erlangen und ihr Kulturbüro wollten nur recht halbherzig an ihr Quasi-Jubiläum erinnern. Da der Salon eine Biennale ist, war eine 25-Jahr-Feier nicht möglich. Jetzt aber blickt man lieber nach vorn und überlässt die Festivalgeschichte der Fachzeitschrift ›Reddition‹, die für eine Sonderausgabe und eine Ausstellung eine Menge Material aus der Geschichte des Salons zusammengetragen hat.
 
Den Besuchern, die 1984 da waren oder zumindest die Anfänge des Salons miterlebt haben, fällt es schwer, Anekdoten über die Zeit zu erzählen. Comiczeichner Hansi Kiefersauer (›Dr. Bubi Livingston‹) weiß noch, dass Bernd Hobohm und Bert Henning 1984 mit emporgehaltenem Schild ›Comics sind Schund‹ durch den Saal schritten und niemand wusste, ob das ernst gemeint war oder nicht. Das passt zum Geist des Büsch-Videos.
 
Designer Till Lenecke (›Sand zwischen den Zähnen‹) trauert dem Städtischen Übernachtungsheim nach. Einmal in den 80er Jahren kam er mit einer Gruppe befreundeter Zeichner zum Salon, und der Campingplatz in der Regnitzau war vollbelegt. Martin Jurgeit organisierte darauf Plätze im Übernachtungsheim, und man fand, dass die Logis dort, einschließlich Frühstück, für zehn Mark pro Nase ganz akzeptabel war. »Ein paar Jahre später haben da alle übernachtet. Heute dürfen nur noch verifizierte Obdachlose rein«, bedauert er.
 
1984 haben noch Aussteller und Besucher gleichermaßen gezeltet
 
In eine ähnliche Richtung geht die Erinnerung des Sammlers Thomas Ciecior. Alle seien anfangs auf der gleichen Ebene gewesen: »Aussteller, Besucher, Künstler – alle haben gezeltet.« Auf die Klassengesellschaft, die sich offenbar seither beim Salon ausgebildet hat, geht er nicht näher ein. Aus Sicht von Ciecior zeigt der Comic Salon heute, dass das Comicangebot viel größer und vielfältiger geworden ist. 1984 sei es auch mit schmalerem Geldbeutel möglich gewesen, sich alle deutschen Neuerscheinungen eines Jahres zu besorgen. Der Albenmarkt, für den er sich interessiert, sei heute nur noch eine kleine Sparte und dennoch zu umfangreich, um alles zu erwerben.
 
Eine ähnliche Feststellung hat Till Lenecke gemacht. Selbst Fanzines sind nach seiner Feststellung heute »toll gedruckt und typografisch einwandfrei«. Begabte Comiczeichner müssten nicht mehr in die Werbung abwandern, sondern könnten jetzt von ihrer Passion leben: »Leute wie Sarah Burrini gab es früher nicht. Olivia Vieweg ist sehr bezeichnend für die neue Szene. Flix oder Mawil sind durchgestartet. Levin Kurio ist heute der große Star, und auch er kann von seinen Comicheften leben.«
 
Etwas nüchterner sieht das der Fanzinemacher Jo Guhde (›Sprühende Phantasie‹): »Independent Comics haben heute auch Farbe und Hardcover. Independent bezieht sich auf die Finanzierung, nicht mehr auf den Inhalt.« Dass kleine, billige Heftchen fast verschwunden sind, findet er eher schade. Der Trend geht für ihn damit vom Comic hin zur kunstvollen Illustration. »Ich finde es schon gut, dass heute jeder einen hochwertigen Comic produzieren kann. Aber ich mag zum Beispiel das ›Black Label‹ vom Zwerchfell Verlag. Da gibt es was Nettes, Kleines zum Mitnehmen.«
 
Einige Charakteristika hat der Comic Salon von 1984 bis heute beibehalten. »Zeichnen ist ein einsamer Job«, sagt der Illustrator Harald Juch, »da erweitert der Salon den Horizont. Für viele draußen im Land ist das einmalig.« Zusammen mit seinem Kollegen Detlef Surrey (›Emil‹) lobt er die Stadt Erlangen dafür, dass sie das Medium Comic frühzeitig ernst genommen und konsequent gefördert hat. „In einer größeren Stadt wäre das nicht möglich gewesen“, ergänzt Surrey. »Das Schöne ist, dass man hier beim Salon überall Kollegen trifft.« Ähnlich Till Lenecke: »Hier in Erlangen ist alles zu Fuß erreichbar. Alles ist klein und übersichtlich. Das ist sehr angenehm.«
 
Grundlegendes Vorbild war die Science Fiction Convention von 1939
 
Aufgearbeitet wurde die Gründungsgeschichte des Salons vom schon erwähnten Interessenverband Comic Cartoon Illustration Trickfilm (ICOM), der bis 1992 Mitveranstalter war. Vorsitzender Burkhard Ihme blickte zurück bis ins Jahr 1939, als in New York die erste Convention von Science Fiction-Fans stattfand. 1970 folgte die erste derartige Veranstaltung in Deutschland, in Heidelberg, wo sich am Rande auch Comicsammler zur Interessengemeinschaft Comicstrip (INCOS) zusammentaten.
 
Der ICOM als Sammelbecken für Zeichner und Autoren konstituierte sich zwischen 1980 und 1983 zum Verein und veranstaltete 1982 eine Comic Con in Erlangen. Das Kulturbüro der Stadt Erlangen wurde damals von Karl Manfred Fischer geleitet, der bereits zwei Festivals gegründet hatte: das Figurentheaterfestival 1979 und das Poetenfest 1980. Er war den Comics gegenüber aufgeschlossen. Fischer war nach den Worten seiner Mitarbeiterin Lisa Puyplat ein genialer Organisator, der auch die öffentlichkeitswirksame Verleihung des Max-und-Moritz-Preises auf die Beine stellte. »Unsere Absicht war die Entgrenzung der Künste nach dem Vorbild von Günter Metken. Die engen Sparten – Bildende Kunst, Literatur, Theater, Hochkultur, Trivialkultur – die sind Künstlern egal.«
 
Es zeigte sich, dass im Comic Salon viele Strömungen und Entwicklungen zusammenflossen. Es gab bereits Comicmessen, es gab gute Ausstellungen, es gab Zusammenschlüsse von Comicfans und -machern. In Erlangen wurde das alles aufgegriffen und durch Hinzufügung eines Kulturprogramms in das erste Festival seiner Art im deutschsprachigen Raum gegossen. Und das breite Publikum wurde eingeladen. Comic-Verleger und Fachjournalist Martin Jurgeit sagte: »Man hatte sofort das Gefühl, hier bei etwas ganz Großem dabei zu sein.«
 
Die Teilnehmer waren sich einig, dass der Comic Salon in den 30 Jahren seines Bestehens das größte und bedeutendste Comic-Treffen im deutschsprachigen Raum geblieben ist. Nachahmer gab es viele, etwa den Comic Salon in Hamburg 1993 bis 1997. Aber nirgendwo passten die Faktoren des Festivals so gut zusammen wie in Erlangen.
 
| ANDREAS ALT 
 
Reinschauen
Edition Alfons – Reddition
ICOM – Interessenverband Comic e.V.
 

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