/

Korn zwischen den Mühlsteinen

Menschen | Zum 100. Geburtstag von Alexander Solschenizyn

Vor 100 Jahren am (11. Dezember) wurde Literatur-Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn geboren. Ein Porträt von PETER MOHR

»Bedrückten Herzens habe ich das fertige Buch jahrelang zurückgehalten: Die Pflicht gegenüber den noch Lebenden überwog die Pflicht gegenüber den Verstorbenen. Doch nun, da das Manuskript in die Hände des Staatssicherheitsdienstes gefallen ist, bleibt mir keine andere Wahl, als es unverzüglich zu veröffentlichen«, notierte Alexander Solschenizyn 1973 über sein später weltberühmt gewordenes Buch ›Der Archipel Gulag.‹ Der Autor wurde im Februar 1974 verhaftet und in den Westen abgeschoben, wo er dann einige Zeit bei Heinrich Böll lebte.

Dabei war der 1700-seitige Dokumentarroman ›Der Archipel Gulag‹ über die Gräueltaten in den sibirischen Straflagern eigentlich nur eine konsequente Fortsetzung der bereits 1962 erschienenen Erzählung ›Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch‹, mit der Solschenizyn die russische Öffentlichkeit aufrüttelte. Die Leidensgeschichte des Zwangsarbeiters Iwan machte jedoch auch die sowjetischen Zensurbehörden auf den damals noch unbekannten Autor aufmerksam. 1964 scheiterte die geplante Verleihung des Lenin-Preises an Solschenizyn durch ein Veto aus höchsten KP-Kreisen, zwei Jahre später wurde er mit einem Publikationsverbot belegt und 1969 gar aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Seine Romane ›Der erste Kreis der Hölle‹ und ›Krebsstation‹ konnten nur im Westen erscheinen.

Zur Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1970 durfte er nicht ausreisen. Den Tag der Nobelpreisfeier nutzte Solschenizyn in seiner Heimat, um der Bürgerrechtsbewegung des Physikers Andrej Sacharow beizutreten. Mit dieser symbolischen antisowjetischen Geste war das Tuch zwischen Staat und Autor endgültig zerschnitten. Ein Zustand, der bis 1990 anhielt, ehe er durch Gorbatschows Dekret die Bürgerrechte wieder zuerkannt bekam. Erst zwanzig Jahre nach seiner Ausbürgerung betrat der Nobelpreisträger im Frühjahr 1994 wieder russischen Boden.

Alexander Solschenizyn wurde am 11. Dezember 1918 in Kislowodsk im Nordkaukasus als Sohn eines Offiziers geboren. Nach dem Studium (Physik, Mathematik, Philosophie und Literatur) nahm er als Hauptmann am Zweiten Weltkrieg teil und wurde im Februar 1945 in Ostpreußen wegen antistalinistischer Äußerungen verhaftet und zu acht Jahren Straflager verurteilt. In dieser Zeit reifte sein Plan, Schriftsteller zu werden und seine selbst gestellte Lebensaufgabe: die Demaskierung des Kommunismus.

Im Februar 1953 wurde er aus der Lagerhaft entlassen – allerdings zusätzlich mit einer lebenslangen Verbannung bestraft. Als Verbannungsort wurde ihm ein kleiner Ort in der Steppe Kasachstans zugewiesen, wo er sich als Dorfschullehrer durchschlug. In dieser Zeit musste er sich einer Krebsoperation in einem Taschkenter Krankenhaus unterziehen, die er zusammen mit der anschließenden Behandlung später im Roman ›Krebsstation‹ verarbeitete.

Dass Solschenizyn auch nach seiner Zwangsübersiedlung im Westen keineswegs mit offenen Armen aufgenommen wurde, lag an seinem ideologischen Querdenkertum. Die Demokratien nach westlichem Vorbild lehnte er ebenso konsequent ab wie den östlichen Totalitarismus. Eine »Demokratie von unten« schwebte ihm vor. Nachdem er sich (nach einer kurzen Zwischenstation in Zürich) 1976 auf einer Farm im US-Bundesstaat Vermont niedergelassen hatte, notierte er: »Lager und Krebskrankheit habe ich zuversichtlich überlebt, hier aber, wo es an nichts fehlt, bin ich bestürzt darüber, dass auch nichts mehr Geltung hat und jeder die Dinge so auslegen kann, wie er will.«

