/

Wider die Ahnungslosigkeit

Menschen | Ulrike Scheffer / Sabine Würich: Operation Heimkehr

120.000 »Entsendungen« von deutschen Soldaten – Frauen und Männern – allein nach Afghanistan gab es von 2002 bis heute. Die Zahl der realen Personen ist kleiner: Viele waren mehrmals dort im Einsatz. Afghanistan war der erste der vielen Auslandseinsätze seit 1990, der auch offiziell Kriegseinsatz genannt wird. Er hat der Republik auch offiziell wieder Veteranen und Gefallene beschert – und Soldaten, die getötet haben. Und dann ist da noch die ›Operation Heimkehr‹, die Rückkehr in ein Land, das stolz auf den Bruch mit seinen eigenen militaristischen Traditionen ist. Von PIEKE BIERMANN

Ulrike Scheffer / Sabine Würich: Operation Heimkehr1944 hatte Dorothy Parker einen mittleren Skandal mit einem Vogue-Artikel ausgelöst: Sie habe die Soldaten beleidigt und die Heimatfront geschwächt. Gemeint waren die Soldatenfrauen, auf deren Arbeit daheim die Moral der Helden ruhen sollte. »In Wahrheit«, schrieb Mrs. Parker, »fängt für Sie als Frau die Arbeit erst an, wenn der Krieg beendet ist. An dem Tag, an dem Ihr Mann nach Hause kommt. Denn – wer kommt da zurück? Sie wissen genau, wie er war, aber wer wird er sein? Wie sollen Sie eine Brücke schlagen über den Abgrund, der sie getrennt hat – und der Abgrund ist keine kleine Kluft aus Monaten und Meilen. Er hat die Welt in Flammen gesehen. Es hat Leute gegeben, die Sie nie kennenlernen werden, mit denen hat er Witze gemacht, die Sie nie begreifen werden, und Gespräche geführt, die Ihren Ohren fremdländisch klingen. Dinge, die für immer außerhalb Ihrer Reichweite liegen – viel zu viele und viel zu groß für Eifersucht. Das ist der Punkt, an dem Sie anfangen und von dem aus Sie weitermachen müssen, wenn Sie einen Freund machen wollen aus dem Fremden von irgendwo auf der Welt.«

1944 war der Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs. In den siebzig Friedensjahren seitdem hat sich manches geändert. Einen solchen Krieg hat es nicht mehr gegeben, und heutzutage kommen, zum Beispiel, nicht mehr nur Männer als »Fremde« zurück zu »ihren Frauen«. Aber dass im Krieg Tod und Verletzung ebenso erlitten wie angetan werden, dass Menschen aus Kampfeinsätzen anders herauskommen, als sie hineingegangen sind, das ist inzwischen auch hierzulande wieder ein Thema. Seit 1990 hat auch Deutschland wieder Veteranen und Verwundete, seit Afghanistan auch Gefallene und Getötete. Darüber wird öffentlich debattiert – nicht nur auf Smalltalkshow-Niveau, auch in Dokumentar- und Spielfilmen, in autobiographischen und Reportage-Büchern. Aber erst allmählich dringt ins Bewusstsein, dass das Zurückkommen in eine friedliche, komfortable Zivilgesellschaft vielleicht die schmerzhaftere Herausforderung sein kann: In die ›Operation Heimkehr‹ geht man allein, als Einzelkämpfer, und viel zu oft ohne die logistische und taktische Rückendeckung, die man dringend braucht.

