»Der Regen hört nicht auf«

Roman | Tanja Stupar Trifunović: Seit ich einen Schwan gekauft habe

In ihrem neuen Text Seit ich einen Schwan gekauft habe verfasst Tanja Stupar Trifunović ein virtuoses Bekenntnis ihrer Ich-Erzählerin über deren Liebesbeziehung zu einer jüngeren Frau. Ihr Roman erzählt stellenweise extrem lyrisch, dann wieder sehr beklemmend eine Lebensgeschichte, die kompromisslos alle menschlichen Höhen und Tiefen einschließt. Von HUBERT HOLZMANN

Die Schriftstellerin Tanja Stupar Trifunović, geboren 1977 in Zatar, die heute in Bosnien und Herzegowina lebt, ist eine wichtige Stimme für feministische Literatur. In ihrem Roman Seit ich einen Schwan gekauft habe erinnert sich die Ich-Erzählerin, eine vom Leben enttäuschte Bibliothekarin, an ihre Liebe zu einer wesentlich jüngeren Dramaturgie-Studentin. Für diese neue Liebe stellt sie ihr durchaus bürgerliches Leben aufs Spiel, auch ihre Ehe mit einem Wissenschaftler wird damit hinterfragt. Der Roman startet mit dem für sie ultimativen Bekenntnis »An meinem 45. Geburtstag küsste ich zum ersten Mal eine Frau.« Zugleich beginnt damit auch ihre Rückschau auf eine Beziehung, die auch wegen des Altersunterschied immer von Unsicherheit und Ungleichgewicht bestimmt war und zum Bruch führen musste.

Trifunović‘ Roman ist ein leidenschaftliches Erinnerungsbuch. Aus der Rückschau erzählt die Bibliothekarin von dieser komplizierten Beziehung, ihren widersprüchlichen Empfindungen, ihren Erinnerungen, Sehnsüchten und Träumen, den innig-intimen Seiten, aber auch von den dunklen Facetten der Liebe, von Schmerz und Enttäuschung, Ängsten, Lügen und Wut. Und Verrat. Auf den knapp 140 Seiten entwickelt sie dabei ein dichter Monolog, der auf die Episoden, Erinnerungsmomente, Glücksgefühle und auch Verletzungen zurückblickt auf diese unerfüllte Liebe.

Es gibt immer wieder großartige lyrische Reminiszenzen, für die sich die Autorin einer beinahe impressionistischer Bildsprache bedient – das Leben wird als »Seelengarten« betrachtet, es gibt wirkmächtige Worte und sie kommt wie Rilke auf die Schönheit und Schrecken von Engeln zu sprechen. Aber zugleich gibt es den Absturz in die harte Wirklichkeit der gegenseitigen Verstörung, des Zweifelns, das Spiel kippt in pornografische Wut, es bleiben Verletzungen einer in verstörender Abhängigkeit lebenden älteren Frau, mit der die junge, unerzogene Studentin – als Lolita charakterisiert – spielt und vielleicht auch ihre Unabhängigkeit beweist. Auch hierfür wieder starke Metaphern: »Ich weiß nur, dass ich mich gerade in Einzelteile auflöse vor lauter Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies… Bloß den unlöschbaren Durst. Den unstillbaren Hunger der Finger. Einen Schwall Emotionen wie bei einem Rohrbruch.« Oder sie driftet in Vergleiche der patriarchalischen Härte: »Manchmal sieht die Stadt nachts wie ein Vergewaltiger aus, der im Hinterhalt lauert.«

Liebe und Leben im Allgemeinen sind also kein harmloses Spiel für Trifunović. Für sie scheinen Ambivalenzen bestimmend. Denn sie kennt beide Seiten. Entwickelt sich zunächst ein harmlos unschuldiges Miteinander zwischen den beiden Frauen – sie erleben Körperlichkeit und Empfindung – kommt es eben unweigerlich zu Konflikten, die auch dem Altersunterschied geschuldet sind. Die Bibliothekarin ist von ihrem Leben, von ihrem Mann enttäuscht, sucht nach etwas Neuem. Die Studentin hat diese Erfahrungen noch nicht gemacht, sie will alles, nimmt alles, ist auf der Suche. Die Bibliothekarin fühlt sich zurückgewiesen, als ob sie »in eine Falle getappt« ist. Die Erfahrungen mit der jungen Frau sind »wie Ohrfeigen«.

