//

Pharaonin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Pharaonin

Eine Grabstätte.

Ein Mausoleum.

Größer.

Sie habe es auf mehreren Ebenen anlegen lassen, sagte Ramses II., das sei zwei Jahrhunderte vor seiner Zeit geschehen, noch während der achtzehnten Dynastie, auch Echnaton habe der achtzehnten Dynastie angehört, gewiß, ja, er kenne den Totentempel in Deir el-Bahari, mit ihm habe Hatschepsut eine eigene Tradition der monumentalen Bauten begründet, die Ramessiden, ergänzte er, hätten zwei Jahrhunderte nach ihr regiert, sie gehörten der neunzehnten und der zwanzigsten Dynastie an.

Ramses II. lächelte und griff zu einem Marmorkeks.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf. Weshalb Ramses II., fragte er sich: Annika werde ihn eingeladen haben, Ramses sei nicht zum erstenmal hier, ebenso seien Ramses III. und Ramses IX. gelegentlich zu Gast, wir werden darauf zurückkommen.

Tilman reichte Farb einen Löffel Schlagsahne.

Nein, sagte Ramses II., Pyramiden seien während der achtzehnten Dynastie nicht gebaut worden, er habe zwar vor Abu Simbel monumentale Statuen errichten lassen, doch sei der Totentempel der Hatschepsut weder Grabmal noch diene er dem Personenkult, sondern sei eher ein stiller, mächtiger Ausdruck göttlicher Präsenz, massiv, gewaltig, so sehr frei von Prunk, daß man versucht sei, von minimalistischer Struktur zu reden, und wie klein doch der Mensch sei und wie abwesend, Hatschepsut habe den Sinn sakraler Architektur innovativ definiert.

Farb strich die Sahne auf seiner Pflaumenschnitte langsam und sorgfältig glatt.

Annika legte ihr Reisemagazin beiseite.

Die Zeiten hätten sich gewandelt, sagte Ramses, der Firnis der Zivilisation sei hauchdünn, und erinnerte daran, daß im November 1997 islamistische Terroristen auf der zweiten Empore des Tempels binnen fünfundvierzig Minuten nach und nach zweiundsechzig Personen kaltblütig ermordet hätten.

Das Massaker von Luxor, sagte Annika.

Sie kaperten einen Bus, sagte Ramses, wurden von ägyptischen Polizisten gestellt, flüchteten in die Berge und begingen Selbstmord.

Tilman rückte näher zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Farb aß ein Stück von seiner Pflaumenschnitte.

Annika warf einen Blick zum Gohliser Schlößchen.

Ramses überlegte, ob es unpassend gewesen sei, an das Attentat zu erinnern.

Der Totentempel, sagte er, sei unvergleichlich, ein Juwel der antiken ägyptischen Kultur, schmale zentrale Rampen führten mittig zu zwei Emporen mit frontal jeweils langgestreckten monumentalen Pfeilerhallen; erhaltene Reliefs im linksseitigen Flügel, sagte er, beschrieben die Expedition quer durch die Wüste an die Küste des Roten Meeres nach Punt, von wo Weihrauch und Myrrhe eingeführt werden sollten.
So auffällig frei von tiefschürfender Bedeutung, sagte Farb, einladend, unaufdringlich, teils aus dem Felsen geschlagen, weshalb, nein, weniger eine Grabstätte, eher ein Ort stiller Andacht, ein Exempel reiner, äußerster Verehrung.

Viele Worte, sagte Tilman abschätzig und erinnerte daran, daß der Totentempel von einer der wenigen Frauen konzipiert worden sei, die jemals Pharao wurden, vor ihr lediglich Nofrusobek am Ende der zwölften Dynastie.

Die Inthronisierung von Hatschepsut sei kein revolutionärer Akt gewesen, sagte Farb, sondern sie sei regulär in der Thronfolge vorgesehen gewesen, sie habe sich mithilfe ihres Vaters Thutmosis I. durchgesetzt und sei vorbehaltlos akzeptiert worden, eine machtbewußte Frau.

