/

Singulärer Sound

Menschen | Zum Tod des spanischen Bestseller-Autors Carlos Ruiz Zafón

Der katalanische Autor Carlos Ruiz Zafón war eine Art Popstar unter den Schriftstellern. Jede Buch-Neuvorstellung hatte Event-Charakter. Sein 2003 in deutscher Übersetzung erschienener Roman ›Der Schatten des Windes‹ wurde ein Weltbestseller, in mehr als 30 Sprachen übersetzt und mehr als 15 Millionen Mal verkauft. Von PETER MOHR

Es folgte 2008 die Fortsetzung ›Das Spiel des Engels‹ – eine bunte Mischung aus Abenteuerroman, Krimi, historischer Milieustudie von Barcelona und reichlich Anleihen aus der Literaturgeschichte.

Carlos Ruiz Zafón

Und zum Ende des dritten historischen Barcelona-Romans ›Der Gefangene des Himmels‹ (2012) hatte Ruiz Zafón schon neugierig gemacht auf den vierten Band. Da begab sich Protagonist Daniel Sempere mit Frau und Sohn zum Grab seiner Mutter, wo ein Gipsengel zerbrach und einen Zettel zum Vorschein brachte, auf dem der Aufenthaltsort des ehemaligen Franco-Ministers und brutalen Gefängnisdirektors Maurice Valls vermerkt war. »Er weiß, dass die Geschichte, seine Geschichte, noch nicht zu Ende ist. Sie hat gerade erst angefangen«, hatte Daniel Sempere am Ende des Vorgängerromans verkündet und damit die Fortsetzung eingeläutet.
Das Geheimnis um den ehemaligen Franco-Minister Valls wird, wie nicht anders zu erwarten, nach manchmal arg langatmigen über 900 Seiten am Ende des vierten Bandes ›Das Labyrinth der Lichter‹ (dt. 2017, alle bei S. Fischer erschienen) auch gelüftet.

Carlos Ruiz Zafón, der am 25. September 1964 in Barcelona geboren wurde, war viele Jahre als Werbetexter tätig, ehe er 1994 nach Los Angeles übersiedelte und sich ganz auf das Schreiben konzentrierte – als Drehbuchautor, Romancier und Korrespondent für die spanischen Zeitungen ›El Pais‹ und ›La Vanguardia‹.

Seine farbenfrohen, von verschlungenen Exkursen geprägten Romane sind nicht nur durchweg Bestseller geworden, sondern fungieren inzwischen auch als touristischer Magnet in Barcelona. Stadtführungen auf den Spuren seiner Romane gehören seit Jahren zum Angebot in der katalanischen Metropole. Wie ein roter Faden zog sich eine Art Hassliebe zu seiner Geburtsstadt Barcelona durch das umfangreiche Werk.

»Immer wirft man mir vor, ich wiederhole mich. Das ist eine Krankheit, die alle Romanciers befällt«, hatte Carlos Ruiz Zafón bei der Vorstellung seines letzten Romans ›Das Labyrinth der Lichter‹ mit einer gehörigen Portion Koketterie erklärt. Er hatte einen singulären (dazu noch überaus erfolgreichen) Sound gefunden, und dann war die Versuchung groß, sich dieses Erfolgsrezepts immer wieder zu bedienen.

In Spanien wurde behauptet, dass sein Roman ›Der Schatten des Windes‹ der größte spanische Bucherfolg seit ›Don Quijote‹ von 1605 sei. »Marina sagte einmal zu mir, wir erinnerten uns nur an das, was nie geschehen sei«, lautet der leicht geheimnisvoll anmutende, erste Satz im Roman ›Marina‹ (2011).

Rätsel hat Carlos Ruiz Zafón seinen Leser stets in Hülle und Fülle mit auf den dornenreichen Lektüreweg durch seine Erzähllabyrinthe gegeben. Das Auslegen von falschen Fährten hat er meisterlich beherrscht. Nun ist der große spanische Erzähler Carlos Ruiz Zafón (wie sein Verlag am Freitag mitteilte) im Alter von nur 55 Jahren nach einem langen Krebsleiden in seiner Wahlheimat Los Angeles gestorben.

| PETER MOHR
| TITELFOTO: Manuel Seco, Carlosruizzafon, Farbanpassung: TITEL, CC BY-SA 3.0

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Das Gesicht eines Rächers

Nächster Artikel

Aufrüstung

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Der süße Dylan

Menschen | Nachruf auf den Schauspieler Luke Perry Der Schauspieler Luke Perry verstarb am 4. März unerwartet an einem Schlaganfall. Für viele Teenies war er in den 90ern das Idol schlechthin. MONA KAMPE blickt 19 Jahre zurück. Ein ungewöhnliches Briefporträt

Der Dichter der Shoah

Sachbuch | Lyrik | Bertrand Badiou: Paul Celan

Er gelangte mit seiner Sprache an die Grenze des Sagbaren. Seine ›Todesfuge‹, im Jahr 1947 erstmals veröffentlicht, wurde zu einem der berühmtesten deutschen Gedichte nach 1945 - auch durch die Verszeile »… der Tod ist ein Meister aus Deutschland«. Es wird gelesen, wiedergelesen und Interpretiert als eines der eindrücklichsten Versuche, das Grauen der Shoa mit lyrischen Mitteln zu fassen. Von DIETER KALTWASSER

Dinge, die man am am Strand findet

Musik | Interview mit Dominik Eulberg Dominik Eulberg macht elektronische Musik, die von Herz und Seele förmlich überläuft. Die neue EP ›Spülsaum‹ – jetzt von allen guten Plattenläden und Download-Seiten (und Amazon, HMV, iTunes usw.) erhältlich – besteht aus drei wunderschönen elektronische Tracks, die Dominiks Talent als Produzent eindrucksvoll unter Beweis stellen. Von JOHN BITTLES und IRENE FUCHS

Mehr Moralist als Ästhet

Menschen | Zum Tod des Dramatikers Rolf Hochhuth

Rolf Hochhuth, der am 1. April 1931 im nordhessischen Eschwege als Sohn eines Schuhfabrikanten geboren wurde, sorgte mit seinen Theaterstücken häufig für skandalträchtige Schlagzeilen, die weit über den Kulturbetrieb hinausragten. Der gelernte Buchhändler, der als Lektor in den 1950er Jahren seine Affinität zur Literatur entdeckte, interpretierte seine Dramatiker-Rolle höchst unkonventionell: Hochhuth war stets mehr radikaler Aufklärer als formaler Ästhet. Von PETER MOHR

Istanbuls Schicksal ist mein Schicksal

Menschen | Zum 70. Geburtstag des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk

»Es geht in diesem Prozess gar nicht um meinen Roman, sondern um Ideologie«, hatte Nobelpreisträger Orhan Pamuk Ende des letzten Jahres in einem Interview erklärt. Mehrmals hatte ihn die Staatsanwaltschaft zum Verhör einbestellt, nachdem die große türkische Tageszeitung ›Hürriyet‹ eine regelrechte Hetzjagd gegen den Schriftsteller inszeniert hatte. »Was bezweckt Orhan Pamuk damit, dass er Atatürk verhöhnt? Will er einen Aufruhr anzetteln? Will er dem Ausland eine Botschaft senden?«, lauteten die rein rhetorischen Fragen des Chefredakteurs Ahmet Hakan nach Erscheinen von Pamuks letztem Roman »Die Nächte der Pest«, der sich mehr schlecht als recht zwischen dichterischer Fiktion und politischer Allegorie hin- und herquälte. Von PETER MOHR