/

Letzte Grüße nach Nartum

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Walter Kempowski

»Walter Kempowski ist ein Volksdichter, weil sehr viele Menschen seine Werke lesen und weil er wie kein anderer das Volk selbst zum Sprechen gebracht hat«, erklärte Bundespräsident Horst Köhler im Mai in Berlin, als er eine Ausstellung über Leben und Werk des Schriftstellers in Anwesenheit von dessen Ehefrau Hildegard eröffnete. Der Autor selbst konnte wegen seiner Krankheit den feierlichen Termin in der Hauptstadt nicht mehr wahrnehmen. Von PETER MOHR

Walter KempowskiVolksnähe demonstrierte Kempowski vor allem in seinem Heimatort Nartum, wo sich regelmäßig ein Literaturkreis im ›Nartumer Hof‹ traf und wo er sein 700 Quadratmeter großes Anwesen ›Haus Kreienhoop‹ immer wieder der Öffentlichkeit zugänglich machte.

Nur einen Steinwurf von der Autobahn Bremen-Hamburg entfernt liegt das kleine Dorf Nartum – ein beschauliches Idyll, in dem der Schriftsteller Walter Kempowski seit mehr als 40 Jahren lebt und dem wir in seinem Roman ›Heile Welt‹ (1998) unter dem Namen Klein-Wense begegneten.

Schreiben hatte für Kempowski, der am 29. April 1929 in Rostock geboren wurde, immer mit Erinnerungsarbeit zu tun. Der autobiografische Hintergrund ist in seinem gewaltigen Oeuvre nicht zu leugnen. »In jedem Menschen, den man in einem Roman schildert, steckt immer viel von einem selbst. Das ist wie ein Rollenspiel. Sowtschick ist für mich so eine Art zweite Identität«, erklärte Kempowski in einem Interview das Verhältnis zu seiner Romanfigur.

Vom Verlust der Heimatstadt Rostock und seiner Jugend, die er wegen angeblicher Spionage für die USA im berühmt-berüchtigten Zuchthaus Bautzen zubrachte, handeln die frühen Romane ›Im Block‹, ›Tadellöser und Wolff‹, ›Uns geht’s ja noch Gold‹ und ›Ein Kapitel für sich‹, die von Eberhard Fechner mit den brillanten Schauspielern Edda Seippel, Klaus Höhne und Karl Lieffen erfolgreich verfilmt wurden. Auch sein letzter Roman ›Alles umsonst‹ lebte von seinen authentischen Schilderungen. Kempowski erzählt vom Schicksal der Familie von Globig, die auf einem alten Gutshof in Ostpreußen lebt. Im Kriegswinter 1944/45 stehen die russischen Truppen nicht mehr weit entfernt vom Städtchen Mitkau, und unendliche Flüchtlingstrecks ziehen gen Westen.

Diese Werke bestachen durch ihren beinahe dokumentarischen Charakter und fanden ein breites Publikum, weil sich viele Leser mit den ungeschminkten Schilderungen der Kriegs- und Nachkriegszeit identifizieren konnten. Bei den Kritikern stieß Kempowski damit jedoch auf Zurückhaltung. Das bloße Nachschreiben der Realität ergebe noch keine große Literatur, lautete der negative Grundtenor in den 70er Jahren.

Um so erstaunlicher war die öffentliche Reaktion 1994 nach dem Erscheinen des über 3000 Seiten umfassenden kollektiven Tagebuchs ›Echolot‹, das einen beachtlich großen Absatz fand. In Zeitungsanzeigen hatte Kempowski zur Mitarbeit aufgerufen und um die Einsendung von alten Tagebüchern gebeten, um so ein möglichst repräsentatives Kompendium über den Januar und Februar 1943 zusammenzustellen.

Fast nur wohlmeinende Rezensionen erschienen im deutschen Blätterwald, und von ›FAZ‹ bis ›Zeit‹ wurde Kempowskis epochale Arbeit gelobt.

Walter Kempowski, der 1994 zum Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Rostock ernannt wurde, hat sich von den Anfeindungen nicht verbiegen lassen, nie hat der einstige Dorfschullehrer sich von seiner Maxime, »als Schriftsteller ein kollektives Gedächtnis« verkörpern zu wollen, abbringen lassen.