Kleopatra, fragte Annika, habe nicht auch sie als weiblicher Pharao regiert.
Kleopatra VII. habe wesentlich später gelebt, sagte Farb, und gehöre deshalb strenggenommen gar nicht auf die Liste der ägyptischen Pharaonen, sie entstamme einer griechisch-mazedonischen Dynastie und habe, eine mit allen Wassern gewaschene Herrscherin, höchst erfolgreich regiert.

Über den Tod der Hatschepsut würden verschiedene Versionen existieren, ergänzte Ramses II.: Da ihr Name aus vielen Reliefs nachträglich entfernt worden sei, nehme man heute an, einer ihrer Nachfolger habe jegliche Erinnerung an eine Frau auf dem Thron der Pharaonen auslöschen wollen.

Man vermute das, sagte Farb, doch wisse es nicht; ihr werde eine langjährige romantische Liebe mit einem ihrer engsten Berater nachgesagt, das könne letztlich zu Intrigen geführt und ihren Tod begründet haben.

Es werde ebenfalls erzählt, ergänzte Ramses II., sie sei von ihrem Nachfolger Thutmosis III., mit dem sie einige Jahre einträchtig regiert habe, ohne Blutvergießen, aber handstreichartig abgelöst worden und habe ihre letzten Jahre mit ihrem Gefährten fernab in Punt gelebt.

Eine interessante Frau, sagte Annika, und sei nicht Nefertari die langjährige Große königliche Gemahlin von Ramses II. gewesen.

Ramses II. schwieg und griff zu einem Marmorkeks.

Farb lächelte und aß von seiner Pflaumenschnitte.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Manga Day 2024: Ein Fest für Manga-Fans und Kreative

Nächster Artikel

Ein merkwürdiges Gespann

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Zuversicht

TITEL-Textfeld | Wolf  Senff: Zuversicht

Das selbstschlagende Herz?

Nein, nicht, keine Erfindung des Homo sapiens, nein.

Eine Stimme, die spricht und singt?

Auch nicht, nein, hat er nicht erfunden.

Zwei Augen, mit denen man den Blick auf die zehntausend Dinge werfen kann?

Fehlanzeige.

Tempo

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Tempo

Ob sie nicht längst auf verlorenem Posten stünden, fragte Wette.

Wie er das meine, fragte Farb.

Sie hätten den Anschluß verpaßt, sagte Wette.

Er verstehe nicht, sagte Farb.

Die Dinge liefen an ihnen vorbei, sagte Wette.

Welche Dinge, fragte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Farb strich die Sahne langsam und sorgfältig glatt.

Annika legte ihr Reisemagazin beiseite.

Auflösung

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Auflösung

Ganz ähnlich seien seine Ländereien am Roten Meer beschaffen, sagte Ramses IX., im Grunde handle es sich um unfruchtbare Einöde, nein, Tourismus habe es zu seiner Zeit nicht gegeben, das Leben existiere nicht, damit der Mensch sich vergnügen könne.

Er verstummte und blickte hinaus auf das Wasser.

Treffen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Treffen

Wie lange das schon anhalte.

Jetzt?

Sicher jetzt.

Nein, Farb, er zähle nicht nach, sagte Wette, aber sie würden einander stets sonntags besuchen, und das seit einigen Jahren.

Ein Irrtum

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Nicht wahr

Wie er sich das vorstellen müsse, fragte Farb.

Die Industriegesellschaft sei am Ende, sagte Tilman, aus, vorbei, unübersehbar am Ende, das Klima kollabiere, wohin man sehe, die vertrauten Abläufe brächen ein, Wassermassen überfluteten Wohngebiete, Feuersbrünste legten Wälder und Siedlungen in Schutt und Asche, und daß der Mensch die Natur beherrsche, sei durch die realen Abläufe widerlegt, für jedermann einsehbar widerlegt, und habe sich als fataler Irrglaube erwiesen.