Blaubart als Gipfelstürmer

Roman | Thomas Glavinic: Das größere Wunder

Was sucht ein Mensch am Gipfel des Mount Everest? Eigene Grenzen zu überschreiten, die Natur, sich selbst zu bezwingen? Jedenfalls hat der Held Jonas in Thomas Glavinic neuem Roman Das größere Wunder in seinem Leben alles erreicht, was man sich selbst in den kühnsten Vorstellungen nur zu erträumen wagt. Gleichzeitig hat er die Tiefen menschlicher Existenz durchwandert. Und was nun? – fragt sich auch HUBERT HOLZMANN.

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Der österreichische Autor Thomas Glavinic komponiert mit seinem neuen Roman Das größere Wunder ein weiteres Buch der Extreme. Diesmal ist sein Held jedoch nicht mehr der einzige Überlebende einer nicht genannten Katastrophe wie in Arbeit der Nacht (2006) oder er wird von einer unsichtbaren Mörderin wie in Lisa (2011) gejagt. Dennoch ist auch Jonas wiederum ein Außenseiter und Ausgegrenzter, ein Überlebender und Gejagter.

Die erste Ausgrenzung und Ablehnung erfahren Jonas und sein behinderter Zwillingsbruder Mike bereits daheim durch ihre alkoholkranke, in asozialen Verhältnissen lebende Mutter. Bei Jonas’ bestem Freund Werner, der ebenfalls am gleichen Tag wie die Zwillinge geboren ist, lernen sie hingegen eine ganz andere, geschützte, elitäre Welt kennen und dürfen schließlich bei ihm und seinem Großvater Picco aufwachsen. Dieser tritt als Erzieher und Übervater in Erscheinung, der höchst undurchsichtige, fast mafiöse Beziehungen unterhält und in einer absolut abgeschirmten Welt lebt.

Erziehung in einer Ordensburg

Die drei Jungen werden fernab des Normalen erzogen, leben außerhalb der Welt ohne echte soziale Kontakte. Jonas und Werner erhalten, anstelle auf ein Hochbegabteninternat geschickt zu werden, im Haus des Großvaters Privatunterricht, sie werden immer begleitet von einem geheimnisvollen Hausangestellten oder einem Chauffeur – heute hieße das private security – und lernen völlig frei von irgendwelchen ethischen Grenzen, sie experimentieren, erfahren sich selbst: »Es gab vier festangestellte Lehrer für Mathematik, Deutsch, Englisch und Latein, außerdem noch einen Russen und einen Italiener,… dazu kamen wechselnde Vortragende für die Fächer Geschichte, Geografie… und Philosophie, die meisten waren ausgewiesene Spezialisten. Es kamen Nobelpreisträger ins Haus, Olympiasieger, Fernsehstars, Schachgenies, Künstler, Politiker und Zauberer.«

Neben klassisch humanistischen Bildungsinhalten gibt es noch speziellen Unterricht in einer fernöstlichen Kampfkunst. Als die drei Jungen zwölf Jahre als werden, fahren sie zum ersten Mal zu einem geheimnisvollen Schloss, einer Art Gralsburg, in der sich wie in einer Art »Zeitkapsel« immer wieder neue Räume öffnen. Es gibt keine wirklichen Schlüssel für die Türen, sie öffnen sich nach existenziellen Erfahrungen, nach Abschluss bestimmter Lebensabschnitte. Der schlossartige Bau wird zum geheimen Bezugspunkt der drei. In der Burg öffnen sich jedoch nicht nur Schatzkammern, sondern hinter den Türen spiegeln sich – beinahe wie in Herzog Blaubarts Burg – die Schicksalsschläge der Vergangenheit: sie umschließen Leid, Unglück, Tod.

Die gemeinsame Zeit von Jonas, Werner und Mike erweist sich als sehr begrenzt. Auf diese Grenze kann der Großvater keinen Einfluss nehmen. Jonas, der nach einer Fiebererkrankung kurzzeitig im Rollstuhl sitzt, eines Tages als eine Art besonderer Mutprobe mit seinem Rollstuhl einen Abhang hinabrast, überlebt: nach »einem Zwanzig-Meter-Flug und einer Landung im freien Feld«. Das Erstaunliche: »Die Lähmung war weg und kehrte nicht zurück.“ Sein Freund Werner, der das Besondere an Jonas erkennt und ihn für auserwählt hält, ist tief in seinem Inneren neidisch und fordert ebenfalls das Schicksal heraus. Sein Abenteuer wird nicht so glimpflich ausgehen wie bei Jonas.