Mit zunehmendem Alter beklagte sich Kempowski immer vehementer gegen die öffentliche Ignoranz seiner Bücher. »Meine Bücher werden in keiner Schule gelesen, und Goethe-Institute laden mich nicht ein«, erklärte der Autor vor einem Jahr in einem Interview mit der FAZ.

Walter Kempowski, der in der Nacht zum Freitag in einem Krankenhaus in Rotenburg/Wümme im Alter von 78 Jahren an einem Krebsleiden gestorben ist, hat einige Romane hinterlassen, die lehrreicher sind als manche Geschichtsbücher. Und die vor sechs Wochen in Gießen gegründete Walter-Kempowski-Gesellschaft hat sich auf die Fahnen geschrieben, das Werk des erzählerischen Chronisten des letzten Jahrhunderts zu hegen und zu pflegen.

| PETER MOHR
| Titelfoto: PrimaryMaster, Kempowski, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Das Ship Of Fools geht vor Anker

Nächster Artikel

Am Herzen erblindet

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Bericht von der Wiedergeburt

Menschen | Zum 70. Geburtstag des Schriftstellers Hanns-Josef Ortheil (am 5. November) erschien sein Roman ›Ombra‹

Hanns-Josef Ortheil hat über Jahrzehnte Vollgas gelebt, als Schriftsteller und als Professor für kreatives Schreiben an der Uni Hildesheim. Er absolvierte ein Mammutpensum und pendelte stets zwischen Hildesheim und Stuttgart. Seine Produktivität ist beeindruckend, die Bandbreite seiner künstlerischen Aktivitäten beinahe einzigartig. Mehr als siebzig Bücher hat er seit 1979 veröffentlicht. Von PETER MOHR

Klare fotografische Ansagen

Sachbuch | Scott Kelbys Reisefoto-Rezepte

Dieses Buch – so der Autor, dessen Ratgeber seit Jahren weltweit in Sachen digitaler Fotografie und für Adobe-Produkte am meisten verkauft werden – schreibe er so, als wäre er mit Ihnen allein unterwegs, irgendwo, an einem »fantastischen Ort«, zum Beispiel Paris. Das klingt doch gut. Den ganzen »technischen Kram« wolle er dann weglassen. Wie das geht und ob es funktioniert, das hat sich BARBARA WEGMANN in dem Buch angeschaut.

Im Westen nichts Neues

Menschen | Vor 50 Jahren starb Erich Maria Remarque

Kein anderer bedeutender deutschsprachiger Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wird so häufig mit nur einem seiner Werke in einem Atemzug genannt wie Erich Maria Remarque und der Roman ›Im Westen nichts Neues‹. Fluch und Segen gleichzeitig für ihn. Seine anderen Werke gingen beinahe unter, aber der Weltbestseller ermöglichte Remarque ein sorgenfreies, ja luxuriöses Leben. Von PETER MOHR

Aufbruch in den Favelas

Menschen | Adrian Geiges: Brasilien brennt Die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China firmieren als »Schwellenländer«. Adrian Geiges hat Erfahrung mit diesen Staaten, er berichtete jahrelang aus China und Russland, gegenwärtig lebt er in Brasilien. Sein neues Buch Brasilien brennt enthält Reportagen, die er gelegentlich mit seiner Arbeit für deutsche TV-Anstalten verknüpft. Er wirft einen Blick auf den Confederation Cup 2013 – der Fußball-Sommer 2014 wirft seine Schatten voraus. Im Mittelpunkt steht für ihn jedoch die Begegnung mit den Menschen. Von WOLF SENFF

Zeit der Fiktion ist vorbei

Menschen | Zum 85. Geburtstag des Schriftstellers Rolf Schneider am 17. April* »Ich betrachte die deutsche Wiedervereinigung und die heutigen Zustände in der Bundesrepublik alles in allem doch als einen Glücksfall«, hatte der Schriftsteller Rolf Schneider vor vier Jahren in einem Interview mit dem ›Deutschlandradio Kultur‹ erklärt. Zeitlebens ist er immer etwas gegen Strom geschwommen. Von PETER MOHR