H für Husarenstück

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Comic | Miéville/Santolouco/Burchielli: Dial H – Bei Anruf Held 1: Neue Verbindung

Der bekannte Fantasyautor China Miéville hat Bei Anruf Held, eine der absurdesten Superheldenreihen der 80er Jahre, wieder aufleben lassen, und macht mit einem kühnen erzählerischen Spagat vor, wie man etwas gleichzeitig ernst und auf die Schippe nehmen kann.BORIS KUNZ hat sich auf diese Tour de force eingelassen.

Dial H – Bei Anruf Held 1: Neue Verbindung
Wenn DC Comics mit dem Besen durch sein Verlagsprogramm geht, um unter dem Label The New 52 einen Reboot sämtlicher Serien zu starten, in dem sich auch Superman und Batman (wieder einmal) Modernisierungsmaßnahmen gefallen lassen müssen, um besser in dieses Jahrzehnt zu passen, dann könnte man meinen, dass eine derart bizarre Serie wie Dial H for Hero endgültig das Zeitliche segnen würde.

Die Serie, die in den 60er und später noch einmal in den 80er Jahren eine Weile lang bei DC lief und die es hierzulande hin und wieder auch in den Ehapa-Veröffentlichungen unter dem Titel Wähle H für Held zu bestaunen gab, gehört wohl zu den albernsten Erfindungen des DC-Universums – und das will doch etwas heißen. Im Mittelpunkt der Serie standen nette Teenager, die eine magische Wählscheibe besaßen, auf denen sie in brenzligen Situationen nur das Wort H-E-R-O zu wählen brauchten, um sich in einen Superhelden zu verwandeln, in dessen Gestalt sie dann den Tag retten konnten. Der Witz dabei war natürlich, dass so gut wie jedes Mal ein neuer Held auftauchte – die Autoren konnten also ihrer Phantasie freien Lauf lassen und Superhelden mit x-beliebigen Kräften ins Rennen schicken, denn die Figuren mussten nicht länger als für ein paar Comicseiten Bestand haben. Da konnte dann schon mal Pendulum, das menschliche Pendel auftreten, oder Tempest, die in der Lage war, ihre Haare in Wetterphänomene zu verwandeln.

Im Jahre 2003 hatte die Serie dann noch einmal eine kurze Rückkehr, in der der altgewordene Held verhindern muss, dass die Wählscheibe einem Serienkiller in die Hände fällt, und in der das Leben durchschnittlicher Menschen durch die Wählscheibe ins Chaos gestürzt wird. Das hört sich nach dem größtmöglichen Ausmaß an Düsternis und hartem Realismus an, den man von solch einem Comic erwarten kann.

H für Herausforderungen

Jetzt aber tritt der Romanautor China Miéville auch im Medium Comic den Beweis an, dass Düsternis zwar immer noch en vouge ist, heutzutage aber problemlos mit einer gehörigen Portion Albernheit garniert werden kann – oder vielleicht sogar garniert werden muss, um im Superheldengenre noch Bestand zu haben. In seiner radikalen Neuinterpretation der Serie nutzt er zunächst einmal die Chance, einen absoluten Losertypen zur Hauptfigur einer Superheldenreihe zu machen: Nelson Jent, arbeitslos, übergewichtig, Single und noch dazu ein starker Raucher, der bereits vom Treppensteigen Atemnot bekommt. In einer Notsituation gerät er in eine merkwürdige Telefonzelle, deren Wählscheibe ihn schon bald in die verschiedensten Superhelden aus irgendwelchen bizarren, fremden Dimensionen verwandeln wird. Zum Glück hat Nelson wenigstens das Herz noch halbwegs am rechten Fleck – das kann heutzutage schon genügen, um aus jemandem einen Superhelden zu machen.

Als nächstes erschafft Miéville eine erstaunliche Mythologie rund um diese geheimnisvollen Wählscheiben, die es wohl schon seit Menschengedenken in der einen oder anderen Form auf unserer Erde gegeben hat. Diese Mythologie erklärt nicht nur, warum es keineswegs lächerlich, sondern absolut stimmig ist, dass ein transportables Dimensionsportal in Form einer alten Telefonwählscheibe daherkommt – sie wartet außerdem mit einer ganzen Reihe brandgefährlicher Gegenspieler aus fernen Dimensionen auf, vor denen Nelson unsere Welt zu beschützen hat.

Dann gibt es noch Manteau, eine geheimnisvolle Frau, die schon seit längerer Zeit Trägerin einer Wählscheibe ist. Sie verbirgt ihre ständig wechselnden Heldenidentitäten unter einer silbernen Maske und einem weiten Kapuzenmantel, um nicht im Laufe der Jahre an einer schweren Identitätskrise zu zerbrechen. Miéville unternimmt alles, um aus einer albernen Prämisse eine todernste Fantasywelt zu bauen, gegen die einem das Gleis 9 ¾ nach Hogwarts oder die Transportzelle von Dr. Who wie der reinste Kindergarten vorkommen.