Faust auf Reisen

Mit achtzehn Jahren wird Jonas Universalerbe des alten und sterbenskranken Picco. Jetzt steht ihm ein Leben offen, in dem es keine materielle Grenzen mehr geben wird. Doch Jonas ist selbst an einem Endpunkt in seinem Leben angekommen. Weiß nicht, wie es weitergehen kann. Er zieht sich zurück. Zunächst in eine Wohnung nach Rom, in der er zwei Jahre leben und weitere Sprachen studieren wird. Diesen Aufenthalt unterbrechen kurze Reisen in alle mögliche Länder. Auf diesen Reisen macht er die Bekanntschaft mit einem japanischen Anwalt, der sein neuer Freund und eine Art Geheimsekretär wird, und lernt eine junge Architektin kennen, die für ihn ein extravagantes Baumhaus in Norwegen plant.

Jonas kauft sich eine Insel im Indischen Ozean. Lernt Wellenreiten. Und riskiert hierbei auch Kopf und Kragen. Erneut also die Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod. Trotz aller Möglichkeiten gibt es für ihn kein Glück, keine Zufriedenheit. Immer bleibt Unruhe, immer ist er ein Getriebener. Dann lernt er Marie kennen, wird mit ihr zur Burg zurückkehren, plant ein gemeinsames Leben. Doch seine Hoffnungen zerbrechen.

»Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen«

Thomas Glavinic komponiert seinen Roman Das größere Wunder jedoch nicht als linear biografische Erzählung. Ein strukturelles Vorbild könnte für ihn die Form der Fächerfuge aus der Musik gewesen sein: Er verzahnt hier zwei Handlungsstränge miteinander und lässt sie im entscheidenden Punkt ineinander laufen. Als Jonas in der Todeszone zwischen Leben und Tod steckt, wird er über Funk plötzlich mit Marie verbunden: »’Ich heiße nicht Marc’, sagte Marie. Janas blieb stehen, ging weiter, blieb stehen, ging weiter, blieb stehen, ging weiter, blieb stehen oder ging weiter, er wusste es nicht. ’Wo bist du?’, fragte er. ’Na hier!’ ’Hier? Kathmandu?’ ’In eurem Messezelt!’ ’Bitte was?’ … ’Jonas, komm da bitte sofort runter!’«

In diesem Punkt gibt es einen Wendepunkt in Jonas Weltsicht: Er beginnt zu begreifen, dass es nicht immer der Gipfelpunkt der Erfahrung sein muss, dass man sich dem Tod nicht unendlich nähern kann. Die Kapitel mit den Rückblicken in seine Kindheit und Jugend erlebt man als Leser eingeschoben, während er den Aufstieg auf den Mount Everest beginnt: Die Vorbereitungen im Basislager, die eigenen Akklimatisierungs- und Trainingsversuche, den Gedankenaustausch mit anderen Expeditionsteilnehmern, die eigene Welt der Sherpas. Glavinic hat hier genial recherchiert, weiß die Strapazen, Mühen und Gefahren lebensnah zu schildern. Er imaginiert in Worten, was Fernsehdokumentationen etwa auf ARTE und 3Sat für uns Zuschauer bequem zusammengeschnitten haben.

Die Szene in der Todeszone kurz vor dem Gipfel wird für Jonas zum faustischen Grenzerlebnis, immer im Dialog mit sich selbst: »Nicht denken. Nur gehen. Es wird dunkel werden und wieder hell werden, und dann werde ich feststellen, ob ich noch da bin. .. Irgendwann ging es nicht mehr höher. Jonas sah Gebetsfahnen und leere Sauerstoffflaschen. Er wusste sofort, wo er war, obwohl er es fast nicht glauben konnte. Er stand auf dem Gipfel des Mount Everest.« Der Rückweg? Ohne Bewusstsein. Und ohne Gewissheit auf die Frage, »warst du eigentlich auf dem Gipfel?« Thomas Glavinic Roman Das größere Wunder ist ein literarischer Gipfelpunkt. Ein Experiment, das die menschlicher Existenz radikal hinterfragt.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Thomas Glavinic: Das größere Wunder
München: Hanser 2013
528 Seiten. 22,90 Euro

Reinschauen
Thomas Glavinic im Interview
Leseprobe
Thomas Glavinic: Unterwegs im Namen des Herrn – Thomas Glavinic in TITEL-Kulturmagazin

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