/

Das Ship Of Fools geht vor Anker

Musik | Erasure live in Hamburg 2007

Vorgruppen haben es in der Regel nicht leicht. Eingeschränktes Zeitfenster bei unausgegorenem Sound und reduzierter Lautstärke, oftmals gepaart mit einem Publikum, welches seiner dem Warten auf den Hauptact geschuldeten Ungeduld durch Pfiffe, Buhrufe und bösartige Bemerkungen Luft macht. Doch es geht auch anders, wie STEFAN HEUER erfahren hat …

Dienstagabend, es ist gegen 19.30 Uhr, als sich der mit stalaktitischen Röhrenlampen ausstaffierte Saal 3 des CCH zu füllen beginnt. Wer genau hinsieht, kann zwei 12jährige Mädchen in Begleitung ihrer Mutter ausmachen. Das restliche Publikum bewegt sich altersmäßig zwischen 30 und 45 Jahren. Männer und Frauen stehen an diesem Abend zwar häufig in Gesprächen zusammen, geknutscht wird jedoch vornehmlich mit den eigenen Geschlechtsgenossen: die ›Erasure‹, ein Kahn, der vor über 20 Jahren seine Jungfernfahrt in die Meere des Elektro-Pop erlebte, hat an diesem Abend den homosexuellen Anker geworfen und im Rahmen seiner ›Light-at-the-End-of-the-World‹-Tour die Hansestadt geentert.

Vince Clarke und Andy Bell laden zu Hofe, und sie können sich ihrer Gefolgschaft sicher sein. Erasure-Fans sind treu, viele schon seit annähernd zwei Jahrzehnten und jeder Tour dabei. Wie nur wenige Bands der 1980er-Jahre haben die beiden Briten ihr Publikum ›mitgenommen‹, haben sich weiterentwickelt, haben sich und ihrer Hörerschaft zwischendurch Pausen gegönnt, um dann immer wieder mit neuem Material auf die Bühne zurückzukehren.

Dass sie dabei in den letzten Jahren keinen Mega-Hit mehr produziert haben, wirkt sich nun positiv aus: Jugendliche, die eben nur diesen einen Hit aus dem Musikfernsehen kennen und das ganze Konzert über nervös und unausgeglichen Lärm veranstalten, weil sie auf eben dieses Lied warten, sucht man hier vergebens. Wer zu Erasure geht, der freut sich auf einen intimen Abend mit dreitausend Fremden.

Um hier endlich die Klammer zu schließen: Ersaure-Fans sind hingebungsvoll, freundlich, aufgrund der Gay-Thematik offen für vieles, und so hat keine Vorgruppe zu leiden. Auch one Two nicht, die das Publikum mit gefälligem Elektro auf Temperatur bringen. oneTwo, die neben der wunderbaren Stimme von Claudia Brücken auch aus dem Instrumentalisten Paul Humphreys (ehemals OMD) bestehen, ernten warmherzigen, anhaltenden Applaus.

Die Leute sind soweit, jetzt soll gefeiert werden – Vince Clarke und Andy Bell lassen sich nicht lange bitten. Wie aus einem Endlosmagazin feuern die beiden ihre Single-Hits ins Volk, einen nach dem anderen: ›Who Needs Love (Like That)‹, ›Victim Of Love‹, ›Ship Of Fools‹, ›Blue Savannah‹, ›A Little Respect‹; bang bang bang, keine Wünsche offen. Unterstützt werden sie dabei von drei stimmgewaltigen Background-Sängerinnen, die sich verdientermaßen relativ häufig im vorderen Scheinwerferlicht sonnen dürfen.

Auch Bell ist bei ausgezeichneter Stimme, der Mischer hat ebenfalls einen guten Tag erwischt. Das Publikum geht mit und feiert auch die eingestreuten, noch nicht so bekannten Lieder des neuen Albums. Die Stimmung könnte nicht besser sein, und Andy Bell bedankt sich auf seine Weise, indem er stolzierend und mit exaltierter Stimme über die Bühne kokettiert, sich teilweise seiner Kleidung entledigt und sämtliche Ansagen und sonstigen Intermezzi in (erstaunlich gutem) Deutsch abhält.

