Spion zwischen allen Stühlen

Roman | Joseph Kanon: Leaving Berlin

Leaving Berlin ist der zweite im Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit spielende Thriller des US-amerikanischen Bestsellerautors Joseph Kanon. Während The good German (2001, deutsch 2002 unter dem Titel In den Ruinen von Berlin) unmittelbar nach Kriegsende, im Juli 1945, spielt und den Kampf der Siegermächte um Hitlers Raketentechnologie und die Männer, die an deren Entwicklung beteiligt waren, ins Zentrum stellt, kreist Kanons letztes, im amerikanischen Original 2013 erschienenes Buch um ein anderes brisantes Thema jener Zeit, den Uranabbau in Bergwerksanlagen der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR. Unter dem Firmennamen »SAG Wismut« wurde ab 1946 zunächst in sächsischen, später auch in thüringischen Gruben der Rohstoff für das russische Atomprogramm gewonnen. Tausende, zum großen Teil zwangsverpflichtete Arbeiter wurden bei der harten Arbeit untertage schweren gesundheitlichen Schädigungen ausgesetzt, damit die Sowjetunion im atomaren Wettrüsten mit den USA mithalten konnte. Von DIETMAR JACOBSEN

Leaving Berlin von Joseph Kanon
Leaving Berlin von Joseph Kanon
Joseph Kanon verknüpft das Thema der atomaren Bewaffnung der Sowjetunion im Zuge der Ost-West-Konfrontation nach dem Zweiten Weltkrieg auf geschickte Weise mit der Geschichte des aus dem amerikanischen Exil zurückkehrenden Schriftstellers Alex Meier. Gewillt, am Aufbau eines neuen, demokratischen Deutschlands mitzuarbeiten, muss der allerdings bald erkennen, dass ihn sowohl die eine als auch die andere Weltmacht im jeweils eigenen Interesse zu instrumentalisieren sucht.

Dabei scheinen zunächst die Amerikaner die besseren Karten zu haben, weil Meier in den USA nicht nur seine Frau, von der er getrennt lebt, zurückgelassen hat, sondern auch seinen Sohn, den er unbedingt wiedersehen möchte. Dass aber stellen ihm seine Auftraggeber nur dann in Aussicht, wenn sich der von der McCarthy-Administration misstrauisch Beäugte bereit erklärt, für den amerikanischen Geheimdienst in Ostberlin Aufklärungsarbeit zu leisten.

Kaum angekommen und in allen Ehren von den kulturellen Repräsentanten der jungen DDR in ihre Reihen aufgenommen – Bertolt Brecht, Anna Seghers sowie weitere Persönlichkeiten der Zeitgeschichte lässt Kanon dabei namentlich auftreten -, muss der gefeierte Schriftsteller allerdings schnell erkennen, dass er sich aus den Intrigen und Konfrontationen, mit denen die Siegermächte des Weltkriegs gerade in jener Zeit den Übergang zum Kalten Krieg vollziehen, nicht heraushalten kann. Zumal ihn seine eigene Vergangenheit als Jude in Deutschland in Gestalt einer Frau einholt, die er anderthalb Jahrzehnte nach seiner Emigration immer noch liebt, doch nun bespitzeln soll.

Künstler und Doppelagent

Irene von Bernuth, die inzwischen den Namen Gerhardt trägt, ihre Schwester Elsbeth,ihr Bruder Erich und dessen Freund Kurt Engel, Letztere einst aktiv im Widerstand gegen den heraufkommenden Faschismus – sie alle zählten zum Freundeskreis des jungen, als Schriftsteller noch in seinen Anfängen steckenden Helden. Wieder an die Orte seiner Jugend zurückgekehrt, muss Alex freilich schnell erkennen, dass sich die Zeiten geändert haben. Irene ist, nachdem ihr Ehemann aus dem Krieg nicht wiederkam, mit einem hohen Vertreter der sowjetischen Besatzungsmacht liiert, ihre Schwester Elsbeth versucht, ihre Ehe mit dem Naziarzt Dr. Mutter schönzureden. Markus Engel, der jüngere Bruder von Alex‘ Freund Kurt, baut zusammen mit Erich Mielke den Vorläufer der Staatssicherheit auf und Erich von Bernuth ist als Kriegsgefangener und Arbeitssklave in einem Uranbergwerk im Erzgebirge gelandet.

Als ihm von dort die Flucht gelingt, er in Berlin bei seiner Schwester auftaucht und die ihn mit Alex Meiers Hilfe vor seinen Verfolgern versteckt, wird es schließlich brenzlig. Allein geschickt zwischen den Fronten lavierend und dabei immer wieder das eigene Leben riskierend, schafft Alex den gefährlichen Spagat zwischen der Rolle, die er für seine geheimdienstlichen Auftraggeber spielen muss, und der Moral, die ihm gebietet, Erich von Bernuth zur Flucht aus einem Land zu verhelfen, das er selbst längst nicht mehr als das seine ansieht.

Eine Frage der Moral

Mit Leaving Berlin hat Joseph Kanon einen spannenden Roman über eine Zeit geschrieben, in der die Karten im Nachkriegseuropa neu gemischt wurden. Aus eben noch im Krieg gegen Hitlerdeutschland Verbündeten sind Konkurrenten geworden, die sich gegenseitig um des kleinsten Vorteils willen belauern. Die die nächsten 50 Jahre den Kontinent auseinanderreißende Systemkonfrontation zwischen Ost und West, den USA und der Sowjetunion, Kapitalismus und sozialistischem Experiment macht schon in ihren Anfängen aus dem noch in Trümmern liegenden Deutschland ein zerrissenes Land und aus den Menschen, die sich, gerade einer furchtbaren Katastrophe entkommen, ein neues, besseres, friedliches Leben erhoffen, Marionetten im Dienste von Ideologien, die in ihrer Ausschließlichkeit Kurs auf die nächste große Konfrontation nehmen.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Joseph Kanon: Leaving Berlin
München: C. Bertelsmann Verlag 2015
444 Seiten. 19,99 Euro
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