In seiner Vermonter Zeit entstanden der opulente Romanzyklus ›Das rote Rad‹ und der 1998 zuerst in Frankreich erschienene autobiografische Band ›Le grain tombé entre les meules‹ (dt.: ›Das Korn zwischen den Mühlsteinen‹). Diese Exilskizzen (so der Untertitel) unterstreichen, dass sich Solschenizyns (politischer) Platz irgendwo zwischen allen Stühlen befand. Darin geißelte er die »Schwäche der westlichen Demokratie«, prognostizierte den »Zerfall des Abendlands« und strafte den ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger mit Verachtung.
In seinem 2002 erschienenen Band ›Zweihundert Jahre gemeinsam‹ unternahm der Nobelpreisträger den Versuch, eine russisch-jüdische Geschichte zu verfassen. Heraus gekommen ist jedoch kaum mehr als eine opulente Sammlung von tradierten Klischees.

In seinen letzten Lebensjahren näherte sich der Nobelpreisträger stark an Wladimir Putin an, verteufelte Gorbatschow und alle westlichen Einflüsse und intonierte ein Loblied auf die orthodoxe Kirche.

| PETER MOHR
| FOTO: Onbekend / Anefo

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf

Nächster Artikel

Chronist des alltäglichen Wahnsinns

Neu in »Menschen«

Grandioser Fiesling vom Dienst

Menschen | Zum 80. Geburtstag von Oscar-Preisträger Jack Nicholson am 22. April 2017 »Mit meiner Sonnenbrille«, sagte der Hollywood-Star vor zehn Jahren, »bin ich Jack Nicholson. Ohne sie bin ich fett und siebzig.« Die Rolle des psychopathischen ehemaligen Korea-Kämpfers Randle Patrick McMurphy in ›Einer flog über das Kuckucksnest‹ (1975) hatte ihn weltberühmt gemacht, obwohl er schon vorher in bekannten Streifen wie ›Easy Rider‹ (1969) und Roman Polanskis ›Chinatown‹ (1974) glänzte. Von PETER MOHR PDF erstellen

Von »Sissi« nach Äthiopien

Menschen | Zum Tod von Karlheinz Böhm »Das Ende meiner Schauspielerei bedeutete für mich auf keinen Fall einen Bruch in meinem Leben – im Gegenteil. Ich glaube, erst 1981 mit der Gründung der Stiftung ,Menschen für Menschen‘ das erste Mal begriffen zu haben, was ich wirklich wollte. Ich erkannte den Sinn darin, für andere zu leben«, erklärte der Schauspieler Karlheinz Böhm in einem Interview kurz vor seinem 80. Geburtstag. Zum Tod des Schauspielers Karlheinz Böhm. Von PETER MOHR PDF erstellen

Kino der Poesie

Menschen | Film | Abbas Kiarostami Ich erinnere mich noch genau daran, als uns das Kino von Abbas Kiarostami zum ersten Mal vor Augen kam. Es war Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre, als Ayatollah Chomeini, die Fatwa gegen Salman Rushdie und sein Buch ›Die satanischen Verse‹ aussprach und weltweit jeder bedroht wurde, der Rushdie lobte, verteidigte oder ihm Unterschlupf gewährte. Es schien, als sei das europäische Mittelalter mit Bannbulle und dem von jedermann tötbaren »Vogelfreien« in die globale Moderne eingebrochen. Von WOLFRAM SCHÜTTE PDF erstellen

Politisch nicht opportun

Menschen | Wolfgang Held: Ich erinnere mich Bevor man Wirklichkeit erkennt, muss man den Informationsmüll beiseite räumen, den Mainstream täglich auswirft, und es ist nicht bloß Müll, es ist Manipulation, es ist Täuschung, wer findet sich da zurecht, oh weh, Ende Gelände. Wir arbeiten die Dinge auf, so nennen wir das, wir bahnen uns einen Weg durch dichtesten Nebel, überall herrscht »schlohweißer Tag« (Tamara Danz). Von WOLF SENFF PDF erstellen

Eine Welt voller Träume

Bühne | Show: Simply the Best »Simply the Best« verspricht eine Zeitreise durch fünf Jahrzehnte Musikgeschichte einer Rock-Ikone. Genau zehn Jahre ist es her, dass dieses Energiebündel zuletzt auf Tournee ging. Seit ihrem Rücktritt aus dem Musikgeschäft lebt sie in der Schweiz, im November wird sie 80 Jahre alt. Doch … Wie ist Anna Mae Bullock zu der Person geworden, die heute fast jeder als Tina Turner kennt? ANNA NOAH war in der erfolgreichen Dokumentation einer Ausnahmekünstlerin. PDF erstellen