43 Jahre ist er inzwischen alt, aber anzumerken ist ihm das in keinem Augenblick. Beneidenswert fit ist er, er ist ständig in Bewegung, läuft und tanzt und hat zudem noch immer stattliche Oberarme vorzuweisen (und zwar Muskeln, kein schwabbeliges Winkefleisch). Gegen Ende dann ›Sometimes‹ und ›Oh Lámour‹, und spätestens jetzt tanzen auch die, die sich vorher noch zu cool dafür fanden, zu Erasure zu tanzen.

Nach anderthalb Stunden und einen phänomenalen ›Stop!‹ von der Crackers International-EP entlassen Erasure ihre Fans in die Nacht – nicht jedoch, ohne sich schon mal für das nächste Konzert zu verabreden: »Bis dann!«

| STEFAN HEUER
| Foto: David Scheinmann, Erasure – 1992, CC BY-SA 3.0

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Verwandlung in Newark

Nächster Artikel

Letzte Grüße nach Nartum

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

Leibhaftiger Wahnsinn

Bühne | Shakespeares Richard III. im Stadttheater Pforzheim Es ist kein Stück wie jedes andere und noch dazu sehr selbst-reflexiv – William Shakespeares (1564 – 1616) ›Richard III‹ (in dieser Fassung als Stückprojekt nach der gleichnamigen Tragödie von Shakespeare, in Deutsch von Thomas Brasch) erobert das Podium und die Zuschauer des Stadttheaters Pforzheim. JENNIFER WARZECHA war dabei.

Die nackte Realität des Lebens

Bühne | Badisches Staatstheater: Wozzeck

Vielen wohlbekannt ist die Lektüre des ›Woyzeck‹, nicht ›Wozzeck‹, von Georg Büchner schon aus der Schulzeit. Dementsprechend waren auch viele Schülerinnen und Schüler sowie junge Menschen an diesem Samstagabend zu Gast im Badischen Staatstheater bei der Oper in drei Akten von Alban Berg mit dem Titel ›Wozzeck‹. Jedem und jeder von ihnen war nach diesem Abend anzusehen, dass ihm und ihr diese Aufführung sichtlich nahe ging – und hinsichtlich aller Facetten der Theaterkunst auf ganzer Linie überzeugte. Von JENNIFER WARZECHA

Die Qual der Wahl

Bühne | ›Suschi oder Currywurscht?‹ in Karlsruhe

Einen Ehemann, der den Hochzeitstag – in diesem Fall: vermeintlich – vergisst, den kennen sicherlich die meisten Ehefrauen. Ein solcher, bei dem sich das mit dem Vergessen als Missverständnis herausstellt und bei dem auf sympathische Art und Weise klar wird, wie er mittwochs am Abend seine Zeit verbringt, dürften weniger Frauen kennen. So aber ergeht es Doris mit ihrem Kurt in ›Suschi oder Currywurscht?‹, einer Komödie von Hannelore Kucich, auf der ›Badisch Bühn Mundart‹ in Karlsruhe. Von JENNIFER WARZECHA

Kapitalismus, Theater und Kritik

Bühne | Kulturbuch | Joachim Fiebach: Welt – Theater – Geschichte. Eine Kulturgeschichte des Theatralen Er gilt als Gigant unter den zeitgenössischen Theaterwissenschaftlern, ein Gigant, der scheinbar spielerisch Theater, Medien, Herrschaft, Philosophie und Kultur als Ganzes prägnant, pointiert und manchmal auch provokativ kontextualisiert sowie en passant sich auch noch als der Experte für das Theater Afrikas gerierte: der Berliner Professor Joachim Fiebach. Schon in zahlreichen Monografien und Artikeln hat er sich mit den sozialen und politischen Faktoren des Theaters beschäftigt und dabei aphoristisch über die dramaturgische Inszenierung der Realität laboriert. Jetzt hat Fiebach sein wissenschaftliches Opus Magnum vorgelegt, mit dem