Das Vermächtnis des alten Yanaqué

Roman | Mario Vargas Llosa: Ein diskreter Held

Ein diskreter Held – der neue Roman von Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Gelesen von PETER MOHR

diskreterheld
Für seine »Kartographie von Machtstrukturen und seine scharf gezeichneten Bilder individuellen Widerstands« – so die  Begründung des Stockholmer Nobelpreiskomitees – wurde Mario Vargas Llosa vor drei Jahren die bedeutendste Auszeichnung der literarischen Welt verliehen. Um Macht, Unterdrückung, Familienehre, ausgelebte Egoismen und individuellen Widerstand, der bis an den Rand der Selbstaufgabe reicht, geht es nun auch im neuen Roman des inzwischen 77-jährigen peruanischen Autors.

»Wir leben leider in einer Welt, in der die Ambitionen oft dazu führen, dass Prinzipien und Werte über Bord geworfen werden und in der skrupellos Straftaten begangen werden«, klagte der Nobelpreisträger vor einigen Wochen bei der groß inszenierten öffentlichen Präsentation seines neuen Romans in Madrid.

Die Heimat Peru

In seinen großen, überquellenden Romangemälden hat sich Vargas Llosa in der Vergangenheit wiederholt der Ausbeutung der Ureinwohner, der blutigen Kämpfe von Untergrundorganisationen, der Korruption, der zwielichtigen Rolle der Militärs und des Totalitarismus gewidmet. Titel wie Tod in den Anden, Das Fest des Ziegenbocks, Der Geschichtenerzähler und Das grüne Haus (alle bei Suhrkamp erschienen) stießen auch hierzulande auf große Resonanz.

Nun hat Vargas Llosa nach eineinhalb Jahrzehnten Abstinenz wieder einmal einen Roman in seiner peruanischen Heimat angesiedelt, lässt ihn in der Hauptstadt Lima und in der kleinen Hafenstadt Piura spielen und widmet sich dabei den Lebensläufen von gleich drei »diskreten Helden«.

Da ist der Transportunternehmer Felícito Yanaqué, ein Mann von Mitte fünfzig, der es zu bescheidenem Wohlstand gebracht hat; der erfolgreiche Versicherungsunternehmer Ismael Carrera, der im Streit mit seinen Söhnen liegt; und Carreras »rechte Hand«, sein kunstbeflissener Mitarbeiter Rodrigo.

Es ist ein ganz normaler Tag, den Vargas Llosa in all seiner Banalität ausführlichst beschreibt, als Yanaqué den ersten Erpressungsbrief von der Mafia erhält. Eine tiefe Zäsur in seinem Leben, ihm wird mächtig zugesetzt. Als er sich weigert zu zahlen, geht sein Büro in Flammen auf. Nein, Felícito ist kein großer Held, der sich mit Pathos und großem verbalen Getrommel widersetzt. Er ist hin- und hergerissen, erinnert sich aber wieder an das Vermächtnis seines Vaters: »Lass dich von niemandem herumschubsen. Dieser Rat ist das Einzige, was ich dir vermachen kann.«

Dann wird’s hochdramatisch, Yanaqués Geliebte Mabel verschwindet spurlos, doch auch davon lässt sich der prinzipientreue Yanaqué nicht einschüchtern. Peu à peu avanciert er ob seiner Standhaftigkeit und seines Mutes in Piura zur einer  verehrten lokalen Persönlichkeit, denn viele andere Geschäftsleute und Bekannte zahlen stillschweigend an die Mafia. Widerwillig gerät Felícito sogar in den Fokus der Medien, sein Haus wird zur Pilgerstätte von Journalisten.

Der alte Carrera, ein steinreicher Mann von achtzig Jahren, hat ganz andere Probleme. Seine Söhne wollen ihm den Besitz abspenstig machen. »Zwei Schmarotzer, die den Namen des Vaters und des Großvaters entehrten. Warum waren sie so geraten? Nicht, weil es an Zuneigung und Aufmerksamkeit der Eltern gefehlt hätte, nein, ganz im Gegenteil«, heißt es leicht simplifizierend im Roman.

Versicherungsmogul Carrera macht es seiner Familie aber auch nicht einfach. Er heiratet sein blutjunges Hausmädchen Armida und löst damit einen gesellschaftlichen Skandal in der peruanischen Hauptstadt aus. Seinen engsten Mitarbeiter Rodrigo bestellt er nicht nur als Trauzeugen ein, sondern beauftragt ihn auch mit der Abwicklung der Erbstreitigkeiten, während Carrera sich mit seiner Braut auf Hochzeitsreise begibt. Erst als der Erbstreit beigelegt ist, kann der Kunstliebhaber Rodrigo mit seiner Familie auf eine lange geplante Europareise gehen und durch die wichtigsten Museen pilgern.

