Von Wundern im digitalen Zeitalter

Comic | Todd McFarlane / Brian Holguin / Clayton Crain: Savior

Schon in seinen Superheldencomics spielt der Texter Todd McFarlane mit religiös-mystischen Motiven, weswegen es auch nicht verwundert, dass er diesem Topos auch in anderen Werken treu bleibt. Zusammen mit dem Comictexter Brian Holguin und dem Zeichner Clayton Crain hat er ergo das Jesus-Motiv für die USA im 21. Jahrhundert neu aufbereitet. PHILIP J. DINGELDEY hat sich ›Savior‹ angesehen.

Panini SaviorVerschiedene Protagonisten entwickeln sich in dem Comic parallel, und ihre Geschichten überschneiden sich zunächst nur vereinzelt: Da ist etwa die selbstgerechte TV-Journalistin Cassandra Hale, die ihrem Heimatort, der amerikanischen Kleinstadt Damascus, einen Besuch abstattet und dabei Zeugin eines rätselhaften Flugzeugabsturzes wird, dessen Ursache und Hergang sich, auch aufgrund eines Ausfalls aller elektronischen Geräte im Umkreis, von den US-Behörden nicht wirklich aufklären lassen. Da ist die überforderte örtliche Polizei, die sich für besonders fleißig und clever hält, aber außer Jugendliche hops zu nehmen, nicht wirklich viel auf dem Kasten hat und daher mit der Befragung von Zeugen und Überlebenden nicht zurechtkommt. Da sind die Angehörigen einer perversen christlichen Sekte mit Namen »Himmlische Kirche der Göttlichen Wahrheit«, die sich medienwirksam und chaosstiftend über die Opfer und deren Hinterbliebene lustig macht, ohne dass sie jemals eine echte Begründung dafür abgeben können. Da ist ein Teenager, Malcolm, dessen Freunde bei der Katastrophe umkommen, und der deswegen in eine religiöse Krise stürzt, da er nicht versteht, wie Gott dies zulassen kann und bis zum Schluss eine komplizierte Doppelrolle einnimmt, sich mal für die Sekte engagiert und mal diese auflaufen lässt, um am Ende ein religiöser Fanatiker der Sorte Judas zu werden.

Der wichtigste Protagonist ist aber eine Figur, die scheinbar unsterblich ist und mehrere Leben von der Kindheit bis zum Alter erlebt hat – er hat schon zu Zeiten von Jesus gelebt. Er leidet teils unter Amnesie und hat Wunderkräfte, denn durch seine Berührungen können Lebewesen sterben, geheilt oder gar wieder lebendig gemacht werden. Er wird von den Medien das »Wunder von Damascus« getauft (Malcolm sieht in ihn gar einen Retter, daher auch der Titel des Graphic Novels), da er beim Absturz ein Mädchen gerettet hat, wodurch er auch in das Chaos zwischen Behörden, Medien, der Sekte und den Hinterbliebenen während der Trauerphase gerät.

Religiöser Fanatismus eines »auserwählten Volkes«

Die Geschichte ist an sich spannend aufgebaut: Sukzessive erfährt der Leser, was in etwa passiert ist, was an dem Vorfall das Besondere ist, und teilweise auch, was es mit dem geheimnisvollen Wundermeister auf sich hat, wobei nie ganz aufgeklärt wird, ob es sich dabei um eine Reinkarnation von Jesus handeln soll oder nicht. Interessanterweise sieht er sich nicht als Messias an, sondern hält es für notwendig, im 21. Jahrhundert seine Superkräfte geheim zu halten, um nicht verfolgt zu werden – ein Eingeständnis der Autoren, dass Superhelden oder religiöse Wundertäter in unserer Zeit noch vorsichtiger agieren müssten als in der leichtgläubigen Epoche des frühen Christentums. Religiöse Fiktionen wirken heutzutage anachronistisch. Die Zeit für Wunder und für Metaphysisches ist vorbei.

Immer wieder geht es im Laufe des Buches um die Bibel, um die Rolle eines vermeintlichen Gottes bei Katastrophen, um das Recht auf Trauer, um religiösen Fanatismus und den Irrglauben der USA, ein auserwähltes Land zu sein, wobei die Autoren versuchen, Letzteres nur implizit mitschwingen zu lassen.

Auch zeichnerisch werden von Crain immer wieder religiöse Motive verwendet, entweder umgeben von den wundersamen, grünlichen Lichtstrahlen des Wunderheilers oder von Feuer – meist in einer melodramatischen Darstellung auf Großpanels. Das Zerstörerische des Feuers zeigt dabei genauso wie die aufeinanderprallenden Interessen der verschiedenen Protagonisten, in welcher Art das Religiöse destruiert wird bzw. sich selbst durch seine Absurdität dekonstruiert. Es scheint fast so, als ob die Macher von »Savior« dies bemängeln, unter anderem untermauert durch die lästige Melancholie und Zurückgezogenheit des Heilers. Sollte ein solcher Comic nicht gerade die Irrelevanz der religiösen Motive und Bräuche, die Tod und Grauen nicht akzeptieren können, wenn es unvermeidlich ist, akzeptieren und anerkennen, dass die Zeit für Unerklärliches in wissenschaftlichen Epochen zu Recht ins Hintertreffen gerät?!