Als wäre ihm dies nicht schon sportliche Herausforderung genug, torpediert er diese ganze Unternehmung aber wieder damit, dass er sich für die unzähligen Heldenerscheinungen, die Nelson im Laufe der Serie annimmt, ausnahmslos alberne und überzeichnete Figuren ausdenkt. Der rauchende Schlot, eine Mischung aus Jiminy Cricket und einem Industrieschornstein, der seine Gegner mit Rauch in die Flucht schlägt, oder die Kampfschnecke, ein martialischer Supersoldat mit einem gepanzerten und schwer bewaffneten Schneckenhaus auf dem Rücken seien als prominente Beispiele genannt. Außer den sehr gut aufgebauten Schurken (etwa Ex Nihilo, der zu allem Entschlossenen »Nullomantin«, die davon besessen ist, den schrecklichen Abgrund, das personifizierte Nichts, auf die Erde zu holen) taucht in dieser Reihe kein Superheld auf, der ernsthaft heroisch oder Furcht einflößend wäre, und dem nicht das Wort »Parodie« auf der Stirn geschrieben steht.

H für Helden mit Herz

Warum macht Miéville das? Warum bemüht er sich darum, der Wählscheibe eine größtmögliche Plausibilität zu verleihen, während er gleichzeitig mit sich selbst einen Wettstreit um den albernsten Superhelden austrägt? Die Antwort ist: Weil das Ganze einen Heidenspaß macht. Die beiden scheinbar so gegensätzlichen Ansätze, die abgedrehte Mythologie ernst und die eigene Ernsthaftigkeit anschließend auf die Schippe zu nehmen, vereinen sich in dieser Reihe zu einem ganz eigenen Erzählton, der z.B Jeff Lemires Superagent Frankenstein in nichts nachsteht. Wenn die aberwitzigsten Superhelden unter der Maske und dem Mantel von Manteau plötzlich zum Teilaspekt einer tragischen Figur werden können, dann wird einem als Leser klar, dass die Grenze zwischen Absurdität und Albernheit eine Verabredung zwischen Autor und Leser ist – und dass Miéville mit uns verabreden möchte, einen Superhelden mit Feuerwehrschläuchen statt Armen genauso ernst zu nehmen wie einen Millionär im Fledermauskostüm.

Der Kniff funktioniert auch deshalb, weil Miéville weiß, dass seine Serie letztlich nicht über die verschiedenen Erscheinungsformen der Superhelden funktioniert, sondern über die durchgehenden Figuren – über Nelson und Manteau und ihre düsteren Gegenspieler. Sie tragen die Story, die Superhelden selbst sind als witzige Revuenummern Konzepte, deren erzählerische Möglichkeiten nicht über eine Szene hinausgehen müssen. Wenn dann der alles verschlingende Abgrund mit apokalyptischer Düsternis über die Stadt marschiert und Nelson ihn nur in der Gestalt des Hulla-Hoop-Hahns aufhalten kann, dann bekommt das eine ganz spezielle Dynamik, wie sie auch die Hauptfigur exemplarisch für den Comic verkörpert: Nelson ist der erdenschwere, emotionale Anker der Story, an dem wir uns in den irren und manchmal auch unübersichtlichen Wendungen und Behauptungen der Geschichte festhalten können. Seine bizarren Erscheinungsformen als Superheld enthalten das nötige Augenzwinkern, ohne die man eine so abgefahrene Fantasy-Nummer vielleicht gar nicht verdauen könnte.

Im Kontrast zu den Titelbildern von Brian Bolland betont der brasilianische Zeichner Mateus Santolouco eher das schräge, düstere und groteske Element der Story. Sein Nelson ist wirklich fett, unrasiert und abstoßend, so wie fast alle seiner Figuren unter einer etwas verzerrten Anatomie leiden. Bollands klare Titelbilder wirken auf den ersten Blick aufgeräumter und ansprechender. Der etwas zerfahrene, unruhige Strich Santoloucos sowie sein Mut, eigentlich jeder Figur etwas Abstoßendes zu geben, steht dem Geist der Geschichten allerdings besser. Sie tragen das nötige Maß an Verrücktheit in sich, die die Story an allen Ecken und Enden hat.

Der erste Band erhält zusätzlich noch die »Nullnummer« der Reihe. Sie ist außerhalb der Chronologie der Hauptstory angesiedelt und von Riccardo Burchielli mit deutlicher gefälligerem Strich gezeichnet. Sie erzählt die Geschichte einer antike Wählscheibe, die zwar noch etwas mehr über die Mythologie des neuen Dial-H-Universums elaboriert, die Story um Nelsons Kampf gegen den Abgrund allerdings unterbricht, ohne ihr etwas Wesentliches beizusteuern. Als Zwischenspiel steht sie kurz vor dem Showdown. Am Anfang oder Ende des Albums wäre sie aber besser aufgehoben gewesen.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
China Miéville (Autor), Mateus Santolouco/Riccardo Burchielli (Zeichnungen): Dial H – Bei Anruf Held 1: Neue Verbindung (Dial H Volume 1: Into You)
Aus dem Amerikanischen von Josef Rother
Stuttgart: Panini Verlag 2013
132 Seiten, 16,95 €

Reinschauen
Leseprobe
Über China Miéville
Homepage des Zeichners
Ausführliche Übersicht über die Originalreihe

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