Drei Biedermänner auf dem Weg zur Hölle

Roman | Kate Atkinson: Weiter Himmel

Jackson Brodie hat keine Lust mehr auf die großen, ebenso spektakulären wie gefährlichen Fälle. In einem beschaulichen, an der Nordostküste Englands gelegenen Örtchen ist ihm eher an kleinen Aufträgen gelegen, auch wenn die ihm finanziell nicht unbedingt lange über Wasser halten. Und doch wird Kate Atkinsons Privatermittler, der in Weiter Himmel seinen fünften Auftritt hat, schneller als er denkt wieder in einen Fall hineingezogen, in dem drei Saubermänner mit schmutzigen Westen die Hauptrollen spielen. Von DIETMAR JACOBSEN

Man geht Golfen, wenn man etwas auf sich hält in der feinen Gesellschaft des nordenglischen Küstenortes nicht weit von Scarborough. Thomas Holroyd, Andrew Bragg und Vincent Ives treffen sich regelmäßig im Belvedere-Golfclub. Holroyd, der Fuhrunternehmer, der sich gern als »Selfmade-Mann« sieht und früher geboxt und als Rausschmeißer gejobbt hat, Bragg, dessen Reisebüro »Exotic Travel« keine abenteuerlustigen Männer mehr nach Thailand schickt, sondern praktisch von Ex- auf Import umgestiegen ist, und Ives, der »Loser« des Trios, Gebietsmanager für Telekomausrüstungen und gerade damit beschäftigt, sich die seelischen Wunden, die die Trennung von seiner Frau Wendy bei ihm hinterlassen haben, zu lecken. Zwei, denen es an nichts fehlt, und einer, der »auf niemanden herabschauen [konnte], außer auf sich selbst«.

Dass Tommy und Andy gemeinsam mit Vinces Schulfreund Steve Mellors, der es inzwischen zum Anwalt gebracht hat, ein Geheimnis zu hüten scheinen, in das sie Ives nicht einweihen, stört den zunächst wenig. Denn er ahnt, dass es nichts Gutes ist, was man da hinter seinem Rücken treibt. Also besser nicht so genau hinschauen und das Fragenstellen möglichst vermeiden.

Als seine Exfrau Wendy eines Tages im Garten ihres Hauses erschlagen aufgefunden wird, hat er ohnehin mehr damit zu tun, die eigene Unschuld an dem Verbrechen zu beweisen, als sich um die Schuld, die andere auf sich geladen haben, zu kümmern. Doch das eine hat mehr mit dem anderen zu tun, als Vince zunächst ahnt. Und eines Tages verwandelt sich die Freundschaft, auf die er sich über Jahre so viel zugutehielt, auch wenn er sich immer wie das fünfte Rad am Wagen vorkam – geduldet, aber von den wichtigen Dingen ausgeschlossen – plötzlich in Hass.

Bizarre Freundschaften

Kate Atkinson, 1951 in York geboren, kennt die Küstengegend des nordöstlichen Yorkshire, in der sie ihren fünften Jackson-Brodie-Roman angesiedelt hat, genau. Ihr vom Leben arg gebeutelter Privatdetektiv hat sich hierher, in ein kleines Cottage ein paar Kilometer nördlich von Whitby, zurückgezogen. Seine Ein-Mann-Firma »Brodie Investigations« kann er betreiben, wo immer ein schneller Internet-Anschluss ihn mit der Welt verbindet. Und da er außerdem seinen pubertierenden Sohn Nathan in dessen Schulferienwochen betreuen darf, hat er beschlossen, es generell etwas ruhiger anzugehen mit dem Job. Also folgt er seit Wochen im Auftrag von dessen Angetrauter einem betrügerischen Ehemann und hält in Wort und Bild fest, was der in flagranti unternimmt.

Als ihn ein weiterer Auftrag – Thomas Holroyds Frau Crystal fühlt sich verfolgt und engagiert den Privatdetektiv, um herauszufinden, wer ihr in wessen Auftrag Probleme macht – in die Nähe vonVince und seinen Freunden führt, ist er freilich schon bald wieder mit einem Fall konfrontiert, der immer weitere Kreise zieht und Atkinsons Held bis zum Ende nicht mehr loslässt.

Weiter Himmel nimmt sich viel Zeit, bis der Roman bei seinem eigentlichen Thema ankommt. Und umkreist es doch immer wieder mit ganz unterschiedlichen Parallelgeschichten, in die auch Figuren verwickelt sind, die der Atkinson-Leser schon aus früheren Romanen einer Autorin kennt, die ihre Erzählfäden geschickt zu spinnen versteht und einen wunderbar leichten, Ironie gespickten Erzählton pflegt. So erfährt man etwas über Brodies väterliche Abenteuer mit seinem Sohn. Oder sieht sich verwickelt in die merkwürdigen Erlebnisse eines weiteren jungen Mannes – Holroyds Sohn Harry aus erster, tragisch zu Ende gegangener Ehe –, der als Kartenverkäufer in einer nur mäßig frequentierten Geisterbahn sowie als Mädchen für alles im Palace-Theater, wo man die Badegäste des Orts durch anrüchige Comedians und trashige Drag-Queens in Urlaubsstimmung zu versetzen versucht, jobbt. Hier muss er freilich schon bald erfahren, dass sich das Böse oft die freundlichsten Masken aufsetzt, um unerkannt sein Spiel zu treiben.

»Was hat Gerechtigkeit mit Gesetzen zu tun?«

Solch eine Maske trägt auch Andy Bragg, der Reiseunternehmer, wenn er unter dem Namen Mark Price vorgibt, für ein Unternehmen namens Anderson Price Associates weibliches Personal aus aller Welt an englische Top-Hotels zu vermitteln. Natürlich müssen die Frauen, die er einfliegen lässt und persönlich zu ihren Einsatzorten begleitet, jung sein und gut aussehen. Und selbstverständlich landen sie am Ende nicht in einem First-Class-Etablissement, sondern in einem verlassenen ehemaligen Sanatorium, wo man sie mit Drogen und Gewalt festhält und auf jenes schmutzige Leben vorbereitet, für das sie von Anfang an bestimmt sind.

Menschenhandel, an dem sich Biedermänner ohne Gewissen eine goldene Nase verdienen – Atkinson hat diesen durchaus seine realen Parallelen in ihrer Heimat besitzenden Fall als »eine weitere Schlacht im Krieg gegen Frauen« bezeichnet. Und so lässt sie ihre Geschlechtsgenossinnen im Roman ihr Schicksal letzten Endes lieber in die eigenen Hände nehmen als auf das Recht zu vertrauen, das ihnen die Gesellschaft garantiert. Denn was den jungen Frauen widerfahren ist, wird, wenn es überhaupt je ans Tageslicht kommt, vor den Gerichten leider häufig noch zu milde bestraft. Und was sind schon ein paar Jahre Gefängnis für ein Trio, das fortsetzt, was andere in der Gegend vor Jahren bereits begonnen haben. Nein, so leicht wollen es ihre Opfer den Dreien dann auch nicht machen.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Kate Atkinson: Weiter Himmel
Aus dem Englischen von Anette Grube
Köln: Dumont Buchverlag 2021
476 Seiten. 24 Euro
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