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Rausch

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Rausch

Sie wollen das Leben auskosten, spottete Wette, genießen, sagte er, bis zur bitteren Neige auskosten, wie solle das gehen.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Tilman warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Allein der Mensch könne solche Vorsätze fassen, spottete Wette, er suche sein Leben selbst zu gestalten, die anderen Lebewesen wüßten sich nach den Vorgaben der Natur zu ordnen.

Dabei schieße er gern über das Ziel hinaus, der Homo sapiens, sagte Farb, und lege keinen Wert darauf, sich zu integrieren.

Er wolle das Leben auskosten, wiederholte Wette, seine Gier bringe ihn um den letzten Funken Verstand, der moderne Mensch trete vorzugsweise laut, schrill und bunt auf, selbstgestaltet, Lärm sei ihm wichtig, Lärm bedeute Präsenz, und gewiß, er nehme destruktive Konsequenzen in Kauf, das kümmere ihn nicht weiter.

Tilman reichte Farb einen Löffel Schlagsahne.

Farb strich die Sahne sorgfältig glatt.

Wette schenkte Tee ein, Yin Zhen, sie hatten das Drachenservice aufgedeckt, rostrot, das Tilman aus Beijing mitgebracht hatte, er hatte dort einen Halbmarathon gelaufen, ich erwähnte es mehrfach.

Das sei so die Vorstellung, sagte Tilman, der Mensch stürze sich hinein ins Leben, in jeder Hinsicht hochleistungsmäßig, er investiere seine Kräfte, tobe sich aus, erschöpfe sich, die Kraft lasse nach, er leide, zum Sterben gerüstet, an diversen Wehwehchen.

Und, fragte Farb.

Er erfahre sein Leben als einen Rausch, durch jeweils neueste Technologien unterfüttert, etwa den Rausch der Geschwindigkeit, auch den Rausch des Erfolgs, des Gewinnens, des Konsums.

Und, fragte Farb.

So werde ihm alles Leben entzogen, sagte Tilman, er habe längst jeden Zugang verloren, es seien andere, die das Regiment über sein Leben führten, er lasse sich täuschen, sei fremdbestimmt, das jedenfalls, sagte Tilman, sei die Stimmungslage, der Irrweg der Moderne.

Wette griff zu einem Marmorkeks.

Annika warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte.

Wohin der Blick auch falle, sagte Wette, es laufe stets auf dasselbe hinaus, die Moderne sei eine Epoche der Industriegesellschaften und ihrer herrschenden Kultur, dem Rausch der Technik verfallen; man sollte meinen, das abenteuerliche Personal im Silicon Valley oder ein so gespenstisches Projekt wie die Besiedelung des Mars würden zur Ernüchterung beitragen, aber nichts da, und niemand störe sich an dem unmäßigen Energieverbrauch der KI, alles steuere auf die Wand zu, wir erwähnten auch die Parabel des Prager Versicherungsangestellten von der Maus und der Katze, aber nein, niemand greife ein und verlange nach einer Pause, daß man wieder auf die Füße komme.

Oh die Wunder der Technik, spottete Farb, erstickend, sagte er, bis zur Besinnungslosigkeit.

Ein Rausch, sagte Wette, dichte Nebel zögen auf, total, ein kompletter Realitätsverlust bahne sich an.

Jeder Rausch, daran erinnerte Tilman, sei trügerisch und gefährlich, er versetze in luftige Höhen, jedoch er zehre ebenso unnachgiebig von der Substanz, und, sagte Tilman, er wolle sich gar nicht ausmalen, was sich abspiele, wenn diese so aggressive Kultur schließlich auf Entzug gesetzt werde.

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Nein, da könne der Mensch nicht mithalten.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Annika reichte ihm die Schale mit Sahne.

Wir seien machtlos, sagte sie, der Mensch sei schwach, aber scheue nicht zurück vor großen Worten, er plustere sich auf, er tue sich wichtig, im Parlament verweise er stolz auf seinen milliardenschweren Etat, der jedoch nicht ausreichen werde, wenigstens die drängendsten Infrastrukturmaßnahmen einzuleiten.

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Farb tat sich einen Löffel Schlagsahne auf seine Pflaumenschnitte, warf flüchtig einen Blick hinüber zum Gohliser Schlößchen und verteilte die Sahne sorgfältig über sein Stück Kuchen.

Annika schenkte Tee ein, Yin Zhen.

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