Nachdenklich, selbstkritisch, konzentriert

Diese Herausforderung ist die Leitlinie des beeindruckenden Buchs der Reporterin Ulrike Scheffer und der Fotografin Sabine Würich. 74 einzelne Menschen stehen im Mittelpunkt, jeweils mit Porträtfoto und O-Ton sowie Angaben zu Person und Einsätzen. 66 Männer und 8 Frauen mit ihren individuellen Motiven, Ambitionen, Ängsten und Fähigkeiten, mit dem Erlebten umzugehen. Viele waren mehrmals und an verschiedenen Orten im Einsatz. Sie kommen zumeist aus den mittleren Rängen und allen Waffengattungen, Heer, Luftwaffe, Marine sowie aus den Spezialkräften oder dem Sanitätsdienst. Sie sind geborene oder gewordene Deutsche, christlich, muslimisch, jüdisch oder von keinem Glauben geprägt. Manche sprechen außer Deutsch und Englisch auch Arabisch oder Persisch/Farsi, das ist wertvoll am Horn von Afrika oder in Afghanistan. Es gibt etliche Berufssoldaten, aber auch einen ehemaligen Verweigerer, der Militärpfarrer wurde. Manche haben getötet, manche einen Kameraden neben sich sterben sehen, einige kehren »beschädigt« zurück – mit fehlenden Gliedmaßen, schweren Verwundungen, posttraumatischen Rissen in der Seele. Manche kommen gut klar, werden zum Beispiel Mönch oder trainieren für die Paralympics, manchen bricht alles weg – die Liebe, das Leben, das Vertrauen in sich.

Lauter nachdenkliche Leute, selbstkritisch, konzentriert-offen wie der Blick, mit dem sie einem aus den schönen Schwarzweiß-Porträts in die Augen sehen. Sie sind ganz verschieden, wie Menschen eben sind, und das wird sinnfällig in diesem Buch. Zwischen Doppelseiten der »Heimkehrer« sind ein paar »Zwischenrufe« gestreut – vom Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann zum Beispiel. Eingerahmt wird alles vom Vorwort der Autorinnen, zwei sehr erhellenden Essays von Klaus Naumann und Heiko Biehl sowie Karten und Informationen zu den Bundeswehr-Auslandseinsätzen seit 1990. In den Innenklappen vorn und hinten gibt es mehr Fotos, sehr anrührende, auch verblüffende: Es sind persönliche Erinnerungsstücke, die mit dem Einsatz zu tun hatten – ein herausoperierter Granatsplitter, ein Tattoo über dem Puls, Familienfotos, Kinderzeichnungen, Talismane, Kuscheltiere.

Ohne Getöse, ohne Zeigefinger

Vier Fünftel der Deutschen mögen diejenigen, die sie per Parlamentsbeschluss zur bewaffneten Krisenintervention in die Welt schicken. Bestimmte Einsätze dagegen lehnen sie massiv ab. Und Krieg an sich mögen sie gar nicht. Das ist erstmal grundsympathisch angesichts des militaristischen Wahnsinns, der in diesem Land eine so verheerende Tradition hatte. Aber Deutsche, schreibt Biehl, ticken da gar nicht anders als die meisten Europäer, nur Briten (und Türken) sind soldaten- und einsatzfreundlicher. Was Deutsche allerdings von ihren Nachbarn unterscheidet, ist eine Art mutwillige Ahnungslosigkeit in Sachen Militär, praktisch wie theoretisch. Auch das kann man sympathisch finden, wäre Ignoranz nicht ein so fruchtbarer Boden für ideologisch aufgeladene Tabus. Hinter Ideologie und Tabu nämlich verschwindet immer als erstes das Individuum, im Namen von irgendetwas »größerem Ganzen«, und das geht besonders leicht bei Individuen, die per Definition im uniformierten Plural auftreten – als Polizei oder eben Militär.

›Operation Heimkehr‹ entzieht solcher ideologischen Tabuisierung den Boden, ganz ruhig, ohne Getöse, ohne Zeigefinger, und das ist ganz sicher sein größtes Verdienst.

| PIEKE BIERMANN

Eine erste Version der Rezension wurde am 16. April 2014 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand verfügbar.

