»Hello, my name is Sue«

Comic | Kirkman/Howard: Super Dinosaur

Es gibt Charaktere, die können alles, wissen alles und schweben ungefähr drei Meter über dem Rest der normalsterblichen Masse. Sherlock Holmes ist einer dieser teilweise unerträglichen Alleskönner, und Derek Dynamo ist der neueste Spross dieses modernen Archetyps: Er ist zehn, Genie und hat einen intelligenten T-Rex in einer Kampfrüstung als Freund, mit dem er schurkischen Dinosauriern und anderen bösen Buben aufs Maul gibt. PETER KLEMENT bittet anhand von Super Dinosaur zu einer Reise in die Welt der Tropen.

Super Dinosaur #1
Robert Kirkman ist der Autor von The Walking Dead und damit eine ziemlich große Nummer. Der Zeichner Jason Howard ist vermutlich nur den Fans von The Astounding Wolf-Man und Sea-Bear & Grizzly Shark ein Begriff. Super Dinosaur ist da vermutlich nur der nächste logische Schritt für die beiden, denn vor seinem Zombie-Epos hat Robert Kirkman schließlich auch Battle Pope geschaffen. Ein 10-Jähriger und sein Dinosaurierfreund, die mit Raketen und Energiestöcken Bösewichte malträtieren, ist da auf einmal gar nicht so weit hergeholt – und noch dazu eine ziemlich abgefahrene Mischung aus 80er-Jahre-Trickfilm und Pippi Langstrumpf.

»TyTropes will ruin your life«

Ein Tropus ist eine bestimmte rhetorische Figur, die einen semantischen Charakter besitzt. Wüstenschiff ist eine Metapher für ein Kamel und damit eine semantische rhetorische Figur. Zur Familie gehören auch Ironie, Metonymie und Synekdoche. Alliterationen und Parallelismen müssen leider draußen bleiben. Das Wiki TvTropes hat die Tropen aus ihrem rhetorischen Korsett befreit und sie als Begriff für wiederkehrende erzählerische Elemente im bewegten und unbewegten Bild gemacht. Sherlock Holmes hat dort sogar sein eigenes Franchise und sein treuer Chronist immerhin seine eigene Trope. Derek Dynamo hat neben seinem alliterativen Namen noch die Ehre, zur Trope »Canon Sue« zu gehören. Wie sein Vorgänger Wesley Crusher aus Star Trek überflügelt er regelmäßig alle seine Mitfiguren in deren Hausdiziplinen, und keiner weiß so recht, warum. Sogar Super Dinosaur hat seinen eigenen Eintrag, von dem aus man sich bis in die Unendlichkeit der Tropen weiterklicken kann. Vor Dehydrierung sei an dieser Stelle ausdrücklich gewarnt.

Doch Super Dinosaur ist nicht für LeserInnen gemacht, die mit rhetorischen Figuren etwas anfangen können. Dieses Comic ist für Kinder so um die zehn. Oder für Erwachsene, die ihrem inneren Kind noch regelmäßige Spaziergänge gönnen: Ein kindlicher Genius, der seinem Vater heimlich die Formeln verbessert, seinem intelligenten Dinosaurier eine Kampfausrüstung baut und sich selbst einen fliegenden Roboter, um damit gegen böse Dinosaurier aus der inneren Erde zu kämpfen – Oh Yeah! Es ist gnadenlos übertrieben, es ist fast schon ein bisschen peinlich, wie viel pro Panel explodiert, und die Charaktere sind fast schon komisch zweidimensional. Doch irgendwann war He-Man auch mal cool und kriegt eventuell noch heute hin und wieder ein bisschen Fernsehzeit beim morgendlichen Zappen auf dem Hometrainer.

