Angst vor den Träumen

Menschen | Zum 80. Geburtstag erschien Charles Lewinskys Roman ›Eine andere Geschichte‹

Als Kind konnte sich Charles Lewinsky nicht vorstellen, dass sich das Schreiben zum Beruf machen ließe: »Ich fand immer, Schreiben ist etwas, das grossen Spass macht. Und etwas, das Spass macht, kann ja kein Beruf sein«, sagte der Autor einst in der SRF-TV-Sendung ›Musik für einen Gast‹. Lewinsky ist ein literarischer Spätentwickler. Mit sechzig Jahren gelang ihm mit dem Roman ›Melnitz‹, der vom Schicksal einer jüdischen Familie in der Schweiz über mehrere Generationen von 1871 bis 1946 erzählt, der literarische Durchbruch. Vor zwei Jahren hat sich Lewinsky, der am 14. April 1946 in Zürich geboren wurde, in seinem Roman ›Täuschend echt‹ mit Künstlicher Intelligenz (KI) und deren Auswirkung auf unseren Alltag auseinandergesetzt. Von PETER MOHR.

Ein gepackter Reisekoffer mit einem Sommerhut darauf.In seinem neuen Roman widmet er sich dem bewegten Leben des jüdischen Filmproduzenten Curtis Melnitz, einer realen Figur. Charles Lewinsky hat jedoch keine faktentreue Biografie im Sinn gehabt. Es sind auch nur wenige Eckpunkte aus Melnitz‘ Vita bekannt. Er flüchtete in den 1930er Jahren vor den Nazis aus Deutschland in die USA.

»Ich habe nie einen Plan. Aber es ist das einzige Buch, bei dem ich auf die Frage, wie ich darauf gekommen bin, eine klare Antwort geben kann. Die Hauptfigur beschäftigt mich seit 70 Jahren und beruht auf einer Person, von der mir meine Grossmutter erzählt hat«, hatte Lewinsky im Vorfeld der Veröffentlichung erklärt. Den Hintergrund eines entfernten Verwandtschaftsverhältnisses stellt Lewinsky in einer kurzen Erläuterung seinem Roman voran.

Wir begegnen der Hauptfigur im Jahr 1959 in Los Angeles. Curtis Melnitz ist achtzig und quält sich mit handfesten psychischen Problemen durch den Alltag. Er ist süchtig nach Schlaftabletten, die ihm sein Psychiater Cowan allerdings nur nach psychoanalytischen Therapiesitzungen, die er zweimal wöchentlich besucht, zukommen lässt. »Es ist eine Scheissmethode, Ihre Gesprächstherapie. Eine ganze Packung Schlafmittel auf einmal schlucken, das wäre das Vernünftigste«, meint Melnitz, der jedoch peu à peu Gefallen an der Gesprächstherapie findet.
»Ich schlafe schlecht. Meistens gar nicht. Möchte schlafen und habe Angst davor. Wegen der Träume. Ich leide unter meinen Träumen«, konstatiert Melnitz. Er berichtet (jenseits von Raum und Zeit) assoziativ aus seinem Leben, von seinen Erfahrungen aus dem Filmbusiness und seinen traumatischen Erinnerungen an die 1930er Jahre und den aufkommenden Nationalsozialismus. »Eine alltägliche Geschichte mit tragischen Einsprengseln«, befindet der Protagonist über sein Leben.

Charles Lewinsky führt uns durch eine Art biografisches Laboratorium und gibt seiner Hauptfigur eine deftig-derbe Sprache mit auf den Weg. Mit zynischem Unterton wird Verstörendes berichtet. So richtig warm wird man als Leser nicht mit der Hauptfigur. Der Greis taugt als paradigmatischer Antiheld und gefällt sich in seinem Endlos-Redeschwall – einer Melange aus Selbstmitleid und bitterbösem Zynismus. Er befindet, dass es gut sei, dass Babys nicht wüssten, was auf sie zukommt: »Sonst würden sich alle Babys an ihren Windeln aufhängen. Nicht aus Verzweiflung. Aus Angst vor der Langeweile.«

Lewinskys Roman changiert zwischen biografischer Rekonstruktion und (durchaus informativem) Ausflug in die Filmgeschichte. Nichts für Feingeister und zartbesaitete Gemüter.

| PETER MOHR

Titelangaben
Charles Lewinsky: Eine andere Geschichte
Zürich: Diogenes Verlag 2026
350 Seiten, 26 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wer ist der Maulwurf im System?

Nächster Artikel

Wenn Exklusivität bröckelt

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

» … Tagarbeiter, kein Nachtarbeiter«

Comic | Interview mit Flix Der Berliner Comic-Künstler Flix konnte den frankobelgischen Serienklassiker ›Spirou‹ mit einem Spezialband bereichern. CHRISTIAN NEUBERT hat mit Flix über diese Sensation und seine Arbeit als Comic-Zeichner gesprochen. Der Band selbst, ›Spirou in Berlin‹, erscheint am 31.7. bei Carlsen.

Begeistert von Macbeth

Menschen | Zum Tod des Booker-Preisträgers Ismail Kadare

»Ein Schriftsteller ist kein Zauberer. Er kann das Fehlverhalten eines Landes, das auf den Abgrund zusteuert, nicht wegzaubern. Er trägt allerdings Verantwortung für sein Werk, auch wenn dieses unter widrigen Verhältnissen entsteht. Ich habe nicht erst über den Kommunismus geschrieben, als man es tun konnte«, hatte der albanische Schriftsteller Ismail Kadare erklärt, der über Jahrzehnte hinweg vor allem als politischer Chronist seines Heimatlandes wahrgenommen wurde und oft als Nobelpreiskandidat gehandelt wurde. Von PETER MOHR

Muss noch fliegen lernen

Menschen | Zum 80. Geburtstag des provozierenden Multitalents Herbert Achternbusch »Mein Vater war sehr leger und trank gern, er war ein Spaßvogel. Kaum auf der Welt, suchten mich Schulen, Krankenhäuser und alles Mögliche heim. Ich leistete meine Zeit ab und bestand auf meiner Freizeit. Ich schrieb Bücher, bis mich das Sitzen schmerzte. Dann machte ich Filme, weil ich mich bewegen wollte. Die Kinder, die ich habe, fangen wieder von vorne an. Grüß Gott!« Mit diesen typischen, schelmisch-provokanten Sätzen hat Herbert Achternbusch vor einigen Jahren sein eigenes Leben beschrieben. Zugespitzt, drastisch, gegen den Strom – so wie sein gesamtes künstlerisches Werk.

Irrungen und Wirrungen

Menschen | Hermann Kant zum 90. Geburtstag Der Schriftsteller Hermann Kant feiert heute, am 14. Juni, seinen 90. Geburtstag. PETER MOHR gratuliert.

Vielseitig begabter Versöhner

Menschen | Zum 90. Geburtstag des Schriftstellers Ludwig Harig am 18. Juli* »Sie haben dazu beigetragen, das Bild des Saarlandes nach innen und außen zu prägen. Gerne erinnern wir uns daran, dass wir uns der guten saarländischen Art zu leben und zu denken besonders durch Sie bewusst geworden sind“, hieß es vor fünf Jahren in einem Geburtstagsbrief des saarländischen Kulturministers Kulturminister Ulrich Commerçon an Ludwig Harig. Von PETER MOHR