Entchen schwimmen lassen – auch das ist der Comic Salon

Comic | Internationaler Comic Salon Erlangen 2014: Familientag

 
Kinder gehören für die meisten Comicverlage nicht mehr zur Zielgruppe. Ihre Produkte wenden sich ausschließlich an Erwachsene. Damit das Medium aber eine Zukunft hat, ist den Organisatoren des Comic Salons wichtig, auch die junge Generation einzubeziehen. Zu diesem Zweck gibt es seit einigen Jahren den Familiensonntag. ANDREAS ALT hat ihn mit seinen beiden Nichten (11 und 9) besucht.
 
003_klEin wenig sollen meine Nichten als Versuchskaninchen fungieren, und ein wenig macht mir das ein schlechtes Gewissen. Ich hatte sie mit Papa und Mama zum Comic Salon eingeladen – auch um zu testen, wie gut es gelingt, das Festival für das allgemeine Publikum und insbesondere für Kinder zu öffnen. Die Gruppe kam zum Familien-Sonntag, inklusive dem Bruder meiner Schwägerin, den beiden Jungen, die noch im Kleinkindalter sind, und dem Familienhund, der freilich den Großteil des Tages eingesperrt ins Auto im Parkhaus verbringen musste. Schuldgefühle waren wohl unangebracht, denn der Familienclan genoss den Tag auf dem Comic Salon, wenngleich sich für ihn nicht alles um Comics drehte.
 
Wir treffen uns auf dem Rathausplatz, und noch bevor ich mit den beiden Mädchen klären kann, was sie sich auf dem Salon ansehen wollen, sind sie schon mit Farbklecks-Bildern auf sich drehenden Papierblättern beschäftigt. Die Malaktion kann man als kreative Aufwärmübung für den Comic Salon betrachten. Aber meine Nichten sind keineswegs ausschließlich auf Comics fixiert und nehmen die Programmangebote, wie sie kommen.
 
Erwachsenencomics haben die Mädchen nicht im Blick
 
Wir einigen uns schließlich auf einen einleitenden Rundgang über die Messe. Den beiden Mädchen ein Stickeralbum in die Hand zu drücken, erweist sich als gute Idee, denn sie beginnen sofort mit Feuereifer, die Aufkleber einzusammeln. Den Mut, an Ständen nach den Aufklebern zu fragen, bringen sie freilich nicht auf. Immerhin: Dass sie es kaum schaffen werden, das Album an diesem einen Tag voll zu bekommen, stört sie nicht im Geringsten. Auf der Jagd nach den Stickern kommen sie auf der Messe auch mit nicht altersgerechten Inhalten in Berührung: Bildern von nackten Kriegerinnen, lebenden Leichen oder furchterregenden Kampfrobotern auf Postern, Comiccovern oder in Mappen. Dafür scheinen sie aber – glücklicherweise – keinen Blick zu haben.
 
Außer auf die Messe lasse ich meine Nichten auch einen Blick auf einige der Ausstellungen in der Kongresshalle und im Rathaus werfen und bringe sie zum Großen Ratssaal, wo eben die Podiumsdiskussion ›Also doch: Kinderkram‹ beginnt. Sie haben allerdings wenig Lust, sich ein paar Minuten lang hineinzusetzen. Es dreht sich zwar um ›Comics für junge Leser‹, die Veranstaltung erscheint den Mädchen aber wohl doch zu eintönig.
 
Einen Laden nur mit Comics – das haben sie noch nie gesehen
 
Die Zeit bis Mittag vergeht mit Herumstromern auf der Messe und allmählichem Füllen des Stickeralbums rasch. Am Ende fehlen, wie die Mutter mitteilt, nur 42 von rund 250 Bildern. Zum Pizzaessen verlassen wir erstmals das Kongresszentrum und schauen dabei kurz im Comicladen ›Ultra Comix‹ und der dortigen Ausstellung ›Kinderland‹ von Mawil vorbei. Comicausstellungen kennen sie inzwischen schon, aber der Laden selbst macht nicht geringen Eindruck auf die Kinder, denn ein Geschäft voller Comics haben sie offenbar noch nie gesehen.
 
010_klManches ergibt sich aus der Situation. Zurück auf dem Rathausplatz wollen die Mädchen sich am Kistenklettern versuchen, aber die Warteschlange ist ihnen zu lang. So landen sie bei der Jugendkunstschule im Frankenhof. Dort basteln sie Buttons und lassen in einem Planschbecken Plastikentchen schwimmen. Außerdem sehen sie sich eine Ausstellung von Daumenkinos an. Da der Nachmittag inzwischen schon fortgeschritten ist, dränge ich auf Rückkehr zum Kongresszentrum. Um sie wieder näher mit den Comics in Berührung zu bringen, nehme ich sie in die ›Mumins‹-Lesung mit.
 
Sie war für die Neunjährige, wie sie am Ende sagt, das Beste am Comic Salon – »spannend und lustig«. Zu einer Diashow der Bilder liest Mumins-Übersetzer Matthias Wieland die Sprechblasentexte und singt hinterher zu Ukulele-Begleitung ein Mumins-Lied, in das das Publikum einstimmen kann.
 
