Eisen weint nicht

Roman | Fernando Aramburu: Langsame Jahre

Viele Schriftstellerbiografien könnten auch als reizvoller Romanstoff taugen. So auch die des wichtigsten zeitgenössischen baskischen Schriftstellers Fernando Aramburu, der seit 35 Jahren in Hannover lebt, aber literarisch immer wieder zu seinen Wurzeln ins Baskenland zurück kehrt. Fernando Aramburus Langsame Jahre gelesen von PETER MOHR

Fernando Aramburu: Langsame JahreDer 60-Jährige Autor, dessen Bestseller-Roman Patria (2016) in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurde, hat die Beschreibung des baskischen Lebensgefühls zu seinem großen Thema gemacht. Im nun vorliegenden, bereits 2012 im Original erschienenen schmalen Roman Langsame Jahre bedient sich Aramburu eines geschickten Kunstgriffs. Er stellt den Erinnerungen eines kleinen Jungen die reflektierenden Notizen eines Schriftstellers gegenüber.

Im Mittelpunkt der zwischen 1968 und 1978 in San Sebastián angesiedelten Handlung steht ein kleiner Junge, der aus bitterarmen ländlichen Verhältnissen stammt und von seiner Mutter zur Pflege in die Familie ihrer Schwester gegeben wird.

»Was willst denn du Scheißer aus Navarro hier?« Mit diesen, alles andere als freundlichen Worten wird er von seinem deutlich älteren Cousin Julen, der später seine wichtigste Bezugsperson wird, an einer Busstation empfangen. Der lange Fußmarsch im Nieselregen durch die fremde Stadt wird schon zur Tortur. Dem kleinen Neuankömmling fällt sofort die fast völlige Sprachlosigkeit in der Familie auf, zu der neben Cousin Julen, der blasse, zumeist schweigende Onkel Vicente, die autoritäre, aber herzliche Tante Maripuy und die leicht lasziv gezeichnete Cousine Mari Nieves gehören.

»Txiki«, wie der Junge bald von seinem Cousin genannt wird, fühlt sich fremd und eingeengt in der »neuen Familie«, wird immer wieder – meistens von Julen – auf seine Herkunft aus Navorro angesprochen und damit zum Basken »zweiter Klasse« abgestempelt. Für einen Jungen im Grundschulalter eine tonnenschwere Bürde.

Hin und wieder flieht er in seine Fantasiewelt, spielt mit Würfeln und kleinen Radrennfahrerfiguren und simuliert so die großen Profiradrennen der Welt. Dies sind aber nur sehr kurze Phasen des Glücks, ansonsten dominiert in »Txikis« Wahrnehmung ein Gefühl der Fremdheit und der Andersartigkeit. Er kommt nicht in den Schlaf, weil er sich ein Zimmer mit Julen teilen muss und sich vor dessen »Käsefüße« ebenso ekelt wie vor dem Qualm der letzten Abendzigarette. Oft schluchzt er in sich hinein und sucht Schutz unter der Bettdecke. »Wärst du ein Baske, würdest du nicht weinen. Hast du schon einmal Eisen weinen sehen?«, entgegnet ihm sein Cousin Julen barsch.

Julens überbordender Patriotismus scheint »Txiki« förmlich zu erschlagen. Das exaltierte baskische »Lebensgefühl« wird vom Pfarrer Don Victoriano zusätzlich angestachelt. Er zieht mit einer Gruppe Jugendlicher in die Berge vor der Stadt und zelebriert dort mit der »Ikurrina« (die baskische Flagge) kultisch anmutende Feiern – bevorzugt im »Euskera«, die baskische Sprache, die damals noch von rund 25 Prozent der Menschen im Baskenland gesprochen wurde.

Die Separationsbestrebungen und der baskische Nationalismus gewinnen eine gefährliche Eigendynamik – trotz der drohenden, alltäglichen Gegengewalt des Franco-Regimes. Und mittendrin befindet sich der kleine »Txiki«, von der eigenen Familie getrennt und von seinen Eltern »spanisch erzogen«.

