Perfektes Paar – perfektes Glück?

Roman | Eberhard Rathgeb: Kein Paar wie wir

Ein ungleiches gleiches Paar: zwei Schwestern, Ruth und Vika, ein gemeinsames Leben und eine tiefverbundene Liebe zueinander. Liebe hat viele Gesichter und ist vielmehr als die zwischen einem Liebespaar. Rathgeb erzählt von einer innigen Geschwisterliebe: Die eine ist etwas klüger, die andere etwas hübscher. Wie ein Ehepaar haben sie alles geteilt, für immer vereint, bis dass der Tod sie scheidet. In Kein Paar wie wir erzählen sie davon. Von TANJA LINDAUER

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Sie haben ein Leben lang zusammen verbracht, sie haben sich niemals (für lange) getrennt. Ein Versprechen, das sie sich schon im Kindesalter gaben: »Ich werde dich nicht loslassen, wer immer dich mir wegnehmen will«, sagt Ruth, als ihre Schwester lebensbedrohlich erkrankt. Ein Versprechen, das erst der Tod brechen kann. Ruth, die attraktivere, und Vika, die vernünftige der Schwestern, sind mittlerweile alt und sie wissen um die Gebrechen der anderen nur zu gut. Tag ein, Tag aus schwelgen sie in ihren Erinnerungen. Was haben sie doch alles erlebt! Sie haben die Welt bereist, sind umgezogen, haben Karriere gemacht.

Doch die Zeit der Reisen ist vorbei. Die betagten Damen gehen kaum noch vor die Tür ihres Apartments in Buenos Aires, wozu auch? Sie haben so viel erlebt, nun sind sie alt. Was ihnen bleibt, sind die Erinnerungen, die sie sich in ständigen Wiederholungen erzählen. Der Leser erfährt, dass die Schwestern vor Hitlers Machtübernahme mit ihrer Familie aus Deutschland nach Argentinien flüchteten. Die Flucht konnte die Familie zwar vor den Gräueltaten des NS-Regimes bewahren, doch nicht vor den Depressionen der Mutter und den Wutausbrüchen des Vaters, einem Tyrannen, der seinen Töchtern Zucht und Ordnung beibrachte.

Die Erinnerungen zweier alter Damen

Mit 30 verlässt Ruth die Schwester und das elterliche Heim. Sie zieht nach New York, doch ihre Schwester folgt ihr schon bald. Die glücklichsten Jahre ihres Lebens! Hand in Hand schlenderten sie durch den Central Park. Sie brauchten keine Männer oder Kinder, um glücklich zu sein! Nein, befreit aus den Fängen der Familie genossen sie das Leben. Sie reisten viel, immerhin sprechen sie drei Sprachen, und verdienten genügend Geld, um ein gutes Leben zu führen. Doch im Verlauf der Lektüre wird deutlich, es war auch ein Leben der Entsagungen: kein Rausch, keine Theaterbesuche, keine Männer.

»Eindringlich und berührend erzählt Eberhard Rathgeb von einer Liebe, die sich nicht auf den Begriff bringen lässt; der Liebe eines Schwesternpaares, das in der Kindheit mit den Eltern vor dem NS-Regime nach Buenos Aires flüchtete und über Jahrzehnte hinweg das Leben vierhändig verbrachte. Poetische Stille und gedanklicher Eigensinn gehen in diesem Roman eine schöne Allianz ein«, so die Begründung der Jury zur Vergabe des aspekte-Literaturpreises.

Eindringlich und berührend ist der Roman in der Tat, es ist eine Geschichte voll Leid, Kälte und auch unterdrückter Wut, aber auch voll Liebe, Hingebung und Loyalität. Und doch haftet ihm ein leicht muffiger Beigeschmack an. Wie typische Dialoge eines älteren Gesprächspaares wechseln die Themen in Rathgebs Roman schnell, beinahe abrupt, und kommen doch immer wieder auf dieselben zurück.

»›Du vergisst nichts‹, sagte Ruth. Wie ein Elefant, dachte sie. Sie ist zwar klein, aber sie hat ein Gedächtnis wie ein Elefant. ›Ich kann die Schillerballaden noch auswendig aufsagen‹, sagte Vika. Damit imponierte ich unserem Vater, dachte sie. Wahrscheinlich durfte ich studieren, weil ich die Schillerballaden auswendig aufsagen konnte. Wer in der Lage ist, Schillerballaden auswendig aufzusagen, das wird sich Vater gedacht haben, der kann nicht ganz dumm sein. ›Er hielt mir seine Hand hin, aber ich gab ihm den Schlüssel natürlich nicht. Ah non.‹ Ich hätte mich doch nicht in die Hand eines Mannes gegeben, dachte sie.«

Ruth und Viktoria – man kann sie ruhigen Gewissens als emanzipatorisch bezeichnen – rechnen ab, mit ihrem Leben, mit ihren Eltern, mit dem ihrer Bekannten. Sie lebten ein abwechslungsreiches und erfülltes Leben, behaupten sie, an das sie sich nur allzu gern erinnern. Dass dabei Wiederholungen im Text auftauchen, ist durchaus legitim, sind es doch zwei alte Damen, die hier erzählen.

Aber man hätte auf die eine oder andere Repetition verzichten können und sollen. Spätestens nach dem dritten Mal wird es auch wirklich jeder Leser verstanden haben, dass sie weder Männer noch Kinder brauchten und zudem drei Sprachen fließend sprechen können. Zwar mag es in der Realität durchaus zutreffen, dass manche Menschen, nicht nur ältere, gerne und oft Dinge wiederholen, doch in einem Roman sollte man es doch eher vermeiden, den Leser zu langweilen. Ein berührender Roman, den man mit einigen Tassen Kaffee nur empfehlen kann.

| TANJA LINDAUER

Titelangaben:
Eberhard Rathgeb: Kein Paar wie wir
München: Hanser 2013
192 Seiten. 17,90 Euro

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