Gebrauchsanweisung

Super Dinosaur ist für Kinder, die mit einer Pappschachtel zum Mond fliegen, erbitterte Lasergefechte gegen Mutanten in der Wohnung führen und die daran glauben, dass der Kinderzimmerboden plötzlich aus Lava ist. Als Erwachsener sollte man oder frau Super Dinosaur entweder zusammen mit Kindern lesen oder auf der Toilette. Das Comic ist eine hervorragende Ergänzung für eine gepflegte Klobibliothek – und das ist nicht abwertend gemeint. Um einen kleinen Exkurs zu machen: Das heimische Klo hat sich vom dem Ort der Notdurft (locus necessitatis), zu einem angenehmen Ort entwickelt, an dem der Mensch ebenso wie im lichten Hain mit plätschernder Quelle auf sich selbst zurückgeworfen ist – nicht zuletzt dank Wasserspülung. Die Sphäre des stillen Örtchens ist von mächtigen Tabus geschützt: Wer dort sitzt, der darf das in Frieden und Ruhe tun. Man befindet sich in einem Raum, an dem Zeit langsamer zu fließen scheint und an dem alle Menschen wirklich gleich sind, zumindest wenn man den Sprichworten glaubt. Erst beim Verlassen des Klos kehrt man zurück in die Fänge der Zivilisation und ihres hektischen Treibens. Von Dämpfen umwabert wie einst das Orakel von Delphi ändert sich die Wahrnehmung des Thronenden: Ein Dinosaurier in Kampfausrüstung hört auf, infantil zu sein und wird cool. Und ein zehnjähriges Genie, das prähistorische Muskelberge verdrischt ist nicht mehr unglaubwürdig, sondern »grandios«.

| PETER KLEMENT

Titelangaben
Robert Kirkman (Autor) und Jason Howard (Zeichner): Super Dinosaur 1
Aus dem Englischen von Christoph Moritz
Ludwigsburg: Cross Cult 2013
120 Seiten. 10 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

The Re-Emergence of the Girl – An Interview With Phildel!

Nächster Artikel

Ein Trip Hop Update aus Island und etwas andere Kinderlieder aus Korea

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Ein Flunsch zieht nach Westen

Comic | Lincoln – 1. Auf Teufel komm raus Family Business: Mit der Comicreihe ›Lincoln‹, deren deutsche Ausgabe eben bei Schreiber & Leser erscheint, schaffen Olivier Jouvray, Jérome Jouvray und Anne-Claire Jouvray einen saukomischen Western-Bastard, der im freien Staub zwischen William Shakespeare, Sergio Leone, Lewis Trondheim und Aike Arndt siedelt. Von CHRISTIAN NEUBERT

Das Ende in der Altpapiertonne

Comic | ICSE 2016 Spezial: Podiumsdiskussion zum Thema Comic-Sammlungen Das letzte Hemd hat keine Taschen, weiß ein altes Sprichwort. Irgendwann muss jeder Mensch allen aufgehäuften Besitz loslassen. Was aber, wenn der Besitz ein gewaltiger, vermeintlich wertvoller Berg Comics ist? Wer nimmt die dem Sammler ab und in gute Pflege? Es ist ungewiss, ob er seine Schätze zumindest noch zu Geld machen kann, da nur wenige Comicfans nachrücken. Am Ende eines mühevollen Sammlerlebens steht möglicherweise die Altpapiertonne. Das wäre nicht nur ein individueller, sondern auch ein gesellschaftlicher Verlust, sofern man Comics für ein Kulturgut hält, dessen Erscheinungen und Entwicklungen man vielleicht

Von der Natur. Und der des Menschen.

Comic | Peggy Adam: Gröcha   Peggy Adam reflektiert in ›Gröcha‹, ihrem zweiten Comic-Langwerk, über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur – mit ernüchterndem Ergebnis, mal abgesehen von der künstlerischen Leistung. Entsprechend genießt CHRISTIAN NEUBERT das Werk, solange es noch geht.

Sich selbst finden im Angesicht der Homophobie

Comic | Julius Thesing: You don’t look gay

Julius Thesings Comic- und Jugend-Buch ›You don't look gay‹, das fast vollständig in einem auffälligen Rosaton gehalten ist, erinnert in leicht zugänglicher Art daran, dass Homosexuellenfeindlichkeit auch in westlichen und europäischen Ländern nach wie vor ein Problem ist – sei es im Alltag oder in der Politik. Außerdem zeigt Thesings Comic beispielhaft, wie ein Coming-out-Prozess abläuft, und macht anderen Mut. Von FLORIAN BIRNMEYER

Eine sehr langsame Form der Reportage

Comic Spezial | Comic-Journalismus Spätestens seit dem »rasenden Reporter« Egon Erwin Kisch (der in Wirklichkeit ziemlich gründlich und langsam arbeitete) verbinden wir mit einem Journalisten das Bild eines Mannes, der sich mit Notizblock und Kamera an Orten aufhält, wo wichtige Dinge passieren. Er kann aber auch mit Zeichenbrett und Skizzenblock ausgerüstet sein. Der 18. Internationale Comic Salon Erlangen warf ein Schlaglicht auf das Genre des Comic-Journalismus, das vor allem in den klassischen frankobelgischen und angelsächsischen Comicländern zu boomen scheint. ANDREAS ALT hat sich informiert.