Klassiker im Blick der Gegenwart

Comic | Hugo Pratt: Corto Maltese / Guido Crepax: Valentina

Guido Crepax‘ Valentina und Hugo Pratts Corto Maltese: Zwei unsterbliche Comichelden, die aktuell mit schönen Sammelbänden neu erschlossen werden können. CHRISTIAN NEUBERT nahm sich die Bände vor – und entdeckte anmutige Comicgeschichten von zeitloser Relevanz.

suedseeballadeHugo Pratt und Guido Crepax sind zwei strahlende Fixsterne am Comic-Himmel, die nie verglühen werden. Das gewährleisten bereits jene beiden Figuren, die die Karrieren der italienischen Künstler initiierten, sie maßgeblich prägten und begleiteten: Corto Maltese und Valentina. Die Geschichten, die die beiden Autorenzeichner ab Mitte der Sechziger Jahre um sie woben, bilden den Grundstein jener Art von Comicliteratur, die heute als Graphic Novel vertrieben wird. Jüngst erschienen bei den deutschen Verlagen Schreiber & Leser und Avant einige schön editierte Sammelbände, die es einer jungen Generation von Comiclesern ermöglicht, die Abenteuer von Corto Maltese und Valentina neu zu entdecken.

Sowohl Corto Maltese als auch Valentina sind Ikonen der Comicgeschichte, einprägsam und prägend, zweifellos Produkte ihre Zeit, heute von zeitloser Relevanz. Ersterer wurde 1967 von Hugo Pratt ins kalte Wasser geworfen. In das der Südsee, in den Stillen Ozean. Zu Allerheiligen, wie man erfährt. Zunächst ist das Meer selbst der Erzähler. Den Titelhelden bekommt man erstmals auf Seite Vier von Pratts ›Südseeballade‹ zu Gesicht. Im Wasser treibend, sich seiner ausweglosen Situation bewusst, verflucht lässig. Und so soll´s bleiben.

Hugo Pratt: Corto Maltese

Corto Maltese ist der Kapitän ohne Schiff. Sein Zuhause sind die Weltmeere gegen Ende der Kolonialzeit. In den Jahren vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg also, der eine Zäsur für das Kolonialwesen darstellte. Keinem höheren Antrieb oder einer übergeordneten Mission folgend, trifft man ihn in den Bars der Hafenstädte und Piratennester. Dennoch gerät er immer wieder in abenteuerliche Verstrickungen. Diesen geht er mit lakonischer Gelassenheit nach, wobei er sich in der Regel aufseiten der Guten stellt, zumindest auf die der Besseren. Meist ist er verträumt, manchmal zweifelnd, mitunter zweifelhaft. Undurchsichtig bleibt er immer. Er ist ein Lebemann der Einsamkeit, den Helden der zahllosen Western seiner Landsleute ähnelnd. Den schweigsamen Desperados, die sich aus den Geschicken der Mächte heraushalten und ihr eigenes Ding drehen. Nur eben nicht fest im Sattel, sondern auf Schiffsplanken, eine Kapitänsmütze als Hut.

SteinbockIm Laufe von 25 Jahren Comicgeschichte verschlägt es Corto Maltese auf sämtliche Kontinente, sogar auf den sagenhaften untergegangenen Kontinent Mu. In den ersten beiden Bänden, die bisher bei Schreiber & Leser vorliegen, sind die Bismarcksee und die Salomonensee sowie Suriname und Guyana die Handlungsorte – allesamt exotische Schauplätze, die Geheimnisse und Gefahren, Schurken und Schätze bieten, eingebunden in abenteuerliche Settings aus Großgrundbesitzern und Piraten, Schwarzer Magie und schwerer Artillerie. Hugo Pratt etabliert seinen Seemannsgarn in eine Epoche, die auf Umbruch deutet und noch Mythen kennt – und webt daraus feinen Zwirn. Das Ergebnis: Ein Stoff, der fesselt, der sitzt und passt und für ewige Zeit mustergültig bleibt.

