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Vertrieben

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Vertrieben

Hast du Sergej kennengelernt, Wette?

Sergej?

Aus Murmansk.

Wo soll ich ihn kennengelernt haben?

Am Toten Meer.

Ich war nie am Toten Meer.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Farb verteilte die Sahne gleichmäßig über seine Pflaumenschnitte und strich sie langsam und sorgfältig glatt.

Annika warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Sergej habe sich jedes Jahr dort aufgehalten, sagte Farb, vier Wochen und länger, Frühjahr und Herbst seien empfehlenswert, während der Sommermonate werde es brütend heiß.

Murmansk liege nicht am Toten Meer.

Nein, Wette, sondern nördlich des Polarkreises auf der Halbinsel Kola an der Barentssee, und sei ein Heimathafen der russischen Seekriegsflotte, der auch als Schiffsfriedhof genutzt werde und als das größte Lager für ausgediente Reaktoren von Atom-U-Booten gelte.

Da verstehe man gut, weshalb Sergej sich gern am Toten Meer aufhalte.

Man sei ihm regelmäßig im Lager begegnet, er habe leidenschaftlich um hohe Einsätze Backgammon gespielt, du siehst ihn im Lager an einem billigen weißen Plastiktisch stehen, sagte Farb, ein halbes Dutzend Männer schauen zu, und gelegentlich wechsle ein brauner Schein den Besitzer, zumeist am Vormittag ab halb zehn Uhr nach dem Frühstück, auch die Dänen seien schon auf dem Gelände, und der eine oder andere lasse sich einige Minuten lang aufhalten und schaue interessiert zu, die Dänen lägen fünfzehn Meter weiter direkt vor dem großen Felsblock, sie hätten eine Schwester dabei, die darauf acht gebe, daß sie regelmäßig hier in der Sonne seien.

Tilman rückte zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Farb aß ein Stück von seiner Pflaumenschnitte.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Ob das auch jetzt noch so sei, fragte Wette.

Vermutlich nicht, denn wer sich im Oktober letzten Jahres aus dem Kibbuz Be’eri hierher habe retten können, sei in die Hotels einquartiert worden, sagte Tilman, die Kriegshandlungen würden das bis dato friedfertige Leben am Toten Meer prägen, die Lage sei verändert, und die Zahl der russischen Gäste sei reduziert.

Nicht nur der russischen Gäste, sagte Wette, das Tote Meer sei zuvor ein Idyll gewesen, ein wohltuender Ort, beruhigend, heilsam nicht allein für Hautleiden.

Farb erinnerte an das Schweizer Ehepaar, das sich jedes Frühjahr für zwei Wochen dort aufgehalten habe, doch diese Zeiten, sagte er, seien vorbei, seitdem der Krieg seine häßliche Fratze dort präsentiere, und damit nicht genug, denn zudem trockne die übermäßige Entnahme von Wasser aus dem zufließenden Jordan das Tote Meer aus, an den Uferstreifen breche das Land ein, gefährliche Löcher täten sich auf, du kannst verfolgen, wie das einstige Gleichgewicht der Natur Schritt für Schritt verlorengehe, die Harmonie der vertrauten Lebenswelt kollabiere nicht nur am Toten Meer, und niemand könne ernsthaft daran zweifeln, daß der Mensch verantwortlich sei.

Der Homo sapiens, spottete Wette.

Und, fragte Annika, habe er einen Fehler gemacht.

Von nur einem Fehler zu reden, sagte Tilman, werde der Sache nicht gerecht, sondern die zentralen Abläufe wiesen sämtlich in die falsche Richtung, und wo du hinsiehst, gehe das eingespielte Gleichgewicht der Natur Schritt für Schritt verloren.

Der Mensch, sagte Wette, werde zu einem Fremdkörper.

Er habe sich zum Herrn über die Natur aufgeschwungen und überhebe sich, er könne das nicht leisten und finde sich nicht mehr zurecht inmitten des Durcheinanders, das er angerichtet habe, sagte Tilman, mit seinen wohlmeinenden Maßnahmen werde die prekäre Situation noch verschlimmbessert, allein daß er – welche Arroganz – von Naturschutz rede, sei unerträglich, sei anmaßend, eine Umkehrung der Verhältnisse, als ob der Mensch die Natur schützen könne.

Megaloman, sagte Wette.

Irreführend, sagte Farb, die Dinge seien falsch etikettiert.

Das Tote Meer ein Idyll, sagte Annika, das sei gestern gewesen.

Man sei geneigt zu sagen, bei dem, was sich abspiele, sagte Farb, handle es sich um eine Vertreibung aus dem Paradies.

| WOLF SENFF

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