/

Zufall oder Fortune

Kurzprosa | Hans-Magnus Enzensberger: Tumult

Zum 85. Geburtstag des Schriftstellers Hans-Magnus Enzensberger  am 11.11. erscheint der autobiografische Band Tumult. Von PETER MOHR
Tumult
»Einiges ist geglückt, anderes nicht. Man nennt es Zufall oder Fortune«, hatte Hans Magnus Enzensberger kürzlich rückblickend auf sein Leben in einem Interview erklärt. Im Laufe von fast 60 Jahren führte sein Weg vom impulsiven, rebellierenden »Bürgerschreck« zu einem der pointiertesten Intellektuellen des Landes und zum vehementen Verteidiger des klassischen Bildungsgutes.

In Zeiten multimedialer Banalisierung des Alltags bricht Enzensberger eine wortgewaltige Lanze für die geistreiche Konversation, für das Zwiegespräch auf hohem intellektuellem Niveau und für eine anspruchsvolle Streitkultur – so in seinem 2004 erschienenen Band Dialoge zwischen Unsterblichen, Lebendigen und Toten.

Schon häufiger in jüngerer Vergangenheit zeigte Hans Magnus Enzensberger, der heute* (am 11.11.) vor 85 Jahren als Sohn eines Oberpostdirektors in Kaufbeuren geboren wurde, eine starke Affinität zu historischen Stoffen: bei den Theaterstücken Eine romantische Frau (1990) und Diderot und das dunkle Ei (1993), bei der Calderon-Interpretation Die Tochter der Luft (1993), beim ein Jahr später erschienenen Band Diderots Schatten und bei den Theaterstücken Nieder mit Goethe (1996), Der Untergang der Titanic (1999) und beim großen erzählerisch-dokumentarischen Band Hammerstein (2008). In diesem Buch, das den Untertitel »eine deutsche Geschichte« trägt, beschäftigt sich Enzensberger mit dem rasanten Aufstieg des Berufssoldaten Kurt von Hammerstein, der 1930 als General Chef der Heeresleitung ist und vier Jahre später vom Dienst suspendiert wird, weil er Hitler die Gefolgschaft versagt hatte.

Enzensbergers Faible für Dichter und Denker vergangener Epochen hat auch einen handfesten biografischen Hintergrund, denn schon 1955 promovierte er mit einer Arbeit über die Poetik Clemens Brentanos. Doch die künstlerischen Anfänge des literarischen Multi-Talents waren von ganz anderem Kaliber.

1957 stieß der erste Gedichtband Verteidigung der Wölfe auf ein beachtliches Echo, und Enzensberger gehörte fortan (als eines der jüngsten Mitglieder) zur renommierten »Gruppe 47«. Deren Gründungsmitglied Alfred Andersch attestierte nach dem Erscheinen des Lyrikbandes Landessprache (1960), dass es sich um »große politische Gedichte« handelt.

Im Vorwort dieses Werkes schrieb Enzensberger: »Diese Gedichte sind Gebrauchsgegenstände, nicht Geschenkartikel. Zur Erregung, Vervielfältigung und Ausbreitung von Ärger sind diese Texte bestimmt.« Enzensberger, der 34-jährig bereits mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, präsentierte sich in seinen frühen Gedichten als vehementer Gegner der Wiederaufrüstung und fand vor allem im linken Lager ein nachhaltiges Echo.

1965 gründete er die politisch-literarische Zeitschrift Kursbuch, die für undogmatische Linke eine neue »publizistische Heimat« bieten sollte. Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung schrieb Enzensberger: »Die ganze Veranstaltung schmückt sich mit dem Namen Kulturrevolution, aber sie sieht einem Jahrmarkt verdammt ähnlich.«

Damit hatte er sich wieder Luft verschafft, den notwendigen politischen Freiraum für seine literarische Arbeit, die fortan von vielen Kritikern jedoch nicht nur nach künstlerischen, sondern auch nach politischen Kriterien seziert wurden.

Mit dem Image des »enfant terrible« konnte der skeptische Querdenker Hans Magnus Enzensberger all die Jahre gut leben. Seine Töne sind mit der Zeit versöhnlicher geworden, seine Bissigkeit ist einer altersweisen, leichten Melancholie gewichen. Bezeichnend dafür ist der letzte Satz in seinem Lyrikband Rebus: »Verzeiht mir, dass ich Glück gehabt habe«.

Pünktlich zu seinem Geburtstag ist der autobiografische Erinnerungsband Tumult erschienen, in dem Enzensberger (ausgehend vom Jahr 1963) auf seine Beziehung zu Russland zurück blickt, auf Begegnungen mit politischen und künstlerischen Persönlichkeiten, aber auch auf die ganz private Sphäre, denn der Schriftsteller war einige Jahre mit einer Russin verheiratet. Die Jahre des »Tumults« führen allerdings auch an andere Handlungsschauplätze – nach Indien, Australien, Norwegen und Kambodscha. Nicht nur politisch waren es bewegte und bewegende Jahre für den Autor.