Fernando Aramburu hat sich mit dieser geschickt gewählten Erzählperspektive sämtliche Türen offen gehalten. Der Blick des naiven, verständnislosen und überforderten Kindes öffnet für den Leser ungeahnte Tiefen und lässt uns auf höchst emotionale Weise teilhaben am langsamen (und durchaus tragischen) Zerfall einer Familie. Cousine Mari Nieves wird schwanger, für ihre streng gläubige Mutter Maripuy eine »Katastrophe«, Cousin Julen, der vor »Txiki« prahlte (»ich werde in die Geschichte eingehen als der Kämpfer, der Franco getötet hat.«) geht in den politischen Widerstand, und seine Spuren verlieren sich in Frankreich.

In den begleitenden, kommentierenden Notaten des Romans schrieb Aramburu, dass er »zuerst Literatur und dann, wenn möglich, die Wahrheit« anstrebe. Beides ist ihm gelungen – auf unprätenziöse, bedächtige und einfühlsame Weise. Langsame Jahre ist ein zarter Roman voller Menschlichkeit, der zwischen Fanatismus (Julen), Religion (Tante Maripuy), Lust (Cousine Marie Nieves) und Frust (Onkel Vicente) changiert. Ein Buch, das behutsam Brücken schlagen will und das aufgrund der politischen Entwicklungen in Katalonien immer noch höchst aktuell ist.

| PETER MOHR

Titelangaben
Fernando Aramburu: Langsame Jahre
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Reinbek: Rowohlt Verlag 2019
200 Seiten, 20 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Unbewohnbar

Nächster Artikel

Eine Ahnung von Dunkelheit, ein unstillbares Heimweh

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Bilanz des Scheiterns

Roman | Michael Stavarič: Das Phantom

»Ich habe tatsächlich auch immer so eine Art fiktiven Thomas Bernhard vor mir gehabt. Am ehesten noch den aus der ,Ursache', wo er über Salzburg und den Nationalsozialismus und so weiter schimpft«, hat der 51-jährige Schriftsteller Michael Stavarič über seinen neuen Roman Das Phantom und die Hauptfigur Thom erklärt. Von PETER MOHR

Raus aus dem Stedtl

Debüt | Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse Mit seinem witzigen Debüt Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse leistet der Schweizer Thomas Meyer nicht nur einen Beitrag zur Verständigung zwischen den Religionen. Er gibt vor allem ein kurioses Beispiel für die Anziehungskraft zwischen Männern und Frauen. Meyer erzählt hier die Geschichte eines jungen orthodoxen Juden, der sich trotz mütterlicher Überwachung auf der Suche nach seiner eigenen Identität macht. Und wie immer bewahrheitet sich die Weisheit: Der Weg ist das Ziel. Von HUBERT HOLZMANN

Ost-westlicher Divan

Roman | David Wagner: Verkin

Eine flauschig-weiße Katze mit zwei unterschiedlichen Augenfarben setzt den Anfangspunkt und den Hauptakzent in David Wagners neuem Roman. Als wäre sie das perfekte Accessoire für die Kosmopolitin und Grenzgängerin Verkin, einer charismatischen Armenierin mit vielen Gesichtern und einer schillernden Biographie, im Transit zwischen den Kulturen. Von INGEBORG JAISER

Zwei Entführungen und ein Todesfall

Roman | Ross Thomas: Der Mordida-Mann Auch der 18. Band der im Berliner Alexander Verlag seit 2005 neu erscheinenden Ross-Thomas-Ausgabe ist wieder ein kleines Wunderwerk. Das unter dem Titel Der Backschischmann bereits 1982 im Ullstein Verlag auf Deutsch erschienene und nun von Jochen Stremmel neu und erstmals vollständig übersetzte Buch führt seine Leser dorthin, wo der spät zum Schreiben gekommene ehemalige Politikberater, Journalist und Gewerkschaftssprecher Thomas sich am besten auskannte: in die Zirkel der Mächtigen dieser Welt, wo Korruption, Intrigen und Verrat zum Tagesgeschäft gehören. Als nach der Entführung eines Top-Terroristen im Gegenzug der Bruder des amerikanischen Präsidenten gekidnappt wird,

Jagd auf Goldfasane

Roman | Martin von Arndt: Rattenlinien Rattenlinien wurden jene Wege genannt, über die sich deutsche Kriegsverbrecher nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs via Italien nach Übersee abzusetzen versuchten. In Martin von Arndts gleichnamigem Roman heuert ein Spezialkommando der US-Armee den im amerikanischen Exil lebenden Ex-Kriminalkommissar Andreas Eckart an, sich an der Jagd nach flüchtenden Nazis zu beteiligen. Von DIETMAR JACOBSEN