Seinen zeitlosen Anspruch verdankt Corto Maltese auch den Bildern, in denen Hugo Pratt ihn auf Reisen schickt. Mit wie schnell skizzierten, aber präzisen Tuschestrichen erschafft er elegante Bilder. Ganze Landstriche, die endlose See, Porträtzeichnungen vor knappen Kulissen, immer im Dienste der gemächlich mäandernden Storys. Ursprünglich in schwarzweiß herausgegeben, verwundert es nicht, dass die in ebendieser Optik aufgelegten Klassik-Editionen der beiden Bände bereits vergriffen sind. Die in zurückgenommenen Farben kolorierte Edition meistert jedoch ebenso den Spagat zwischen nostalgischem Schwelgen und der Erkenntnis, dass gut erzählte Geschichten immer aktuell sind. Noch dazu sieht sie blendend aus.

Guido Crepax: Valentina

Letzteres lässt sich auch über Valentina sagen. Guido Crepax, Landsmann von Pratt, hat die schöne junge Dame der Schauspielerin Louise Brooks nachempfunden. Zwei Jahre vor Corto Maltese, 1965, wurde sie in Comicform lebendig. Es war Crepax Comicdebüt, geschaffen für das Magazin ›Linus‹, mit dem Anspruch, einen Comic zu machen, »der ganz anders als die anderen ist«, siehe Crepax in einem der beiden Vorworte des Bands. Das »ganz anders« war kein leeres Versprechen. Es bezieht sich zum einen auf die virtuosen Seitenarchitekturen seines Werks. Crepax, der einen Abschluss in Architektur, aber nie ein Gebäude verwirklicht hat, ist tollkühn in der Verschränkung von Form und Inhalt.

Valentina_Cover_webMehr noch als die Layouts seiner Comics ist es der filmische Blick auf seine Akteure und Settings, die den Italiener auszeichnen. War man es bisher gewohnt, dass einheitliche Panels für eine rhythmische Erzählweise sorgen, sind Crepax´ Mittel eher die des Films. Er variiert seine realistischen, scharf schwarz-weiß kontrastierten Einzelbilder in Form und Größe, schafft dadurch Eindrücke, die das nachempfinden, was Kameras leisten: Schwenks, Zooms, Totalen, Parallelmontagen. Richtig eingesetzt bergen diese Mittel Spannung und Tempo, und Crepax weiß genau, was er tut.

Zugegebenermaßen gerät bei seiner Fixierung auf die Ästhetik das Storytelling hier und da ins Hintertreffen. Dieser Eindruck ist jedoch sicher zunächst der Zeit geschuldet, die seit seinem Debüt in´s Land gegangen ist: Beliebig sind seine gestalterischen Spielereien nie, weiß er doch um den Effekt, die sie erzielen. Doch gerade die frühen Geschichten bergen eher nostalgischen Lesegenuss. Crepax zeichnerische Meisterschaft lässt aber nie vergessen, dass hier Epoche gemacht wurde.

Valentina taucht zunächst übrigens als Nebenfigur auf. In der 1965 erschienenen Räuberpistole ›Die Lesmo-Kurve‹ gerät sie zufällig an den eigentlichen Helden: Den Kunstkritiker Philip Rembrandt, der – mit einem Bannblick ausgestattet – als Super-Verbrechensbekämpfer Neutron ein Doppelleben führt. Bald schon wird jedoch er zum Nebencharakter einer zur Hauptprotagonistin emanzipierten – und überhaupt emanzipierten – Valentina. Das gilt übrigens auch für später, als Crepax die erotische Dimension seiner Schöpfung auslotet.

Crepax Ruf als Erotikinterpret wurde von Valentina begründet. Seine Comicadaption von ›Die Geschichte Der O‹ wurde sein größter kommerzieller Erfolg, seine bekannteste Figur bleibt jedoch Valentina. Und auch, wenn er sie nie wirklich vor den Karren pornografischer Stoffe spannt, wohnt ihren späteren Abenteuern deutlich eine erotische Komponente inne. Crepax fetischisiert seine Heldin, lässt sie anspielungsreiche, traumhaft-surreale Abenteuer und Phantasien durchleben. Ausbeuterisch behandelt er sie aber nicht. Dafür liebte der 2003 verstorbene Künstler sie wohl zu sehr. Man kann es ihm nicht verdenken – und nur darauf hoffen, dass Avant weitere Sammelbände folgen lässt.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Hugo Pratt: Corto Maltese Bd. I. Südseeballade
Aus dem Italienischen von Resel Rebiersch
Hamburg: Schreiber & Leser 2015
200 Seiten, 32,80 Euro
Erwerben Sie dieses Buch bei Osiander
| Leseprobe

