Bilder, die ich nie malen werde, hämmern mit ihren Fragezeichen an meine Schläfen

Lyrik | Klára Hůrková: Gehege mit Magnolien

Die Dichterin, Malerin, Philosophin und Lehrerin Klára Hůrková ist in der tschechischen, deutschen und englischen Sprache zu Hause. Ebenfalls ist sie international vernetzt und hat drei deutsch-tschechische Anthologien herausgebracht. Die weitgereiste Autorin wuchs in Prag auf, bevor sie 1989 nach Belgien emigrierte und schließlich nach Aachen kam. Diesen sehr weiten Horizont besitzen auch Ihre Gedichte, die sie in ihrem neuen Band Gehege mit Magnolien vorgelegt hat, der in diesem Jahr im POP-Verlag Ludwigsburg erschien. Der Band ist in fünf Kapitel unterteilt und enthält eine Vielzahl beeindruckender Gemälde der Autorin und Malerin, der ihn allein dadurch schon zu einem optischen Erlebnis werden lässt. Von HARTWIG MAURITZ

In ihren Gedichten wirft Klára Hůrková die großen existenziellen und philosophischen Fragen in Zeiten internationaler Krisen auf, die in Szenen des Alltags einbrechen. So werden wir Zeugen eines Treffens zweier Geschwister im digitalen Raum »An meinem Geburtstag habe ich/ mit meiner Schwester in Brünn Wein getrunken/ Lachen geteilt von Laptop zu Laptop«. (S. 17) Die Zeit der Pandemie wird als großer einsamer Raum beschrieben. Weiter heißt es »wie das Tier in einem Zoo/ der lange keine Besucher/ empfangen hat/ habe ich mich an die Leere/ um das eigene Gehege gewöhnt«, (S. 21) und »Der Rote Regen«, der Saharastaub auf die Stadt fallen lässt, spült nicht nur rote Schlieren auf die Fensterscheiben, sondern auch die Bilder des Ukrainekrieges in einen »Nachrichtenalbtraum«.

Im zweiten Kapitel »Die Liebe zuerst« werden wir zunächst nach Italien geführt. In »Closing Time, Venice« heißt es »Schwarz schimmert der Schimmel/ an den Häuserfassaden/ die Trauer tragen/ Der vom Aussterben bedrohte Löwe/ trocknet seine Flügel/ auf der Säule/ wiegt sich in Sicherheit«. Bei der Rückkehr von der Reise ist es die Wohnung, die dem lyrischen Ich als Subjekt gegenübertritt »In der Wohnung hat sich/ unsere Abwesenheit angestaut/ und begrüßt uns als Fremde« (S 38). Im Dürer-Gedicht auf Seite 39 wird eine Liebesgeschichte angedeutet »Er wurde ihr Herr/ indem er Linien zog/ vom Auge zum Herz/ vom Herz zur Hand«. Auf Seite 42 entfaltet sich am Jahresende mit dem Verbrennen der Steuerunterlagen »die vernichtende Kraft/ jeder Metamorphose«.

Das dritte Kapitel »Gespenstergeschichten« befasst sich mit den Übergängen von Schlaf, Traum und Wachsein. »Vergeblich/ wartet der Traum in der Ecke, ist Meer, Wurm, Drache, kann nicht mehr erwachen« (S. 47). Es ist immer wieder der Gott der Träume, der das lyrische Subjekt nicht schlafen lässt (S. 55) »Morpheus fegt den leeren Flur/ Du irrst alleine durchs Haus/ suchst einen Platz zum Schlafen« und in einem »antiken Traum« die Nähe von Tod und Schlaf heraufbeschwört (S. 58) »Morpheus/ mit Mohnpflanzen in der Hand/ führte mich an meinen Grabstein.«

