Sich selbst finden im Angesicht der Homophobie

Comic| Julius Thesing: You don’t look gay

Julius Thesings Comic- und Jugend-Buch ›You don’t look gay‹, das fast vollständig in einem auffälligen Rosaton gehalten ist, erinnert in leicht zugänglicher Art daran, dass Homosexuellenfeindlichkeit auch in westlichen und europäischen Ländern nach wie vor ein Problem ist – sei es im Alltag oder in der Politik. Außerdem zeigt Thesings Comic beispielhaft, wie ein Coming-out-Prozess abläuft, und macht anderen Mut. Von FLORIAN BIRNMEYER

You don't look gayIn neun Kapiteln beleuchtet der Autor, Illustrator und Designer Julius Thesing, welche Formen der Diskriminierung schwule Männer immer noch in ihrem Alltag erfahren und wie sich dies in seinem persönlichen Alltag niedergeschlagen hat. Er verbindet eigene Erlebnisschilderungen mit harten Fakten und Statistiken. Illustriert wird das rosafarbene Buch durch mal raumgreifendere, mal kleiner ausfallende Bilder von verschiedenen Männern und Männerkörpern, sodass von vornherein klar ist, dass es in diesem Werk tatsächlich nur um schwule Männer geht – und nicht etwa um die anderen Personen des LGBTIQ-Spektrums.

Dies mag dadurch bedingt sein, dass Thesing von seinem eigenen Erleben als schwuler Mann ausgeht. Allerdings vermisst man am Ende als Leserin oder Leser doch ein wenig eine Weitung des Blicks auf lesbische Sichtbarkeit oder die Probleme bisexueller Menschen oder auch von nicht-weißen Menschen. Stattdessen geht es in dem schmalen Band vor allem um die Probleme weißer, europäischer, schwuler Cis-Männer, die ohnehin die meiste Sichtbarkeit innerhalb der queeren Community haben.

Männlich, europäisch, weiß, schwul

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Das schmälert nicht das Anliegen des Bandes, gegen Homophobie vorzugehen, doch in letzter Konsequenz müsste man auch Biphobie und Transphobie sowie Rassismus, die ja auch innerhalb der queeren Gemeinschaft durchaus eine Rolle spielen, mitdenken. Vielleicht hätte dies allerdings den Rahmen der Bachelorarbeit gesprengt, auf welcher das Buch ›You don’t look gay‹ basiert.

Das Verdienst von ›You don’t look gay‹ besteht darin, verschiedenste Aspekte von mehr oder weniger alltäglicher Diskriminierung gegenüber homosexuellen Menschen prägnant darzustellen. Das reicht von gut gemeinten Sprüchen wie »Du siehst gar nicht schwul aus«, die im Grunde eine vergiftete Art des Lobes sind, bis hin zu Freunden, die beiläufig den Satz fallen lassen, dass sie Schwierigkeiten hätten, mit jemandem befreundet zu sein, der sich als schwul outet, und zu Politikern wie dem brasilianischen Präsidenten Bolsonaro, der mit offener Homophobie Wahlkampf machte, indem er zum Beispiel sagte, dass er einen homosexuellen Sohn nicht länger lieben könnte, wenn er einen Mann nach Hause brächte.

Wir als Leserinnen und Leser begleiten den Autor gewissermaßen auf seinem Weg vom Schwulen »im Schrank«, als sein Umfeld noch nichts von seiner Sexualität wusste und deshalb mitunter homophobe Sprüche äußerte, bis hin zum Coming-out und zu seiner ersten Beziehung. Dazwischen werden politische Debatten, Fakten wie die Zahl der Staaten, die Homosexualität unter Strafe stellen oder mit dem Tode bestrafen, sowie in großen schwarzen Lettern aussagekräftige, meist polemische Zitate einzelner Personen in politischer Verantwortung eingeflochten.

Bestärkung und Anleitung

Dies alles ergibt eine ausgewogene Mischung, die vor allem für junge Menschen von Interesse sein dürfte, wenn sie gerade dabei sind, sich selbst und ihre Sexualität zu finden. Manches mag zwar ein wenig abschrecken (Mir kam aus meiner persönlichen Erfahrung die in dem Buch gezeigte homophobe Stimmung ein wenig überzeichnet vor), doch insgesamt ist ›You don’t look gay‹ wahrscheinlich eine geeignete Lektüre, um eine Person im Coming-out-Prozess zu bestärken und anzuleiten. Denn so wie dem Autor Julius Thesing, der sich peu à peu seiner sexuellen Orientierung annähert, nicht ohne Rückschläge zu erdulden oder sich selbst in Zweifel zu ziehen, geht es auch anderen Menschen, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen.

Für homosexuelle Menschen, die ihr Coming-out bereits hinter sich gebracht haben, hält ›You don’t look gay‹ zwar auch noch einige interessante Informationen bereit (vor allem was die politischen Debatten und Fakten zur Homophobie angeht) und lädt dazu ein, sich mit dem Weg, den Fragen und Problemen des Autors zu identifizieren oder auseinanderzusetzen, doch es fehlt für diese Gruppe der entscheidende Impuls, der das (Jugend-)Buch aus der Masse der LGBT-Literatur herausstechen ließe.

Bohem - Gay
Leseprobe © BOHEM PRESS

So bleibt am Ende die Empfehlung für Jugendliche und junge Menschen auf dem Weg zu sich selbst im Hinblick auf sexuelle Orientierung und Geschlechtsausdruck und solche, die sich mit den Themen Coming-out, Schwulsein und Homophobie beschäftigen wollen.

| FLORIAN BIRNMEYER

Titelangaben
Julius Thesing: You don’t look gay
Eine Auseinandersetzung mit homophober Diskriminierung
Münster: Bohem Press 2020
94 Seiten, 14,95 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren
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