Wer ist der Maulwurf im System?

Roman | John le Carré: Tinker, Taylor, Soldier, Spy

Mit Tinker, Taylor, Soldier, Spy legt der Ullstein Verlag fünf Jahre nach dem Tod des Autors die Neuübersetzung eines der wohl besten Bücher von John le Carré vor. Nachdem die deutsche Erstausgabe 1974 von Rolf und Hedda Soellner übersetzt wurde – der deutsche Titel lautete damals Dame, König, As, Spion –, nahm sich jetzt Peter Torberg dieser Aufgabe an. In der George-Smiley-Reihe le Carrés ist Tinker, Taylor, Soldier, Spy Band 5. Davor hatte es eine fast zehnjährige Pause gegeben, die le Carré mit zwei Romanen füllte, in denen sein Meisterspion nicht auftrat. Das mag daran gelegen haben, dass der Autor das Problem, dass Smiley zwischenzeitlich aus dem Dienst gedrängt worden war, erst einmal literarisch zu bewältigen hatte. Indem der Autor ihn als eine Art Berater wieder in den »Circus« einschleust – in den folgenden Bänden wird er hauptverantwortlich für den Umbau des MI 6 sein – macht er das auf die denkbar eleganteste Weise. Von DIETMAR JACOBSEN

Als Jim Prideaux zum ersten Mal als neuer Aushilfslehrer an der Privatschule Thursgood auftaucht, beeindruckt das von allen Schülern am meisten den jungen Bill Roach. Krumm wie sein Wohnwagen, den er gut getarnt in einer schwer einsehbaren Senke auf dem Schulgelände parkt, scheint der Mann mit dem schwer aussprechbaren Namen von einigen Geheimnissen umgeben zu sein. Für Roach jedenfalls ist Prideaux von Anfang an ein Gott. Für seine Lehrer-Kolleginnen und -kollegen eher ein Buch mit sieben Siegeln. Dabei hätte man nur George Smiley fragen müssen. Aber den kennt man natürlich nicht im ländlichen Devon und außerdem ist der Ex-Spion in staatlichem Auftrag gerade damit beschäftigt, sich erneut an der Jagd auf einen Maulwurf in der Chefetage des MI 6 zu beteiligen. Denn wenn jemand gebraucht wird, der sich im Labyrinth der Geheimdienste auskennt wie kein Zweiter, ist der einst enge Vertraute des verstorbenen Geheimdienstchefs »Control« nach wie vor eine Top-Option. Allein im sogenannten »Circus« sitzen inzwischen andere an den Hebeln der Macht. Und die haben weder mit Smiley noch mit Prideaux viel am Hut.

Allein George Smileys Hilfe scheint diesmal unabdingbar. Denn offensichtlich existiert er doch, jener Verräter in der Führungsetage des Auslandsgeheimdienstes, hinter dem schon »Control« her war und dessen Existenz die neuen Herren an der Spitze hartnäckig verleugnen. Und dass Jim Prideaux inzwischen nicht mehr als Agent, sondern als Sprachlehrer arbeitet, liegt nicht zuletzt daran, dass er im Auftrag »Controls« bei einer geheimen Operation der Briten auf tschechoslowakischem Staatsgebiet den Namen des Maulwurfs herausfinden sollte, aber dabei selbst verraten wurde und in eine Falle tappte. Angeschossen geriet er in die Gewalt des sowjetischen Geheimdienstes und konnte erst wieder freigekauft werden, nachdem man ihn gezwungen hatte, Hinweise auf mehrere bisher gut getarnte Spionageringe zu geben.

George Smiley comes back

Mit seinem Spion George Smiley hat der selbst einige Jahre im »Circus«, wie Insider die Zentrale des britischen Auslandsgeheimdienstes MI 6 an Londons Cambridge Circus nennen, beschäftigte John le Carré (1931-2020) eine literarische Figur erschaffen, mit der sich während des Kalten Krieges hervorragend abbilden ließ, welche Rolle Geheimdienste in den Auseinandersetzungen zwischen den beiden die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierenden weltanschaulichen Lagern spielten und warum sie letzten Endes erodierten und zu etwas Anachronistischem wurden. Smiley ist kein James Bond. Geradezu auffällig unauffällig kommt er daher – »Wenn man ihn so ansah, hätte man glauben können, dass er es nicht mal allein über die Straße schaffte«, lautet das Urteil einer Figur im vorliegenden Roman über ihn. Und doch verbirgt sich hinter seinem harmlosen Äußeren ein planerisches Genie, das zur Not auch den Tod Unschuldiger auf sich nimmt, wenn es der Sache dient. In neun Romanen le Carrés taucht er auf, mal im Mittelpunkt, mal eher am Rande. Und mit der Zeit hat sich um den Mann eine Art Mythos gebildet, den auch jene im Kopf haben, die Smiley in Tinker, Taylor, Soldier, Spy bitten, ihnen bei der Jagd auf den Maulwurf in der Gemeindienstzentrale zu helfen.