Unklar derweil trotz allem: Wer steht wo im Leben? Wer hat was durchgemacht? Die Ebenen vermischen sich. Realität und Traum überlagern sich. Immer wieder die Angst nicht aufzufallen: »Wir verbergen uns. Wie Diebinnen. Vor uns selbst und vor anderen. Du weißt schon, dass solche Geschichten kein glückliches Ende haben können«. Und auch das Bewusstsein der Unmöglichkeit dieser Beziehung. Der titelgebende Schwan steht als Symbol für diese verborgene, unerfüllte Liebe. Und neben Eros immer wieder Thanatos, die Todessehnsucht, etwa die Anspielung auf das Ende der Dichterin Virginia Woolf: »Deshalb gibst du dich hin. Stürzt dich kopfüber in den Genuss, wie du sagst. Machst du das, um dich nicht in den Fluss zu stürzen?«

Es ist dieses Erzählen aus der Erinnerung, der zeitlichen, aber auch räumlichen Distanz, wodurch diese unerbittliche Gewissheit dieser Unerfüllbarkeit entsteht: »Mit 20 hatte ich die gleichen träume wie du jetzt – studieren, durch die Welt reisen, schreiben. Das Einzige, was ich wirklich mag an jungen Menschen, deren Getue mich ansonsten nervt, dass sie an dieser Stelle blablabla sagen würden.« Offen soll an dieser Stelle bleiben, ob dieser Zynismus alles ist, was bleibt.

Der Roman Seit ich einen Schwan gekauft habe von Tanja Stupar Trifunović lebt von einer unglaublich wort- und bilderreichen Sprache. Eigentlich ganz einfach, aber dennoch geradezu magisch: »Der Regen hört nicht auf. Genau wie das Erinnern.« Oder sie unterbricht ihren Erzählfluss, der Erinnerung folgend, denn diese hat einen eigenen Rhythmus, elliptisch: »Während ich ziellos herumlaufe. Holt deine Stimme. Mich überall ein.« Zeit läuft hier vorwärts und rückwärts, die Ebenen des Erzählens und des Erinnerns interferieren. In ihrer Übersetzung findet Marie Alpermann den passenden Tonfall. Sie rhythmisiert Trifunović‘ Sprache, trifft die zärtlichen Töne der aufblühenden Beziehung, träumt die Träume der Zweisamkeit: »Ich hatte nie eine Tochter. Es ist bloß ein Traum. Ein schrecklicher und zugleich wunderbarer Moment, als sich unsere Blicke treffen. Dann sind ihre Augen plötzlich deine, das lässt mich zusammenzucken, erschaudern, weckt mich auf.«

In dieser grandiosen Übertragung kommt es zu einer Einheit von Rhythmus, Klang, den Worten. Die Passage »Die Stadt seufzt« gerät zu einem stilistischen Feuerwerk: »Die Stadt hört nicht auf zu reden. Getümmel überall. Sie plappert wie du und ich. Ohne Unterlass. Schnell. Schwillt an und ab. Wenn sie verstummt, fürchtest du, sie könnte wütend werden, böse, wild, und suchst dir einen Rückzugsort…« Lyrisch intim, eine einziger Hymnus an die Liebe auch folgende Zeilen: »Zerbrechlich sind meine Bemühungen, nach dem Leben zu fassen. Und es dir wie einen präparierten Käfer zu schicken. Ich bleibe an all den Dingen hängen, die ich dir sagen wollte, aber nicht sagen konnte, weil die Kehle ein Wörtergrab ist, ein unüberbrückbaren Hindernis, in dem die Wörter klemmen und ersticken. Und zwei Gesichter, einander gegenüber, schon einen ganzen Wald aus undurchdringlicher Angst bilden. Am Fluss ist es still…« Tanja Stupar Trifunović‘ Roman Seit ich einen Schwan gekauft habe erzählt überaus virtuos vom Leben – sehr lesenswert.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Tanja Stupar Trifunović: Seit ich einen Schwan gekauft habe
Aus dem Serbischen von Marie Alpermann
Berlin: eta Verlag 2024
140 Seiten, 19,90 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

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