Hugo Pratt: Corto Maltese Bd. II. Im Zeichen Des Steinbocks
Aus dem Italienischen von Resel Rebiersch
Hamburg: Schreiber & Leser 2015
168 Seiten, 29,80 Euro
Erwerben Sie dieses Buch bei Osiander
| Leseprobe

Guido Crepax: Valentina
Aus dem Italienischen von Günter Krenn und Paolo Caneppele
Berlin: Avant-Verlag 2015
216 Seiten, 34,95 Euro
Erwerben Sie dieses Buch bei Osiander
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Dunkle Zeiten

Nächster Artikel

Ein entpolitisierter Zirkus

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Sich selbst finden im Angesicht der Homophobie

Comic | Julius Thesing: You don’t look gay

Julius Thesings Comic- und Jugend-Buch ›You don't look gay‹, das fast vollständig in einem auffälligen Rosaton gehalten ist, erinnert in leicht zugänglicher Art daran, dass Homosexuellenfeindlichkeit auch in westlichen und europäischen Ländern nach wie vor ein Problem ist – sei es im Alltag oder in der Politik. Außerdem zeigt Thesings Comic beispielhaft, wie ein Coming-out-Prozess abläuft, und macht anderen Mut. Von FLORIAN BIRNMEYER

Surreale Superhelden

Comic | Asaf Hanuka (Texte und Zeichnungen): Der Realist, Bd. 1 Es gibt diverse Graphic Novels, die sich mit Israel und der dortigen politischen Kultur auseinandersetzen. Mit der Kriegsstimmung, den religiös-ethnischen Konflikten, der Armut, der Angst, manchmal auch der Paranoia. Nun gesellt sich ein weiterer Comic dazu, nämlich Asaf Hanukas ›Der Realist, Band 1‹. Die in diesem Band versammelten Cartoons stammen ursprünglich aus einer Wochenzeitung und schildern autobiographisch und auf witzige und dezidiert surrealistische Weise den Alltag von Hanuka in Tel Aviv. PHILIP J. DINGELDEY hat sich den Comic angesehen.

Der durch die Hölle ging

Comic | Jaques Tardi: Ich, René Tardi, Kriegsgefangener Im Stalag IIB Der französische Comic-Künstler Jaques Tardi und der Krieg – ein schier endloses Kapitel an historischer und persönlicher Aufarbeitung, stets in formaler und narrativer Meisterklasse. In ›Ich René Tardi, Kriegsgefangener Im Stalag IIB‹ zeichnet er in zwei Bänden, denen anscheinend noch ein dritter folgt, das Leid seines Vaters nach – und zeigt sich in Sachen pathosfreier Nachempfindung des Unnachahmlichen stärker denn je. Von CHRISTIAN NEUBERT

Hell of a Beach

Comic | Marcello Quintanilha: Tungstênio Der Krimi-Comic ›Tungstênio‹ des brasilianischen Zeichners Marcello Quintanilha beginnt scheinbar harmlos, entfesselt aber schnell eine überkochende Hetzjagd. Er hält sein Tempo über all seine 182 Seiten. Und lässt CHRISTIAN NEUBERT atemlos zurück.

Die Katze schlägt zurück

Comic | Joann Sfar: Die Katze des Rabbiners Was braucht es mehr für einen tollen Comic als Katzen und Philosophie? Natürlich nichts. Das weiß auch der Comiczeichner und Katzenfan Joann Sfar. Er hat mit seiner (auch schon verfilmten) Graphic-Novel-Reihe ›Die Katze des Rabbiners‹ über den sprechenden, übellaunigen Kater eines algerischen Rabbis – oder besser gesagt: dessen Tochter Zlabya – ein vielgelobtes und vielschichtiges Meisterwerk der niveauvollen Comic-Kunst geschaffen. Jetzt liegt auf Deutsch endlich der dritte Sammelband, mit drei weiteren lustigen bis philosophischen Abenteuern des einmaligen Tiers vor. PHILIP J. DINGELDEY hat sich die Sammlung begeistert angesehen.