Das liest sich zwar unterhaltsam und recht spannend, wirkt am Ende dennoch ein wenig wie eine altersmelancholische Vargas Llosa-Lightversion: weichgespült, massenkompatibel, und am Ende werden die Handlungsstränge sogar zu einem universalen Happy-End verflochten. Hier ist weder der polternde Gesellschaftskritiker noch der große erotische Erzähler zu vernehmen. Um es diskret auszudrücken: Von Mario Vargas Llosa ist man Romane von anderem Kaliber gewohnt.

| PETER MOHR

Titelangaben:
Mario Vargas Llosa: Ein diskreter Held
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
Berlin: Suhrkamp Verlag 2013
381 Seiten. 22,95 Euro

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

We Are The Music Makers. The Makers of Dreams

Nächster Artikel

Lyrik von Mario Meléndez

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Blaubart als Gipfelstürmer

Roman | Thomas Glavinic: Das größere Wunder Was sucht ein Mensch am Gipfel des Mount Everest? Eigene Grenzen zu überschreiten, die Natur, sich selbst zu bezwingen? Jedenfalls hat der Held Jonas in Thomas Glavinic neuem Roman Das größere Wunder in seinem Leben alles erreicht, was man sich selbst in den kühnsten Vorstellungen nur zu erträumen wagt. Gleichzeitig hat er die Tiefen menschlicher Existenz durchwandert. Und was nun? – fragt sich auch HUBERT HOLZMANN.

Kommissar Daquin und die Büchse der Pandora

Roman | Dominique Manotti: Schwarzes Gold Nachdem zuletzt in der Ariadne-Reihe des Hamburger Argument Verlages vor allem ältere Bücher von Dominique Manotti erschienen sind, hat man mit Schwarzes Gold nun den jüngsten Roman der erst spät zum Schreiben gekommenen Wirtschaftshistorikerin auf Deutsch herausgebracht (Übersetzerin ist die im Verlag für Lektorat und Produktion verantwortliche Iris Konopik). Er besitzt alle Qualitäten, für die man seine Autorin seit dem Erscheinen ihrer Romane hierzulande rühmt, hat 2016 in Frankreich den Grand prix du roman noir gewonnen und präsentiert mit Théo Daquin eine Hauptfigur, die Manotti-Leser bereits kennen. Von DIETMAR JACOBSEN

Reiko Himekawas zweiter Fall

Roman | Tetsuya Honda: Stahlblaue Nacht Mit Blutroter Tod hat der S. Fischer Verlag vor Jahresfrist damit begonnen, die in Japan äußerst erfolgreiche Thrillerreihe um Tokios jüngste Polizistin Reiko Himekawa auch deutschen Lesern zugänglich zu machen. Die ersten Reaktionen der Kritik lasen sich verheißungsvoll. Nun liegt mit Stahlblaue Nacht – Der deutsche Titel des nicht aus dem Japanischen, sondern aus dem Englischen übersetzten Romans ist schlichtweg scheußlich! – Band 2 der Serie vor. Er steht seinem Vorgänger weder an Spannung noch an der raffinierten Konstruktion des Erzählten nach. Von DIETMAR JACOBSEN

Panik im Urlaubsparadies

Roman | Juli Zeh: Neujahr Die karge Vulkaninsel Lanzarote ist wieder einmal Schauplatz von Juli Zehs neuestem Roman. Hier verbringt ein gestresster deutscher Familienvater und Lektor den Jahreswechsel, kann sich allerdings kaum von Erfolgsdruck und Optimierungszwang erholen. Doch ein folgenreiches Déjà-Vu erklärt seine Angstattacken und Erschöpfungssymptome. Neujahr entpuppt sich zugleich als dramatische Reise zurück zu schrecklichen Kindheitsereignissen. Von INGEBORG JAISER

Ein Bruderzwist im hohen Norden

Roman | Jo Nesbø: Der König

Mit Der König knüpft Norwegens Bestsellerautor Jo Nesbø an seinen Roman Ihr Königreich an, der seine Leserinnen und Leser vor 4 Jahren mitnahm in die abgeschiedene Welt von Carl und Roy Opgard im Südosten Norwegens. Im Unterschied zu Nesbøs gewaltstrotzender Harry-Hole-Reihe, die es inzwischen auf dreizehn Bände gebracht hat, erzählte er darin mit deutlichen Anspielungen auf die alttestamentarische Kain-und-Abel-Geschichte von zwei höchst unterschiedlichen Brüdern. Carl, der Leichtlebigere der beiden, hat die letzten 15 Jahre fern von Norwegen verbracht und kommt mit großen Plänen zurück: Ein Spa-Hotel soll seinen Heimatort aufwerten und ihn und die junge Frau, die er mitgebracht hat, reich machen. Roy, der in Os geblieben ist, das elterliche Anwesen verwaltet hat und eine Tankstelle betreibt, handelt weitaus bodenständiger als sein jüngerer Bruder, der noch jedes seiner bisherigen Projekte in den Sand gesetzt hat. Und doch kommen die beiden nicht voneinander los. Eine tragische Vergangenheit mit mehreren bis in die Gegenwart ungeklärten Todesfällen schweißt sie aneinander. Und macht ihre Beziehung auch nicht einfacher, wenn es nun darum geht, wer von den beiden Brüdern der wahre Nachkomme ihres geschäftstüchtigen Vaters wird. Eine Rezension von DIETMAR JACOBSEN