Plastische Digitalzeichnungen, ohne Lautmalerei

Faszinierend an den Zeichnungen sind aber nicht nur die religiösen Motive. Faszinierend an ihnen sind auch nicht die stilistisch immer gleich dargestellten Protagonisten, die alle fast die gleiche Kopfform haben und meist recht spitze Nasen, sodass es manchmal schwer fällt, die Charaktere auseinander zu halten. Das Interessante daran ist, dass Crain die Zeichnungen digital angefertigt hat. Die Digitalzeichnungen wirken auf dem Papier so plastischer, fast dreidimensionaler und erinnern an einen Animationsfilm, eben nur auf Paper. Dass die Macher dabei auf Lautmalerei verzichtet haben, unterstreicht noch den filmartigen Effekt. Das Digitalisierte unterstreicht auch die Vermengung von Fernsehberichten oder YouTube-Videos sowie realem Geschehen im Comic und bringt diese besser zur Geltung. Im digitalen Zeitalter ist es nicht weiter verwunderlich, dass solche digitale Methoden und Printexemplare von Graphic Novels nach und nach ineinander übergehen.

Panini Savior Leseprobe
Savior. Abb: Panini Verlag

Insgesamt handelt es sich bei »Savior« um ein spannendes Werk, das möglicherweise, zumindest mit der Figur der Cassandra – und hier könnte sich die Phrase Nomen est Omen vollziehen – fortgesetzt werden könnte. McFarlane und Holguin haben in diesem Gedankenexperiment versucht herauszufinden, was passieren würde, wenn eine messianische übermenschliche Figur tatsächlich in die heutigen USA käme, einer modernen, teils zynischen, teils naiven Welt voller inneren Kämpfe, die drohen, das Land zu zerreißen, auch durch die sich auflösenden Grenzen von Wahrheit und Glaube. Sie kommen dabei zu realistischen, wenn auch teils wehleidig dargestellten Resultaten. Ein religiöser Retter oder Erlöser ist schlicht unmöglich, auch wenn gerade die Suche nach Autoritäten zunimmt. Crains digitale und teils melodramatische Zeichnungen untermauern dies noch, teils in drastischer Weise.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben:
Todd McFarlane/ Brian Holguin (beide Texte)/ Clayton Crain (Zeichnungen): Savior
Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber
Stuttgart: Panini 2016
212 Seiten, 19,99 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Echtzeit Kommando

Nächster Artikel

Ich bin mir selbst ein Rätsel

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

I’m in the basement, you’re in the sky. I’m in the basement baby, drop on by

Comic | Luka Lenzin: Nadel und Folie

I'm in the basement, you're in the sky. I'm in the basement baby, drop on by.
Drogen. Ein sehr aufgeladener Begriff – emotional, sozial, politisch. Einen konkreten Bezug, außerhalb des Joints einer jeden Studentenparty, haben die wenigsten Leute. Wie das Leben mit und um eine Sucht aussieht, beschreibt die bei Reprodukt erschienene, doku-fiktionale Graphic Novel ›Nadel und Folie‹ von Luka Lenzin. Die Einblicke in eine Drogenberatungs- und Konsumstelle in Berlin zeigen den Berufsalltag von Sozialarbeiter*innen und Konsument*innen. Eine Bestandsaufnahme der aktuellen Lage von süchtigen Menschen in der deutschen Verbotspolitik. Von JULIA JAKOB

Auf der Reeperbahn, Nachkrieg, halbwüchsig

Comic | Isabel Kreitz: Rohrkrepierer Mit ›Rohrkrepierer‹ adaptierte Isabel Kreitz den gleichnamigen, im Hamburg der Nachkriegszeit angesiedelten Roman von Konrad Lorenz als Comic – und legt damit ein weiteres Zeugnis ab, wie gut sie es versteht, authentische Eindrücke und lebendige Figuren zu schaffen. Von CHRISTIAN NEUBERT

Last Spaceman standing

Comic | Ivan Brandon (Autor), Nic Klein (Artwork): Drifter Band 1: Crash Ein Fremder ohne Erinnerung in einem Wüstenkaff, in dem das Recht meistens dem gehört, der am schnellsten schießt. Davon handelt die Comicreihe ›Drifter‹ von Autor Ivan Brandon und Zeichner Nic Klein. Das Besondere an diesem Western: Er spielt in einer fernen Zukunft auf dem Planeten Ouro. BORIS KUNZ hat sich auf den Trip eingelassen.

Der Held ohne Eigenschaften

Comic | J. Zentner (Szenario), R. Pellejero (Zeichnungen): Dieter Lumpen – Gesamtausgabe Dieter Lumpen, ein deutschstämmiger Weltenbummler aus der Feder des argentinischen Comicautoren Jorge Zentner und des spanischen Zeichners Rubén Pellejero, ist ein Kind von Corto Maltese, Rick Blaine und Tintin: Eine Projektionsfläche für melancholische Abenteuergeschichten rund um den Globus. Der Finix-Verlag hat die komplette Comicreihe aus den 80er Jahren in einer dicken Gesamtausgabe vorgelegt. BORIS KUNZ hat sie gelesen.

Geniale Fingerübung

Comic | Neil Gaiman / Dave McKean: Veilchenblau Der Verlag Nona Arte widmet sich in seinem Programm auch modernen Klassikern aktueller Comic-Größen. BORIS KUNZ durfte sich über ein Frühwerk von Neil Gaiman freuen. Leider hat es einen dummen deutschen Titel.