Aufbruch in die Geschlossenheit einer offenen Landschaft

in Lyrik

Lyrik | Andreas Altmann: Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so

2010 erschien im Verlag des poetenladens der Gedichtband Das zweite Meer von Andreas Altmann. Nach der Neuauflage des Buches als Taschenbuch und dem 2012 veröffentlichten Sammelband Art der Betrachtung mit ausgewählten Gedichten aus den letzten 20 Jahren erschien in diesem Jahr nun der neue Lyrikband Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so. Von STEFAN HEUER

AltmannIn einem 2012 in der Literaturzeitschrift POET erschienenen Interview geht poetenladen-Verleger Andreas Heidtmann darauf ein, dass es in den Rezensionen zu Das zweite Meer ein Für und Wider bezüglich Altmanns Vorliebe für bestimmte Wörter gegeben habe – ein Umstand, der dazu führe, dass man ihn, wäre er denn Maler, als einen Maler mit einer schmalen Farbpalette bezeichnen könnte, der alles Grelle und Effektheischende meide. Seine damalige Antwort: »Ich mag viele Worte nicht. Und noch weniger mag ich sie im Gedicht. Die meisten haben mir nicht lange genug gelebt. Und bisher scheinen die ’bestimmten Wörter’ noch mit mir auszukommen. Ein Klavier beispielsweise hat auch nur eine bestimmte Anzahl von Tasten. Und was kann man für Musik darauf spielen.«

Es stimmt, Andreas Altmann ist kein Mann der vielen Worte. Auch ich habe die Ballung verschiedener Wörter in seinen Gedichten beizeiten bereits ausführlich thematisiert, kam dabei jedoch – im Gegensatz zu einigen anderen – zu dem positiven Schluss, dass die starke Beschränkung im Wortmaterial zu einem sehr eigenen, geschlossenen Kosmos führe, in dem sich der Autor traumwandlerisch sicher bewege; dass sich dieser geschlossene Kosmos durch eine ganz besondere Intensität auszeichne, in dem die Wiederholung bestimmter Wörter das ausschließliche Ziel habe, diese Intensität noch zu steigern.

Natürlich hat sich Altmann wie viele Dichter im Laufe der Jahre eine gewisse Souveränität im Umgang mit seinem Wortfeld angeeignet, die bei der endgültigen Montage eines Textes sicherlich ein routiniertes Verständnis evoziert. Auch das neue Buch hat diesen typischen Altmann-Sound. Auch in Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so macht der Mann genau das, was er am besten kann, er installiert Gefühle und Gedanken und Wahrnehmungen in Gedichte, denen er mittels vordergründiger Sachlichkeit oftmals den Anschein dokumentarischen Charakters verleiht.

Das aber ist nur der erste Blick, ein zu schneller Blick, und jedem, der tiefer liest und auch die früheren Gedichte kennt, dürfte auffallen, dass Altmann in den Gedichten des neuen Bandes viel wortreicher zur Sache geht, dass viele der Gedichte einen offensichtlichen und unumwundenen Bezug zu seiner eigenen Biografie haben. Viele der Gedichte scheinen der Vermessung der eigenen Welt und damit einer Standortbestimmung zu dienen, und wie im »richtigen Leben«, geht es auch in Altmanns Gedichten weiter. Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so ist die konsequente Fortführung seines lyrischen Werks.

Der 1963 im sächsischen Hainichen geborene Altmann bezeichnet das seinen Eltern gewidmete Buch selbst als sein bislang politischstes. Eine Einschätzung, der man angesichts solcher Gedichte nicht widersprechen kann:

geschichte im landschaftspark
wind zieht farben der gräser herunter. ein stein
löwe liegt auf der mauer mit geöffneten augen.
dahinter das skelett einer parteizentrale. wege
sind in beton gegossen. bäume verbinden sich
in zeitlosen geräuschen. blind stellen sie sich
entgegen. das große gewächshaus ist geräumt.
auf außenbeeten blühen winterastern. ein gang
unter die erde führt ins gebäudehirn. nur ein paar
schädelknochen setzen das gedächtnis zusammen.
der geist einer anderen welt. die wärmerohre sind
gekappt, ihre enden verschweißt. im himmel
rauschen starkstromleitungen. und knacken.
viele zäune sperren die schritte aus. auf den wiesen
weiden schafe. es sind nur schwarze unter ihnen.

Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss, bei dem viel zwischen den Zeilen steht, und vieles wohl auch zwischen den Wörtern. Vieles von dem, was in diesem Buch steht, findet sich im eigenen Kopf, zum Teil aber auch im wunderschönen, erneut von Miriam Zedelius stammenden Cover-Artwork wieder.

Eine Verknappung im Aufbruch, eine zu vielen Seiten offenporige Geschlossenheit, die Altmann in meinen Augen zu einem legitimen Nachfolger Karl Krolows macht. Ein großer Wurf und für mich über jeden Zweifel erhaben.

| STEFAN HEUER

Titelangaben
Andreas Altmann: Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so
Leipzig: poetenladen 2014
104 Seiten. 17,80 Euro

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| Leseprobe
| Andreas Altmann im Interview in TITEL-Kulturmagazin

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