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Gedichte von der Kanzel

Menschen | Zum Tode des Schriftstellers Kurt Marti

»Bei mir war das Schreiben eine Art Ausbruch aus der präformierten Sprache der Kirche und der Theologie«, bekannte der Schweizer Kurt Marti in einem Interview. Wie vor über 100 Jahren sein berühmter Landsmann Albert Bitzius, der unter dem Namen Jeremias Gotthelf in die Literaturgeschichte eingegangen ist, hat auch Marti über viele Jahrzehnte hinweg zwei Professionen ausgeübt: Pfarrer und Dichter. PETER MOHR zum Tode des Schriftstellers Kurt Marti.

Bei Marti, der 2002 mit dem Karl-Barth-Preis ausgezeichnet wurde, ist der eine Beruf ohne den anderen nicht denkbar gewesen. Als kritischer und absolut undogmatischer evangelischer Pfarrer (»Für mich ist Gott kein Monopolist«) in der Berner Nydegg-Gemeinde predigte er nicht nur die christliche Lehre von der Kanzel, sondern auch Zivilcourage und Anleitungen zur praktizierten Nächstenliebe. 1972 brachte ihn die unangepasste Querdenkerei in seinem Tagebuch ›Zum Beispiel Bern‹ vors Gericht, und als er im gleichen Jahr einen Wehrdienstverweigerer öffentlich verteidigte, wurde er in der Schweiz nicht nur als »Dreiviertelkommunist« beschimpft, sondern er musste auch auf einen in Aussicht gestellten theologischen Lehrstuhl verzichten.

1959 hatte Marti mit seinem zweiten Lyrikband (bis zuletzt sein bevorzugtes Genre) ›Republikanische Gedichte‹ für Aufsehen gesorgt, in dem er nachhaltig die Abkehr der Literatur vom Elfenbeinturm forderte: »Christliche Dichtung nicht im Museum, sondern an den Autostraßen.«

Mundartpoesie, Erzählungen, in denen der »kleine Mann« im Vordergrund steht, Liebes- und politische Lyrik und vor allem biblische, in die Gegenwart »verpflanzte« Sujets (zuletzt in ›Im Sternzeichen des Esels‹, 1995) umfasst das Spektrum der Martischen Arbeiten.

2001 legte der Verlag Nagel und Kimche noch einmal die ›Leichenreden‹ aus dem Jahr 1969 neu auf. Durchaus repräsentativ für Martis Verbindung von Kunst und »aufklärerischer Nächstenliebe« heißt es darin: »als sie mit zwanzig/ ein Kind erwartete/ wurde ihr Heirat/ befohlen./ als sie geheiratet hatte/ wurde ihr Verzicht/ auf alle Studienpläne/ befohlen./ als sie mit dreißig/ noch Unternehmungslust zeigte/ wurde ihr dienst im Hause/ befohlen./ als sie mit vierzig/ noch einmal zu leben versuchte/ wurde ihr Anstand und Tugend/ empfohlen./ Als sie mit fünfzig/ verbraucht und enttäuscht war/ zog ihr Mann/ zu einer jüngeren Frau./ Liebe Gemeinde/ wir befehlen zuviel/ wir gehorchen zuviel/ wir leben zu wenig.« Peter Bichsel befand zur Neuauflage der Leichenreden: »Ich staune beim Wiederlesen, wie überraschend neu sie geblieben sind.«

Marti gehörte als überaus engagierter Zeitgenosse auch zu den Gründern der entwicklungspolitischen Organisation ›Erklärung von Bern‹ und hat mit seinen 252 philosophisch-literarischen Kolumnen aus über vierzig Jahren in der Zeitschrift ›Reformatio‹ das Zeitgeschehen pointiert kommentiert. Diese sind 2010 im Sammelband ›Notizen und Details‹ erschienen. Dafür erhielt der Pfarrer-Poet auch den Literaturpreis des Kantons Bern.

Kurt Marti, der Georg Trakl und Arno Schmidt als seine bevorzugten Autoren bezeichnete, stand als unangepasster intellektueller Querdenker in der Tradition seiner ungleich populäreren Zeitgenossen Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Am Samstag ist Marti in Bern im Alter von 96 Jahren gestorben.

| PETER MOHR

Lesetipp
Kurt Marti: Der Traum, geboren zu sein
Zürich: Nagel + Kimche Verlag 2003
240 Seiten, 23,50 Euro

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