Ihre Liebe zum Meer entfaltet die Autorin in den Gedichten des Kapitels »Die Nordsee«. Und es scheint als läge in »Nach der Atempause« auf S. 73 der Schlüssel zu ihren Gedichten »Bilder, die ich nie malen werde/ hämmern mit ihren Fragezeichen/ an meine Schläfen«, als würden die phantastischen Gemälde der Dichterin durch Ihre Texte weitergemalt werden. Die Nordsee stellt ein beliebtes Reiseziel dar, ein Ort der Meditation. Das Meer ist auch ein Ort für den Neuanfang. »Es gibt den Dingen Raum/ neu zu entstehen.« S. 66. Die See erzeugt neue Sichtweisen und damit sehr eigene Metaphern. »Im Norden/ gebiert die Sonne Schiffe« und »weht Strandkörbe/ und Möwen aus dem Schlaf« S. 67. Die Ebbe erhält bei Klára Hůrková einen erotischen Unterton »Doch es ist wieder die Ebbe/ dieser Zustand der Leere/ es ist das Land/ das sich wie unser Körper/ hilflos und nackt fühlt/ nachdem ein mächtiges Element/ mit ihm die Nacht verbracht hat«.

In den Gedichten des letzten Kapitels »Liebe zuletzt« endet die Liebe, und Eros wird von Thanatos abgelöst. »Du zeigtest mir das Meer/ hast zugesehen, wie ich gedeihe/ und spürtest zum ersten Mal/ die andere Wärme bis ins Mark« S. 77/78. »Im Tretboot«, wo die »Alltagssorgen in der Sommerhitze unter dem Sonnenhut kochen«, rennt eine Spinne über das Gedicht und hebt es auf eine Metaebene, auf der das Gelesene zu einer Illusion wird, zu einem Gedicht im Gedicht. Das »Herzklopfen« wird anatomisch seziert und die Zerbrechlichkeit des Organs hervorgehoben. Damit wird die romantische Vorstellung des Herzens konterkariert. Die Gedichte des letzten Kapitels umfassen die Spanne von Liebe und Tod. Davon erzählt uns das »Requiem« auf S. 84. Das lyrische Subjekt steht am offenen Sarg »Ich trinke Wein/ rauche Zigaretten/ mit seinen Kindern/ in denen er weiter -/vielleicht -// Led Zeppelin/ spielen Stairway to Heaven// ich stehe abseits/ kinderlos/ und frei/ in Tränen“«.

Der Autorin gelingt es in beeindruckender Weise, das persönliche, das biografische dem Leser erfahrbar zu machen und es mit dem Weltgeschehen zu verbinden. Damit erreicht sie eine Unmittelbarkeit in ihren Texten, die den Leser dieses Buches berührt.

Der rote Regen

Der Sand von der Sahara fiel vor ein paar Tagen
mit dem Regen auf unsere Städte
Rote Schlieren bleiben auf den Fensterscheiben
Und wir lasen über die Bomben
die in Charkiw und Kiew fielen
und konnten nichts tun als
manche Namen jetzt mit »i« zu schreiben
Gelder Spenden und Posts kommentieren
insgesamt hilflos und unwissend
während die Sonne nicht aufhören wollte
jeden Tag neue Blüten hervorzulocken
Krokusse, Narzissen, Zierkirschen, Magnolien
Wir nahmen dann Urlaub von diesem
Nachrichtenalbtraum
zogen uns zurück in die westlichste Ecke
unseres immer kleiner werdenden Paradieses

| Hartwig Mauritz

Titelangaben
Klára Hůrková: Gehege mit Magnolien
Ludwigsburg: POP Verlag 2023
92 Seiten, 18,50 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

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liegt die Ringstraße auf schwarzem Quarz
halb abgeräumt vor dem Ozean verkeilt
der Sockel vom Gletscherlauf aufgezehrt
gelangen wir nicht mehr zu den Kaltblütern
um sie in die geschützten Gehege zu führen
und uns vor dem Wintereinbruch einzudecken
so setzen wir zu den letzten Nachbarn über
senden von dort Anweisungen auf Kurzwelle
bis wir etwas erreichen das Plateau wieder offen ist
jagen die Meuten durch die Frequenzen und
lassen uns in den ewigen Nächten nicht schlafen
weil wir nicht sicher sein können
ob das nur die Sturmfront ist oder uns
schon das Rufen der Jährlinge durchfährt

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