Alltäglicher Hokuspokus in Grün und Rot

Kinderbuch | Maria Vohn: Meine grüne Schüssel / Judith Loske: Das rote Blatt

Es braucht nicht viel. Eine Schachtel voller Knöpfe. Ein paar Steine. Kleine Zweige. Kinder verwandeln sie durch ihre Fantasie in Ritter und Prinzessinnen, bauen damit Schlösser und Geheimverstecke, denken sich die spannendsten Geschichten aus. Und klar funktioniert das auch mit einer grünen Schüssel oder einem roten Blatt stellt ANDREA WANNER ohne Verwunderung fest.

Meine gruene Schuessel
Eine selbstbewusste kleine Person experimentiert mit einer großen grünen Schüssel. Man kann darin wohnen, versteckt wie eine Schnecke in ihrem Haus. Man kann aber auch jemand mit in die Schüssel einladen und es sich darin fast wie auf einem Sofa gemütlich machen. Aber natürlich lässt sich die Schüssel auch als Musikinstrument verwenden, mutiert auf Wunsch zum Segelboot oder zur Rakete. Als modischer Hut ziert sie den Kopf und ganz am Ende gibt es noch eine besondere Art der Verwendung für das praktische Teil. Oder aber man verfolgt ein rotes Blatt und staunt, wie sich die Welt um einen herum dabei verwandelt, wie plötzlich Berge, Schluchten und Höhlen auftauchen, wo vorher nur eine langweilige Stadt war.

Alltagstauglich

Maria Vohn beobachtet in ihrem stabilen Pappbilderbuch für die Jüngsten diese Verwandlung und den Reiz, der darin steckt, prosaische Gegenstände mit Fantasie zu verzaubern. Der Untergrund ist braunes Packpapier, darauf tummeln sich die mit bunten Wachskreiden gestalteten Figuren und die grüne Schüssel. Nach ihrem liebenswerten Streitbilderbuch Mein Hund ist rot (einen grauen Hund gibt’s auch zu entdecken!) gelingt ihr erneut mit einfachsten Mitteln eine überzeugende Geschichte für Kleine. Na ja, Geschichte ist es eigentlich ja keine, sondern vielmehr eine Aneinanderreihung von Szenen, die sich um die grüne Schüssel drehen, und nebenbei eine Menge über die Menschen erzählen: Die gestresste Mutter, die den Schüsseltrommellärm nicht länger erträgt und sich genervt, beinahe verzweifelt, die Ohren zuhält; über Neugierde und Geduld, Nähe und Wärme in der Familie, Forscherdrang bei kleinen Jungs und Abenteuerlust bei Mädchen. Dazu gibt’s ein bisschen Text, zurückhaltend und gereimt in schlichten Worten.
Das rote Blatt
Bei Judith Loske ist es ein kleiner Junge, Oskar, der mit seiner Mutter in der Stadt unterwegs ist. »Wollen wir nicht etwas Spannenderes machen?« spricht er vielen Kindern in solch einer Situation aus der Seele. Oskars Mutter lässt sich darauf ein und gemeinsam jagen sie das rote Ahornblatt, das Oskar kurzerhand zum Zauber-Blatt erklärt hat. Es ist ganz einfach aus dieser Perspektive plötzlich den Bach zum Meer zu erklären, die Luft aus den Laubbläsern der Arbeiter im Park zum Sturm und den Fischhändler auf dem Markt zum Piraten.
Wie ein ganz normaler Tag zum besonderen Abenteuer werden kann, zeigen die doppelseitigen Bilder, die als Hauptakteure den Jungen und das Blatt in Außen- und Innenraumszenen zeigen, die in ihrer reduzierten Gestaltung und mit nur zurückhaltenden Details der Fantasie viel Spielraum lassen. Freiräume bietet auch die Mutter, als Sicherheit auf vielen Szenen im Hintergrund verortet, die Aktivität aber dem Sohn überlassend. Auch diese Geschichte kommt mit wenigen Worten und zurückhaltenden, warmen Farben aus. Collagenteile, realistische Einzelheiten, amüsante Bildzitate und stilisierte Objekte ergänzen sich zu einem harmonischen Ganzen, das den Rahmen bietet für ein Alltagsabenteuer. Das Fazit am Abend vor dem Zubettgehen in der Badewanne lautet dann schlicht: »Das war ein schöner Tag, nicht wahr?«

Eigentlich könnte man umgehend alle Spielzeugläden schließen, alle Kinderzimmer entrümpeln und der Fantasie wieder Raum schaffen. Oder wenigstens sich an so schlichten, wunderschönen Bilderbüchern freuen, die uns zeigen, was man alles nicht braucht.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Maria Vohn: Meine grüne Schüssel
Wuppertal: Peter Hammer 2014
24 Seiten. 11,90 Euro
Ab 2 Jahren

Judith Loske: Das rote Blatt
Rostock: Hirnstorff 2014
32 Seiten. 14,99 Euro
Ab 4 Jahren

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