Hans Magnus Enzensbergers öffentliche Wirkung im Kulturbetrieb (Lyriker, Romancier, Dramatiker, Klassikerinterpret, Hörspielautor, Kritiker, Herausgeber, Verleger und polemischer, dabei höchst streitbarer Essayist) ist noch immer weitaus größer als es die künstlerische Summe all seiner Werke vermuten lässt.

| Peter Mohr

Titelangaben:
Hans Magnus Enzensberger: Tumult
Berlin: Suhrkamp Verlag 2014
277 Seiten. 21,95 Euro

Leseprobe

Reinschauen:
Hans-Magnus Enzensberger in TITEL-Kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Aufbruch in die Geschlossenheit einer offenen Landschaft

Nächster Artikel

Willkommen im Albtraum

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Kultur

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kultur

Farb, sagte Tilman.

Angenehm, sagte Anne.

Sie gingen auf die Terrasse und setzten sich, Farb bewunderte den Blick auf das Gohliser Schlößchen, das ja über den Maler Oeser und dessen Freundschaft mit Goethe in der deutschen Kultur verwurzelt sei, und habe Oeser dort nicht ein Fresco gestaltet.

Ihr kennt euch vom Toten Meer, fragte Anne.

Tilman ging zur Küche, Tee aufzugießen.

Anne bot Farb einen Keks an.

Farb konnte sich nicht sattsehen, diese Stadt gefiel ihm.

Blutrausch

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Blutrausch

Die zivilisierte Welt sei auf dem Rückzug, ultimativ, sagte Annika und schenkte Tee ein, Yhin Zhen, sie hatte das Drachenservice aufgedeckt, die Temperaturen waren mild.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Ob es nicht stets dasselbe sei, fragte er, die einen würden in Luxus oder wenigstens ohne finanzielle Sorgen leben, die anderen, bei weitem die Mehrheit, seien barbarischen Zuständen ausgeliefert, es würden Kriege geführt, zu Millionen irrten die Menschen auf dem Planeten umher, und wer es sich leisten könne, suche in friedfertigen Regionen unterzukommen.

Er nahm einen Löffel Schlagsahne und strich sie sorgfältig auf seiner Pflaumenschnitte glatt.

Balanceakt der Gefühle

Kalender | Arche Literaturkalender 2026 »Herz und Verstand« ist das Motto des neuen Arche Literaturkalenders für das Jahr 2026. Wer kennt das nicht, wenn man zwischen diesen beiden Polen, dem Gefühl und der Vernunft, manchmal hin- und hergerissen ist? Von BETTINA GUTIÈRREZ

Umstände

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Umstände

Das werde sich wie von selbst erledigen, sagte Tilman, kein Grund sich aufzuregen, eine monströse Blase sei im Begriff zu platzen, im günstigsten Fall halbwegs geräuschlos zu platzen, seht hin, und mir nichts, dir nichts sei die Luft heraus, so etwas gehe schnell heutzutage.

Meine Güte, sagte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

›Follower‹ nennen sie sich und ›Influencer‹, spottete Annika, und ob sie ›Follower‹ hätten, fragte sie Tilman und Farb, nein, woher denn, sie wisse das nicht, außerdem seien diese Zeiten längst wieder vorbei, fügte sie hinzu, der Wind habe gedreht, nur daß die es gar nicht gemerkt hätten, sie hielten fest an ihrer Spaßgesellschaft, ich will immer auf dich warten.

Farb lachte. Die Zeiten seien halt schnellebig, sagte er, die Trends würden gewechselt wie die Socken, sagte er, jeder Weg hat mal ein Ende, eben noch waren die Trends medial aufgeblasen und seien doch aus der Welt gefallen, ehe man sich’s versah, ein Wimpernschlag, seien rückstandsfrei zurück geblieben, verloren, als ob es sie nie gegeben hätte, und täglich werde eine neue Sau durchs Dorf getrieben.

Erfolg

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Erfolg

Abstoßend, sagte Wette, diese Jagd nach Hochleistungen und die Gier, den anderen zu übertreffen.

Farb lachte. Ruhm und Ehre, sagte er, du wirst allenthalben mit Pokalen belohnt, bei den Balltretern zusätzlich mit maximal Kohle.

Nicht bloß bei den Balltretern, sagte Annika.

Die gibt es neuerdings sogar bei den Frauen, sagte Wette, Champions’ League, da läßt sich reichlich Mammon einsacken.