Titelangaben
Ulrike Scheffer (Text) / Sabine Würich (Fotos): Operation Heimkehr. Bundeswehrsoldaten über ihr Leben nach dem Auslandseinsatz
Berlin: Ch. Links Verlag 2014
192 Seiten. 24,90 Euro

Buchvorstellungen
29. April 2014 – 20:00 Uhr – Berlin
Gaststätte »en passant« (Ecke Gneiststraße, Schönhauser Allee 58)

29. Mai 2014 – 12:00 Uhr – Regensburg
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg (Prüfeninger Straße 58)

2. Juni 2014 – 19:30 Uhr – Rostock
Volkshochschule Rostock (Am Kabutzenhof 20a)

Reinschauen
| Homepage Sabine Würich
| Nacktes Grauen selbst erlebt – Pieke Biermann zu Karl Marlantes: Was es heißt, in den Krieg zu ziehen
| »Krieg ist immer schlimmer, als ich beschreiben kann« – Pieke Biermann zu Martha Gellhorn: Das Gesicht des Krieges
| Im Kino heulen wir manchmal – Wolf Senff zu Armin Krishnan: Gezielte Tötung. Die Zukunft des Krieges

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der einflussreichste Kritiker

Nächster Artikel

Music To Put Hair On Your Chest Pt. 1.

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Chandler hat ihr Mut gemacht

Menschen | Zum Tod der Schriftstellerin Doris Gercke

Ein wenig desillusioniert klangen mit den Jahren die Worte von Doris Gercke, der Schöpferin der TV-Figur Bella Block: »Ich fürchte, ich habe mir mal eingebildet, als ich angefangen habe zu schreiben, dass man damit etwas verändern könnte, dass es sozusagen eine aufklärerische Funktion haben könnte. Ich glaube das eigentlich nicht mehr.« Von PETER MOHR

Liebenswerter Außenseiter

Menschen | Zum Tod von Walter Kappacher

Er galt viele Jahre als Geheimtipp in der literarischen Welt, sein renommierter Landsmann Peter Handke hatte sich vehement für ihn eingesetzt. Doch die große öffentliche Anerkennung errang der Schriftsteller Walter Kappacher erst 2009 nach dem Erscheinen des Romans ›Der Fliegenpalast‹. Danach wurde ihm die wichtigste literarische Auszeichnung des deutschsprachigen Raumes verliehen – der Georg-Büchner-Preis. Von PETER MOHR

Schreiben, um zu überleben

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Paul Auster

»Ich glaube, dass jeder Autor gewissen inneren Zwängen unterliegt. Ich jedenfalls verspüre den ständigen Druck, weiterzuschreiben, weiterzuarbeiten. Jedes Mal, wenn ich etwas abgeschlossen habe, fürchte ich, versagt zu haben«, hatte Paul Auster in einem Interview mit der Wochenzeitung ›Die Zeit‹ erklärt und uns 2017 ein ausladend umfangreiches Erzählwerk mit dem Titel ›4321‹ vorgelegt. Es war ein opulentes biografisches Verwirrspiel, ein höchst ambitioniertes literarisches Rätsel, ein ausschweifendes Zeitpanorama – vor allem aber auch die bilanzierende Selbstbefragung eines verdienstvollen Autors. Von PETER MOHR

In Search Of Valor: An Interview With Dinky

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world No one could ever accuse house icon Dinky of being a one trick pony! Over a long and varied career her musical output and DJ sets have incorporated deep techno, hazy ambiance, hedonistic acid, classic house, alternative pop, and much more. Her latest single Casa (released earlier this year) was a spell-bindingly deep slice of Chicago-inspired house that is already sitting pretty as one of the songs of the year. In contrast, the album Dimension D saw Dinky embrace her inner singer-songwriter, while the warmth she managed

Leben nach einer Partitur

Menschen | Zum 90. Geburtstag von Alexander Kluge

»Ich habe eine Partitur, nach der ich lebe, jedenfalls wenn ich schreibe: Wenn man vor der Wand steht, wenn es nicht weiter geht, muss es irgendwo anders weitergehen«, hatte Alexander Kluge schon 2003 in seinem Band ›Die Lücke, die der Teufel lässt‹ erklärt. Dieser Satz beschreibt äußerst treffend Kluges Energie, seine Umtriebigkeit, seinen eisernen Willen, neue Wege zu erforschen, neue Zusammenhänge zu ergründen – alles abseits des intellektuellen und künstlerischen Mainstreams. Von PETER MOHR