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Patriotisches Würgen

Menschen | Peter Bichsel zum 80. Geburtstag

Der Kolumnenband Über das Wetter reden ist rechtzeitig zum 80. Geburtstag des Schriftstellers Peter Bichsel am 24. März* erschienen. PETER MOHR gratuliert.

BichselEs gibt nicht wenige Literaturexperten, die behaupten, dass sich hinter Peter Bichels Kolumnen ein opulenter Roman verbergen würde und diese kleinen Prosaminiaturen sein eigentliches Hauptwerk seien. So dürfen wir uns nun auf einen neuen Band freuen, der uns mit bissiger Zeitkritik, Banalitäten des Alltags, aber auch mit tiefgründigen philosophisch untermalten Gedankenspielen konfrontiert. Und doch lesen wir dieses Büchlein mit einer Träne im Augenwinkel, denn dem letzten Satz des Bandes haftet der Atem der Endgültigkeit, der Unumkehrbarkeit an: »Jetzt verabschiede ich mich und versuche, geradeaus zu gehen.«

Peter Bichsel, der heute* vor 80 Jahren in Luzern als Sohn eines Handwerkers geboren wurde, ist ein Sonderfall in der deutschsprachigen Literatur. Er schreibt nur wenige literarische Texte (im Vergleich zu anderen Schriftstellern seines Ranges), hat aber dennoch Werke von bleibendem Wert veröffentlicht, erhielt zahlreiche renommierte Literaturpreise, die Ehrendoktorwürde der Universität Basel und wurde zu Gastdozenturen im In- und Ausland eingeladen.

Bichsels besonderer Stellenwert wurde auch dadurch deutlich, dass zu einem 75. Geburtstag unter dem Titel »Zimmer 202« ein Filmportrait von Eric Bergkraut in die Schweizer Kinos gekommen war. Der Regisseur hatte Bichsel nach Paris verfrachtet und war mit ihm auf eine Art Zeitreise gegangen. »Ich bin immer noch Sozialist mit marxistischem Hintergrund«, bekannte der Autor trotzig vor laufender Kamera. Sein ambivalentes Verhältnis zur Schweiz drückt sich auch darin aus, dass ihn (nach eigenem Bekunden) ein »patriotisches Würgen« befällt, wenn er Schweizer Sportler auf dem Siegertreppchen sieht.

»Meine Kolumnen mögen nach Beobachtungen aussehen. Aber das stimmt nicht. Bei mir geht es immer um den ersten Satz, den ich finden muss. Das ist zwar ein unendlich qualvolles Geschäft, aber mit Beobachten hat es nichts zu tun«, klärt Peter Bichsel über sein »Tagesgeschäft« auf. Mehr als 40 Jahre betätigte er sich für diverse Schweizer Printmedien als Kolumnist – mal spottend, mal feinfühlig, dann wieder bissig oder romantisch. Damit soll nun endgültig Schluss sein.

Als Bichsel 1964 mit seinem 21 schmale Texte umfassenden Geschichtband Eigentlich wollte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“ debütierte, gehörte Marcel Reich-Ranicki zu den lautstärksten Bewunderern dieser radikal verknappten Prosa, für die er mit dem angesehenen Preis der Gruppe 47 ausgezeichnet wurde. Seine stilistischen Eigenheiten hat sich Bichsel bis heute bewahrt. Das ausschweifende Erzählen war nie seine Sache, und so hat er in der Kolumne, die bei ihm zur Mischform aus Journalismus und Literatur wird, seine Heimat entdeckt.

Poetische Zustandsbeschreibungen über das Leben ganz gewöhnlicher Figuren und der Unerfüllbarkeit ihrer latenten Sehnsüchte stehen in seinen literarischen Arbeiten immer im Vordergrund. »Das Erzählen, nicht sein Inhalt, ist das Ziel der Literatur«, gab der einstige Volksschullehrer in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen Anfang der 80er Jahre Auskunft über sein dichterisches Credo.

Oft – und nicht zu Unrecht – wurde er mit seinen Landsleuten Johan Peter Hebel und Robert Walser verglichen, den Meistern der Prosaminiaturen. In seinen Kindergeschichten (1969), in denen auch der wohl bekannteste Bichsel-Text »Ein Tisch ist ein Tisch« enthalten ist, und im Band Der Busant (1985) kam er ihnen am nächsten.

Peter Bichsel, der seit geraumer Zeit in Bellach bei Solothurn lebt, ist einer der letzten, leicht skurrilen Individualisten der deutschsprachigen Literatur: »Die Geschichten dieser Welt sind geschrieben und müssen trotzdem immer wieder geschrieben werden, nicht weil wir neue Geschichten brauchen. Sie müssen geschrieben werden, damit die Tradition des Erzählens, des Geschichtenschreibens nicht ausstirbt.« Wie wahr!

| PETER MOHR

Titelangaben
Peter Bichsel: Über das Wetter reden. Kolumnen 2012-2015
Berlin: Suhrkamp Verlag 2015
156 Seiten. 19,95 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

Termine
Lesungen aus dem Band Über das Wetter reden
21.4. Berlin
22.4. Hamburg
23.4. Frankfurt
24.4. Darmstadt

 

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