Richtige Comicfans sind in ihrer Klasse rar gesät
 
»Ich fand alles ganz toll«, sagt die Elfjährige abschließend mit ehrlicher Begeisterung. »Und spannend fand ich auch, einen Einblick zu bekommen.« Ihre kleine Schwester meint: »Manche Comics sind langweilig, andere interessant. Aber ich hätte nie gedacht, dass es so viele gibt!«
 
Beiden Mädchen sind Comics nicht unbekannt. Sie schätzen, dass die Hälfte ihrer Klassenkameraden Comics liest. Aber richtige Comicfans sind bei ihnen doch sehr rar gesät. Eine in ihrer Klasse, so die Elfjährige, will später mal Mangazeichnerin werden. Das ist aber offenbar eine Ausnahmeerscheinung. Gefragt, welche Comics sie selbst lesen, nennen die Mädchen die großen Klassiker: ›Donald Duck‹, ›Lucky Luke‹, ›Tim und Struppi‹ – und den Bestseller ›Gregs Tagebuch‹. Für den ersten Comicband der ›Drei Fragezeichen Kids‹, der auf dem Comic Salon vorgestellt wurde, interessieren sie sich ebenfalls sehr; leider ist er hier schon ausverkauft.
 
»Ich würde in zwei Jahren wieder herkommen«, sagt die Neunjährige zum Schluss. Und nicht nur wegen Kistenklettern oder Entchen schwimmen lassen – Comics üben Anziehungskraft auf sie aus. Beide Schwestern wollen sich vor der Heimkehr auf der Messe noch Lektüre für die Fahrt besorgen. Aus dem riesigen Angebot suchen sie sich das Altbekannte aus: jeweils ein ›Lustiges Taschenbuch‹.

| ANDREAS ALT 

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Irgendwo in Europa

Nächster Artikel

»Unsere Absicht war die Entgrenzung der Künste«

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Hall of Fame des Comics?!

Comic | Internationaler Comic Salon Erlangen 2014: Geschichte des Max und Moritz-Preises Seit 1984 wird alle zwei Jahre auf dem Comic Salon in Erlangen der Max und Moritz-Preis verliehen. CHRISTOPHER FRANZ blickt zurück auf einige der Preisträger, Anekdoten und Skandale der letzten 30 Jahre und 15 oder 16 – so genau weiß man das nicht – Preisverleihungen.

Vintage Badassitude, my friend

Comic | François Craenhals : Roland, Ritter Ungestüm Im amerikanischen Slang gibt es das schöne Wort »Badass«, das durch das Urban Dictionary wie folgt umschrieben wird: »The badass is an uncommon man of supreme style. He does what he wants, when he wants, where he wants.« Roland, auch Ritter Ungestüm genannt, ist ein Badass der alten frankobelgischen Schule, der den Bösen aufs Maul gibt und dafür sorgt, dass das Gute, Schöne und Wahre am Ende triumphiert. PETER KLEMENT begleitet Roland auf seinem Weg vom Baby-Badass hin zum ausgewachsenen Exemplar, Zeitreise in die Siebziger inklusive.

Gezeichnete Soldatendenkmäler

Comic | Spezial: Krieg im Comic Mit Werken wie Palästina und Gaza hat Joe Sacco die Comicreportage salonfähig gemacht. Während der Meister mit einem sieben Meter langen Ausklappbild der gigantischen Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg neue Wege beschreitet, beschäftigen sich andere Comicreportagen auf immer vielfältigere Weise mit kriegerischen Konflikten und beleuchten ihre Wurzeln ebenso wie die individuellen Auswirkungen auf den einzelnen Soldaten. BORIS KUNZ hat ein paar besondere Kriegsreportagen aus dem aktuellen Angebot herausgepickt.

Blusenwunder

Comic | Bastien Vivès: Die Bluse Comic-Künstler Bastien Vivès macht eine Binsenweisheit zum Comic-Stoff. In ›Die Bluse‹ entfacht das titelgebende Kleidungsstück den Sex-Appeal eines Mauerblümchens und macht diesen zum Motor seiner Handlung – ohne den gleichnamigen, bei Reprodukt erschienenen Band zur Sexploitation-Klamotte verkommen zu lassen. Von CHRISTIAN NEUBERT

Ein Mönch fährt in die Ferne

Comic | Zep: Der ferne, schöne Klang

Nach den zwei Sci-Fi-Comics ›Paris 2119‹ und ›The End‹ veröffentlicht Zep, der für seine ›Titeuf‹-Reihe bekannt ist, eine weitere Graphic Novel für Erwachsene: In ›Der ferne schöne Klang‹ widmet er sich den leiseren und tieferen Moll-Tönen des Lebens. Denn es geht um den Kartäusermönch Marcus, der seit Jahrzehnten sein Kloster nicht verlassen hat, aber nun, um eine Erbschaft antreten zu können, nach Paris reisen muss. Dabei begegnet er auf der Straße einer Frau, die ihn wieder mit den Seiten des Lebens vertraut macht, die er bereits vergessen hatte. Von FLORIAN BIRNMEYER