Ein Trip Hop Update aus Island und etwas andere Kinderlieder aus Korea

musik | toms plattencheck

Isländer, die nach Trip-Hop und New-Soul klingen sowie Kinderlieder aus Korea – TOM ASAM auf einer musikalischen Entdeckungsreise jenseits des Mainstreams.


Hjaltalin nennt sich eine isländische Band um den von GusGus bekannten Sänger und Songwriter Högni Egilsson, die mit ihren bisherigen beiden Alben schon erfolgreich waren, bei Kritikern aber teilweise nicht so recht landen konnten. Vielleicht war ihr orchestral angelegter Kammerpop doch einen Tick zu clean und verkünstelt. Ihr drittes Album, interessanterweise Enter 4 betitelt, erschien in Island schon Ende letzten Jahres und kann zumindest in der Heimat den Anfang eines weiteren Anschubes für Hjaltalin bedeuten. Die orchestralen Elemente sind deutlich zurückgenommener, dafür halten Trip Hop und New-Soul-Elemente Einzug ins Klangbild. Das Abgleiten in Bereiche der Lounge-, Fahrstuhl- oder Poolside-Musik muss man dabei nicht befürchten, alleine schon der Texte wegen. »I wanna be touched, I wanna be found/ I wanna be seen/ I wan´t you to hit me«, singt die zusätzliche Sängerin Sigiour Thorlacius auf Forever someone else. Traurigkeit und Einsamkeit sind wiederkehrende Themen auf diesem Werk von schwarzglänzender Eleganz. Wer sich die Schnittmenge von Massive Attack, Radiohead, Efterklang und The XX vorstellen kann, sollte sich diesen Tipp auf den Zettel schreiben.

Noch ruhiger wird es beim ersten Album, das die Koreanerin Yeahwon Shin auf ECM veröffentlicht. Die Künstlerin, deren Vorname so viel wie »Schöne Kunst« bedeutet, beschreitet mit Lua ya in mehrfacher Hinsicht neue Wege. Die klassisch ausgebildete Musikerin war so sehr der brasilianischen Musik verfallen, dass sie für ihr 2010 veröffentlichtes Debüt eigens Portugiesisch lernte. Kurioserweise wurde das Album, das unter anderem Egberto Gismonti als Gast präsentierte, gar für den Latin Grammy nominiert! Lua ya entwickelte sich aus einer spontanen Begeisterung Shins für den Raumklang der Mechanics Hall bei Boston, wo Produzent Sun Chung mit Pianist Aaron Parks aufnahm. Shin und Parks fanden dort eher zufällig zusammen und nahmen dann zusammen mit dem in Jazz- und World-Music-Kreisen bestens bekannten Akkordeon-Spieler Rob Curto auf. Das Grundgerüst des Albums sind mehr oder weniger bekannte Koreanische (Kinder-)Lieder, deren Umsetzung weitgehend improvisiert und im intuitiven Nachspüren halbverschütteter Kindheitserinnerungen stattfand. Die Stücke klingen letztlich dann auch eher wie eine verträumte Rückschau eines Erwachsenen auf die frühen Lebensjahre, als Lieder, die man Kindern vorspielen würde. Sich aufdrängende Refrains belieben aus und Melodien schleichen sich eher subtil, oft erst beim wiederholten Hören, in die Gehörgänge. Shin singt dabei wieder in ihrer Muttersprache, auch wenn die Songtitel englischsprachig sind. Lua ya ist ein stilvolles, künstlerisches Ausleben emotional tiefliegender Schichten zwischen musikalischen Stilen.

| TOM ASAM

Titelangaben
Hjaltalin: Enter 4 – Sena / Cargo
Yeahwon Shin: Lua Ya – ECM

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Super Dinosaur #1
Voriger Artikel

»Hello, my name is Sue«

Default thumbnail
Nächster Artikel

Neulich in der Buchhandlung ...

Neu in »Platte«

Dispatches From A Forgotten Age: The DJ Mix CD

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world

I was listening to Hot Chip’s excellent Late Night Tales set the other day when it struck me that I haven’t heard a decent DJ mix in ages. Apart from Jupiter Jax’s sublime Dee-Life Mix for 100% Silk earlier this year, there seems to have been a dearth of great sets recently. With clubs closed and most commercial DJ mix series having given up the fight, it almost seems as though the art of crafting a journey through other people’s records has died as an art form. By JOHN BITTLES

Nachts auf der Autobahn, den Kopf aus dem Beifahrerfenster

Musik | Interview mit Mirage

Irgendwie mystisch und kryptisch, irgendwie modern und direkt: Mirage werfen mit ihrem Debüt ›Decaying Decades‹ eine Scheibe in die Welt, die nach Vorsaufen auf der Autobahn schmeckt. MARC HOINKIS plaudert mit dem Künstler-Duo.

Are you brave enough?

Musik | marc moraire: The Story of Robert Volant

Ein Newcomer der psychedelischen Musikszene: Im Januar 2020 erschien mit The Story of Robert Volant das Debütalbum des Musikers marc moraire. Nicht nur das Albumdesign ist ein wahrer Eyecatcher, auch der strukturelle Aufbau des Albums sticht direkt ins Auge: Fünf Akte, zehn Szenen. Ein musikalisches Drama in englischer Sprache. Dichtkunst trifft Tonkunst. Eine gelungene Synthese. Mit Ben Westerath und Kim Helbing hat er sich zwei weitere Künstler*innen an seine Seite geholt, die die Seelenreise des fliegenden Roberts durch ihre Stimmen untermalen. SAHRA SCHMITTINGER sprach mit dem Künstler über die Intention seines ersten Albums.

Synthesen

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world

Diesen Monat geht es um Synthesen in der Musik oder: »Man muss das Rad nicht immer neu erfinden«. Dieser platte Spruch wird der Arbeit der Künstler*innen natürlich nicht gerecht, also anhand zweier Beispiele. Ich möchte unbedingt auf meine große Neuentdeckung aus dem Mai aufmerksam machen: Interstellar Funk hat die Compilation Artificial Dancers – Waves of Synth veröffentlicht, auf der 80er Wave und Synth Raritäten aus den letzten vierzig Jahren grandios koexistieren und der DJ zeigt, dass feinfühlig zu kuratieren, Kunst ist und schafft. Und dann werfen wir noch einen kleinen Ausblick auf die neue EP der Collective Cuts unter Cinthies Label 308 Crystal Grooves Collective Cuts: « Pages » Epilogue von S3A und Sampling als Kunst. Von LOUISE RINGEL.

The Lure Of The Soundtrack

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world

Late last year I found myself entranced by Mati Diop’s wonderful Atlantics, a tale of forbidden passion, the perils of emigration and the fate of those who are left behind. Long, poetic shots of the sea merged perfectly with Fatima Al Qadiri’s intoxicating soundtrack to produce a stunning collage of meaning and evocations. Leaving the cinema that night I was struck at just how powerful a medium the soundtrack can be. By JOHN BITTLES