Dass da keine einfache Aufgabe auf ihn wartet, merkt le Carrés Held schnell. Denn in seiner Abwesenheit und nach »Controls« Tod hat sich eine vierköpfige Führungsclique mit dem neuen Chef des MI 6, Percy Alleline, an der Spitze gebildet und die Schotten dicht gemacht. Niemand kommt so recht an das Quartett und dessen zynischen Kopf heran. Noch dazu berufen sich die Herren auf Erfolge, deren Zustandekommen schwer nachprüfen kann, wer von ihrem Zirkel ausgeschlossen bleibt. Dass es sich bei einem der vier um den Maulwurf handeln muss, steht für Smiley deshalb schnell fest. Aber wer ist der Verräter?

Im Irrgarten der Geheimdienste

Der Romantitel bezieht sich im Übrigen auf einen alten englischen Abzählvers, der im Original mit »Tinker, Taylor, Soldier, Sailor« beginnt. In le Carrés Roman diente er »Control« dazu, mit einem Trick dafür zu sorgen, dass der Name des Verräters die Londoner Behörde auch dann erreichen würde, wenn die Mission des zu diesem Zweck in die Tschechoslowakei entsandten Jim Prideaux aus irgendeinem Grund scheitern sollte. Deshalb ordnete der inzwischen verstorbene Geheimdienstchef fünf möglichen Verrätern – unter denen sich übrigens auch »Controls« Vertrauter Smiley befand – je einen Bestandteil des Reims als Tarnnamen zu. Sollte die Operation unter dem Decknamen »Testify« aus irgendeinem Grunde scheitern, war es Prideaux‘ Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der richtige Tarnname dennoch die Londoner Zentrale erreichte – ein Plan, der in dem Moment nicht mehr aufgehen konnte, da es zu dem Treffen zwischen Prideaux und seinem tschechoslowakischen Informanten, einem hochrangigen Armeeangehörigen, gar nicht erst kam.

Mit Tinker, Taylor, Soldier, Spy kommt auf Leserinnen und Leser alles andere als eine einfache Lektüre zu. Um nicht die Übersicht über die auf mehreren Zeitebenen spielenden Geschehnisse zu verlieren, sollte man deshalb keine allzu langen Lesepausen einlegen – sonst sind Stirnrunzeln und anschließendes Zurückblättern die unausweichlichen Folgen. Auch für Freunde der harten Action dürfte die Lektüre dieses Romans eher enttäuschend verlaufen. Denn Smiley ist, um dem Verräter auf die Spur zu kommen, hauptsächlich mit Aktenstudium und Sich-Erinnern beschäftigt.

Ein Klassiker, der nicht verstaubt

Dass es sich bei le Carrés Roman, dessen Original aus dem Jahr 1974 stammt, dennoch um einen großen Wurf handelt, merkt freilich sofort, wer sich nicht nur für das Was, sondern auch für das Wie interessiert. Und da wird schnell klar, dass Tinker, Taylor, Soldier, Spy auf einer sprachlichen Höhe erzählt wird – und die Neufassung  von Peter Torberg lässt das noch deutlicher werden als die deutsche Erstausgabe –, an die nur wenige Autoren der Zeit – zumal was den Sektor der Spannungsliteratur betrifft – heranreichen. Bereits das erste Kapitel, in dem es darum geht, wie der Ex-Spion Jim Prideaux an seinem neuen Wirkungsort, der Thursgood-Internatsschule, ankommt und sich mit den dort herrschenden Gebräuchen zu arrangieren beginnt, ist so voller offener und versteckter Hinweise auf Prideaux‘ bisheriges Leben – ohne dass es auch nur einen einzigen direkten Hinweis geben würde –, dass »literarische Brillanz« als Kennzeichnung von le Carrés Umgang mit der Sprache fast noch zu kurz greifen dürfte.

Dass Tinker, Taylor, Soldier, Spy  ganze 42 Jahre nach seiner Erstpublikation und sechs Jahre nach dem Tod des Autors so gar nichts Angestaubtes zu haben scheint, Leserinnen und Leser sofort in seinen Bann zieht und Filmschaffende bereits zweimal zu einer Umsetzung für Bildschirm und Leinwand  – 1979 als BBC-Serie mit Alec Guinness und 2011 als Kinofilm mit Gary Oldman als George Smiley – inspirierte, dürfte den Klassikerstatus, den es inzwischen besitzt, nur noch untermauern. Fein ziselierte Dialoge, die immer mehr enthalten als einen bloßen Informationsaustausch, und nie ins Banale abrutschende Alltagsbeschreibungen tun ein Übriges. Also nicht aufs Ersterscheinungsdatum schauen und den Kopf schütteln, sondern einfach lesen und genießen!

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
John le Carré: Tinker, Taylor, Soldier, Spy
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Berlin: Ullstein Verlag 2024
448 Seiten. 26,99 Euro
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